Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Auf die große Bühne
Nachrichten Kultur Auf die große Bühne
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:17 23.08.2014
Foto: Multitalent: Diplomat, Bischof und Komponist Agostino Steffani.
Multitalent: Diplomat, Bischof und Komponist Agostino Steffani. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Vor etwas mehr als 25 Jahren hatte der damalige Opernintendant Hans-Peter Lehmann die Idee, zum 300. Geburtstag der hannoverschen Oper das Stück aufzuführen, mit dem das erste Opernhaus an der Leine eröffnet worden war: „Henrico Leone“ von Agostino Steffani. Der war damals der hannoversche Hofopernkomponist. Hinter dem Titel verbirgt sich nichts anderes als die italienische Version von Heinrich dem Löwen. Es ist ein politisches Stück und damit bezeichnend für seinen Schöpfer. Steffani war nicht nur Komponist, sondern auch Geistlicher und Diplomat - und legte großen Wert auf die Inhalte seiner Opernstoffe.

Genau darum geht es auch Lajos Rovatkay, der Steffani und seine Werke bestens kennt und jetzt in Hannover das Forum Agostino Steffani gegründet hat.Der frühere Professor der Hochschule für Musik, Theater und Medien hat Steffani schon vor Jahrzehnten entdeckt. In den sechziger Jahren hat er zum ersten Mal nach langer Zeit Werke des Italieners wieder aufgeführt. 1981 ist die „Capella Agostino Steffani“, die heutige hannoversche Hofkapelle, als Spezialensemble für die Musik jener Zeit gegründet worden. Es sei also kein weiter Schritt zu Steffani gewesen, so Rovatkay, als damals Hans-Peter Lehmann auf ihn zukam und ihn fragte, ob er „Henrico Leone“ im Lavesbau machen wolle.

Die Produktion wurde zu einem unerwarteten Erfolg. Nichtsdestotrotz sei die Wiederbelebung von Steffanis Werk damals eine Eintagsfliege geblieben, sagt Rovatkay. Es sei ein bisschen wie mit Leibniz, der in Hannover bis vor einigen Jahren vor allem als Namensgeber eines Kekses bekannt gewesen sei, nicht aber in seiner Bedeutung als Universalgelehrter. Höchstwahrscheinlich war es sogar Leibniz’ Vermittlung, die den 1654 in Venetien geborenen Steffani 1688 als Hofkomponisten und Kapellmeister nach Hannover brachte.

Das Forum Agostino Steffani soll eine jährlich stattfindende Einrichtung in Hannover werden. Dafür setzt sich Lajos Rovatkay mit unermüdlichem Engagement ein. „Ich bin bislang auf wenig Hindernisse gestoßen, im Gegenteil, die Begeisterung ist groß, das möchte ich sehr betonen.“ Dass es dennoch Hindernisse zu überwinden gilt, versteht sich bei einem neuen und ungewöhnlichen Projekt fast von selbst. Eine Hürde ist die Suche nach einem geeigneten Aufführungsort für die 2015 und 2016 geplanten Inszenierungen zweier Opern Steffanis. Die Galerie in Herrenhausen ist Rovatkays erste Wahl, doch da seien noch Widerstände zu spüren. „Viele sind von dem Projekt aber überzeugt. Daher wird es nicht sterben.“

Rovatkay zeigt sich zuversichtlich. Immerhin geht es um eine Sache, die keineswegs nur für Hannover interessant ist. Es gilt, einen in Vergessenheit geratenen Komponisten wiederzuentdecken. „Er packt die Menschen durch seine unglaubliche kantable Qualität“, sagt Rovatkay. Steffani hat ausschließlich Vokalmusik geschrieben, der menschlichen Stimme galt seine ganze Aufmerksamkeit. „Es gibt kaum einen Komponisten, der ihn in dieser vokalen Qualität übertroffen hat.“ Außerdem habe er das Komponieren durch die Synthese des französischen und italienischen Stils weiterentwickelt. Die melodische Großzügigkeit der Italiener und die einfache, aber sehr tänzerische Art der Franzosen wurden miteinander verknüpft. „Der sogenannte deutsche spätbarocke Stil ist nichts anderes als das Ergebnis dieser Fusion aus italienischen und französischen Elementen“, erklärt Rovatkay. „Es gab Menschen, die über Steffani schreiben, er sei in der Zeit um 1690 einer der einflussreichsten Komponisten überhaupt gewesen“, ergänzt Rovatkay.

Im Eröffnungsjahr des Forum Agostino Steffani gibt es ein festliches Konzert und ein Symposium. Auf dem Programm des Konzertes am 18. September in der Neustädter Hof- und Stadtkirche stehen neben Werken Steffanis auch solche ebenfalls in Vergessenheit geratener italienischer Komponisten, bei denen er gelernt hat. Außerdem Werke von Komponisten, die in Hannover für die Hofmusik zu seiner Zeit eine Rolle spielten. „Wir propagieren das Unbekannte nicht deswegen, weil es eine Novität ist.“ Rovatkay möchte auf eine wichtige musikhistorische Epoche aufmerksam machen. Und das nicht nur auf praktischer Ebene: Nach dem Eröffnungskonzert folgt am 19. und 20. September ein internationales und interdisziplinäres Symposium, bei dem Musikwissenschaft, Musikpraxis und Geschichtswissenschaft zusammenwirken. Dafür hat er erfahrene Kollegen und Steffani-Kenner wie den britischen Musikwissenschaftler Colin Timms und die Historikerin Claudia Kaufold gewonnen. Neben Vorträgen wird es interaktive Workshops geben, an denen auch das Publikum beteiligt werden soll.

Lajos Rovatkay freut sich, für die erste Runde des Forums die Volkswagenstiftung, die Sparkasse Hannover, die Niedersächsische Sparkassenstiftung sowie Region und Stadt als Förderer gewonnen zu haben. Agostino Steffani soll endlich wieder klingende Spuren in Hannover hinterlassen. Sichtbare gibt es schon: Steffani, der 1680 die Priesterweihe empfangen hatte, initiierte in seiner Funktion als Apostolischer Vikar des Nordens endgültig den Bau und die Einweihung der Basilika St. Clemens.

Von Christian Schütte

Karten für das Konzert am 18. September gibt es in der Buchhandlung an der Marktkirche, Telefon (05 11) 30 63 07. Weitere Infos unter www.forum-agostino-steffani.de.

Kultur „Too slow to Disco“ - Wo Lebowski irrt
Tobias Morchner 20.08.2014
20.08.2014
Kultur „Zwei Reiter am Strand“ sind Raubkunst - Gurlitt-Erbe noch ungeklärt
19.08.2014