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Kultur Horster: „Nicht allein der Intuition trauen“
Nachrichten Kultur Horster: „Nicht allein der Intuition trauen“
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19:22 09.08.2012
Von Karl-Ludwig Baader
Sozialphilosoph Detlef Horster spricht im HAZ-Interview über sein neues Buch. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Die Fragen stellte Karl-Ludwig Baader.

Schon wieder ein Lesebuch, eine kommentierte Sammlung mit philosophischen Texten? Es gibt doch schon genug.

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Es gibt tatsächlich viele Auswahlbände. Die gehen aber alle historisch vor. Meine Sammlung ist bewusst anders gestaltet. Es gibt ja heutzutage unglaublich viele Äußerungen zur Ethik. Da fällt es den Menschen schwer zu erkennen, um welches Gebiet der Ethik es sich jeweils handelt. Deshalb habe ich die Texte nach systematischen Kriterien angeordnet.

Wem hilft Ihre systematische Ordnung?

Zum Beispiel Studentinnen und Studenten. Sie sollten einen Text, der ihnen vorgelegt wird, präzise einordnen können. Es gilt etwa das zu vermeiden, was man den „naturalistischen Fehlschluss“ nennt, wenn man also vom Sein aufs Sollen schließt. Was leicht passiert, wenn Sie einen deskriptiven Text nicht von einem normativ orientierten unterscheiden können.

Welche Ansätze stellen Sie vor?

Ich unterscheide deskriptive und normative Ansätze, stelle Positionen der Metaethik vor und widme mich dann der angewandten Ethik, die mit der Entwicklung neuer Bio- oder Medizintechnologien wichtiger wird. Dabei muss außerdem zwischen den voneinander abweichenden Ausprägungen der einzelnen Ansätze unterschieden werden. Ich wollte durch diesen Dschungel einen Weg bahnen.

Wie hat man sich diese Varianten vorzustellen?

Nehmen wir als Beispiel die Metaethik. Diese relativ neue Disziplin will deutlich machen, was überhaupt ethische Normen sind. Ob sie objektiv, subjektiv oder intersubjektiv sind. Unter den Metaethikern gibt es so genannte moralische Realisten und moralische Nonrealisten. Die ersteren halten moralische Normen für genauso objektiv wie natürliche Gegenstände. Nur, dass bei deren Erkenntnis anstelle der Wahrnehmung die Intuition tritt. Die Nonrealisten gehen davon aus, dass Regeln intersubjektiv zustande kommen, durch Aushandeln. Jede dieser Positionen haben wieder unterschiedliche Varianten.

Könnte man bestimmten gesellschaftlichen Bereichen bestimmte normative Ansätze zuordnen, etwa der Wirtschaft den Utilitarismus?

Es ist naheliegend, dass man in der Wirtschaft eher dem Utilitarismus folgt, also die Frage behandelt wird: Was kommt dabei heraus, wenn ich so und so handle? Wir haben es aber oft nicht mit reinen Formen normativer Ethik zu tun, auch wenn man normalerweise von einem bestimmten Ansatz ausgeht. Ein Beispiel für eine Mischform wäre etwa das vierte Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden“ – der erste Satzteil entspricht der Pflichtethik, der zweite ist utilitaristisch.

Argumentieren alle Philosophen „gemischt“?

Oft ist das so. Nehmen wir mal Sokrates. Er sagt, man muss sich an bestimmte moralische Pflichten halten und gibt dabei zu bedenken, dass, wer das nicht tut, Gewissensbisse riskiert, sich also als Folge einem unangenehmen bis schmerzenden Gefühl aussetzt.

Könnte man eine Systematik nicht auch nach Kulturräumen ordnen?

Mit diesen Unterschieden beschäftigt sich ja die deskriptive, die beschreibende Ethik, die als ein Gebiet in meinem Band dargestellt wird.

Über asiatische Ethiken habe ich in Ihrem Buch aber nichts gefunden.

Ich beschränke mich tatsächlich auf unseren Kulturraum. Ein Band, der sich interkulturellen Ansätzen widmet, wird von Eike Bohlken vom hannoverschen Forschungsinstitut Philosophie vorbereitet.

Aber man kann sich auch mit den Kulturkonflikten innerhalb unserer multikulturellen Gesellschaft befassen. Oder muss man es nicht sogar?

Das ist auf jeden Fall eine wichtige Aufgabe der Ethik, also der Wissenschaft von der Moral. Es gibt immer eine gesellschaftliche Moral, an die sich alle halten sollen. Und wir haben unterschiedliche moralische Regeln, die nur in einer Gemeinschaft gelten. Das Verbot vorehelichen Geschlechtsverkehrs kann die katholische Kirche für ihre Mitglieder aussprechen. Das kann aber nicht Bestandteil gesellschaftlicher Moral sein.

Es gibt derzeit viele Kulturkonflikte, etwa in der Frage der Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen.

