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Kultur Historisches Museum zeigt Ikonen der Zeitgeschichte
Nachrichten Kultur Historisches Museum zeigt Ikonen der Zeitgeschichte
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20:25 23.01.2012
Von Simon Benne
Thomas Hoepkers Blick auf New York am 11. September 2001. Quelle: Archiv
Hannover

Es gibt mehr davon, als man glaubt. Der entführte Hanns Martin Schleyer. Joschka Fischer in Turnschuhen. Josef Ackermann mit Victory-Fingern. Willy Brandts Kniefall. Der tödlich getroffene Benno Ohnesorg. All diese Fotos sind Schlüsselbilder. Ankerpunkte unserer kollektiven Erinnerung. Sie ragen heraus aus der Flut der Bilder. Sie pointieren ein komplexes Geschehen und verdichten eine Epoche auf einen Augenblick. Und es gibt kaum ein historisches Ereignis von Rang, zu dem es nicht eine solche Ikone gäbe.

Eine Ikone ist ja nicht nur ein bloßes Abbild, sondern eine Art Gedächtnisbild, das semiotisch die Stelle des Originals einnimmt. Sie steht nicht nur für irgendetwas, sondern in ihr ist praktisch etwas aufgehoben. Ein ganz eigener Geist. Im Historischen Museum geht es in der sehenswerten Ausstellung „Bilder im Kopf“ jetzt um genau solche Aufnahmen. Die Schau, konzipiert vom Bonner Haus der Geschichte, fragt danach, wie ein Foto zur Ikone wird. Dazu muss ein Bild natürlich erst einmal fotografisch gut sein. Dramatisch, emotional, mit eingängiger Bildsprache. Doch das sind nur notwendige, keine hinreichenden Bedingungen. Jemand muss das Bild erschaffen – und jemand muss dafür sorgen, dass es massenhaft verbreitet wird, wenn es zur Ikone werden soll.

Ikonen sind vor allem Konstrukte“, sagt Kurator Jürgen Reiche. „Sie bilden nicht Wirklichkeit ab, sondern konstruierte Wirklichkeit.“ Mehr noch: Sie konstruieren selbst Wirklichkeit, denn sie prägen ja unser Bild von der Realität. Da sind zum Beispiel die Flaggen. Flaggen über Flaggen sind auf Fotos in der Ausstellung zu sehen, und jede soll eine klare Botschaft unters Volk bringen. Amundsens norwegische Flagge 1911 am Südpol. Die sowjetische Flagge 1945 über dem Berliner Reichstag. Die amerikanische Flagge auf der Pazifikinsel Iwo Jima und auf dem Mond. Lauter gestellte Fotos, absichtsvoll verbreitet von interessierter Seite.

Teils werden mit solchen Bildern Schlachten geschlagen. Im Sommer 1961 gelang Peter Leibing – sonst auf Springreiten spezialisiert – der Schnappschuss des DDR-Bereitschaftspolizisten, der über den Stacheldraht in die Freiheit springt. Ein Mann, der für einen Sekundenbruchteil über der Systemgrenze schwebt. Ein Mann in einer Situation, in der es nur Entweder-oder gibt. Das Bild entlarvte die Propaganda vom „antifaschistischen Schutzwall“ als Märchen. Am Tag darauf verbreiteten DDR-Propagandisten Fotos von „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, sympathischen jungen Männern, die Seit an Seit vorm Brandenburger Tor stehen. Eine im Wortsinne menschliche Mauer.

Der US-Fotograf Henry Ries machte 1948 seine berühmte Aufnahme eines „Rosinenbombers“. Kinder zeigt sie. Viele Kinder. Junge Menschen. Die Zukunft ist Fleisch geworden. Sie stehen auf Trümmerbergen – und von oben schwebt wie ein Heilsengel das Flugzeug der Alliierten ein, die nicht mehr Besatzer, sondern Freunde sind. Das Bild funktionierte, die Botschaft kam an. Anders als bei dem Foto vom gefangenen Schleyer, das die RAF triumphal verbreitete. Dieses sollte den mächtigen Arbeitgeberpräsidenten dem Hohn der werktätigen Massen preisgeben. Stattdessen weckte es Mitleid. Und das Bild des verängstigten Jungen aus dem Warschauer Getto von 1943 stammt eigentlich aus einem Bericht der SS, die ihr effizientes Vorgehen dokumentieren wollte. Stattdessen illustrierte es in Schulbüchern seit den Sechzigern die Unschuld der Verfolgten – und die Gnadenlosigkeit ihrer Peiniger. Nicht jede Ikone wird als Ikone geplant, nicht immer ist die Wirkung eines Bildes berechenbar.

Von einem „Pictural Turn“ spricht Kurator Reiche für die sechziger Jahre, einem „Bilderumschwung“. Der Vietnamkrieg war ein Medienereignis, ebenso wie der Eichmann-Prozess und die Mondlandung: Immer stärker bestimmen seither Bilder unser Denken und Handeln. Sie sind oft wichtiger als Worte. Doch während wir es gewohnt sind, verbale Botschaften zu hinterfragen – wer will uns was warum verkaufen? –, halten wir Fotos oft noch immer für unbestechlich. In einer Zeit, da die Sprachkompetenz schwindet und die Bilderflut wächst, sensibilisiert diese Ausstellung an dieser Stelle für die Macht der Bilder.

An ihrem Ende steht eine Aufnahme, die bekannt ist, es aber nicht zur Ikone brachte. Pressefotograf Thomas Hoepker nahm am 11. September 2001 in New York junge Leute auf, die scheinbar gleichgültig aufs brennende Manhattan schauen. Das Foto entfachte in den USA Stürme der Entrüstung: So sind wir nicht! Dabei ist das Bild eine echte Gegenikone zu den rauchenden Twin Towers. Man kann nämlich in den jungen Leuten auch Menschen erkennen, die reflektieren. Die Abstand haben. Sie gehen nicht den Terroristen in die Falle, die den Anschlag ja auch als monströses Medienereignis inszeniert haben. In einem Krieg, der nicht mehr mit Bildern geführt wird – sondern um Bilder.

Bis zum 22. Juli. Bei der Eröffnung am Dienstag um 19 Uhr sprechen Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, und Landesbischof Ralf Meister. Am 14. Februar, 19 Uhr, diskutieren unter anderem HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt und Sprengel-Museumsdirektor Ulrich Krempel über die Frage „Machen Bilder Politik?“. Infos: 0511-16843052.

In Marco Štormans Inszenierung von „Emilia Galotti“, der schon mehrmals am Schauspiel Hannover inszeniert und 2010 für die theatralische Hochsitzaktion in der hannoverschen Innenstadt „Da ist nichts hier, alles voll Gewimmels“ den provisio Kulturpreis der Stiftung der Kulturregion Hannover erhalten hat, kommen die Figuren recht modern daher.

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