Hier handelt es sich um ein so genanntes moralisches Dilemma. Um eine Entscheidung zu treffen, brauche ich nicht nur die Kenntnis moralischer Normen, sondern vor allem sachbezogene Informationen. Aber bei wem hole ich sie ein? Ein Informant kann mich ja manipulieren und funktionalisieren wollen. Wie bekomme ich möglichst objektive Informationen?

Die jüngste Debatte um die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen ist doch ein solcher Kulturkonflikt, oder?

Tatsächlich haben wir es hier mit einem echten moralischen Dilemma zu tun. Auf der einen Seite steht die Pflicht, die Religionsfreiheit schützen, und auf der anderen die Pflicht, die körperliche Unversehrtheit zu wahren. Die Ärzte, die ich befragt habe, sagen beispielsweise, dass Frauen, die der jüdischen Religion angehören, in psychische Schwierigkeiten geraten, wenn sie vor der Geburt erfahren, dass sie einen Jungen bekommen, weil sich bei ihnen durch die hormonelle Disposition Schutzinstinkte regen. Auch die Stillbeziehung, die erst aufgebaut werden muss, werde gestört. Zudem erleidet ein Baby, dessen Wunde in einer Urinwindel liegt, unerträgliche Schmerzen bis die Wunde geheilt ist. Man kann die Religion auch ausüben ohne dieses Ritual.

Können Sie den Juden vorschreiben, wie sie die Regeln ihrer Religion verstehen?

Nein, natürlich nicht, aber ich kann feststellen, dass in unserer Gesellschaft die körperliche Unversehrtheit ein ganz hohes Gut ist, das Geltung beansprucht.

Sie können mir als Ethiker aber auch nicht eindeutig sagen, was gut und böse ist.

Das nicht, aber ich kann einen Weg zur Entscheidung aufzeigen. Es gibt viele Konflikte, in denen zwei moralische Pflichten gegeneinander stehen, wie der eben genannte. Oft kann man einer Pflicht nur nachkommen, wenn man einer anderen Pflicht nicht nachkommt oder sie gar verletzt. Ich kann nur dabei helfen, wie man aus dem Dilemma herausfindet, wie man die Aspekte gegeneinander abwägt. Aber ich kann niemandem die persönliche Entscheidung abnehmen.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich zu jedem Interesse die passende Ethik findet und damit nur legitimiert wird, was ohnehin geschieht oder beabsichtigt ist?

Wer sich so verhält, gibt der normativen Kraft des Faktischen den Vorzug. Und die hat mit Moral nichts zu tun. Am Beispiel der Pränataldiagnostik lässt sich das zeigen: Eine Technik, die schon lange genutzt wird, ohne gleich eine breite ethische Debatte auszulösen, wurde allmählich stillschweigend akzeptiert. Nun ist sie aber nach der Entwicklung eines Bluttests, mit dem beispielsweise eine Früherkennung des Down-Syndroms möglich ist, neu entflammt. Aus der Tatsache, dass es bisher so gemacht wurde, ergibt sich nicht, dass es deshalb auch moralisch vertretbar sei, das wäre ein naturalistischer Fehlschluss.

Wo würden Sie sich denn einordnen?

In meinem Buch, das eine neutrale Darstellung der Vielfalt der Ansätze anstrebt, konnte ich nicht eine der Positionen stark machen. Ich würde mich als moralischen Realisten bezeichnen und sagen, dass es objektive Regeln gibt, die man intuitiv erfassen kann. Über Intuitionen kann man genauso im Irrtum sein wie über Wahrnehmungen. Darum sage ich, dass die Intuition mit meinen anderen moralischen Überzeugungen übereinstimmen muss. Ich habe es wie viele Eltern spontan und intuitiv für vertretbar gehalten, als im Fall des entführten Bankierssohn Jakob von Metzler die Polizei dem Täter mit der Anwendung von Folter gedroht hat. Aber natürlich kann man nicht einfach eine menschenrechtliche Regel, die über Jahrhunderte durchgesetzt werden musste, über den Haufen werfen. Man müsste nämlich, wenn man die Folterandrohung gutheißt, die These vertreten, dass es moralisch gut sei, andere Personen zu bedrohen. Das aber wäre absurd.

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Zur Person

Detlef Horster, emeritierter Professor für Sozialphilosophie an der Leibniz Universität Hannover, hat jüngst im Stuttgarter Reclam Verlag den Band „Texte zur Ethik“ (415 Seiten, 12,80 Euro) herausgegeben. Er ordnet darin philosophische Positionen nach systematischen Gesichtspunkten und kommentiert jeweils ausführlich die unterschiedlichen theoretischen Ansätze.

Da, so Horster im Vorwort, die meisten der hier vorgestellten vier Typen (Deskriptive Ethik, Metaethik, Normative und Angewandte Ethik) jüngeren Datums sind, „wurden Texte aus der Neuzeit vorhergehenden Epochen nicht oder nur in begründeten Ausnahmen aufgenommen“.

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