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00:15 22.03.2014
Von Uwe Janssen
Hello again: Mit seinem unverwechselbaren Gesang bringt Carpendale 2000 Zuschauer in Stimmung.
Hello again: Mit seinem unverwechselbaren Gesang bringt Carpendale 2000 Zuschauer in Stimmung. Quelle: Behrens
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Hannover

Isch. Disch. Nischt. Rischtig. Wischtig. Deutsche Sprache, Zischlautsprache. Mittlerweile. Wer hat’s erfunden? Die Rapper? Die Türken?  Nein. Howie.

Vor 45 Jahren hat er begonnen, das „sch“ dahin zu singen, wo eigentlich ein „ch“ steht, und diese Manipulation durch kontinuierliches Infiltrieren von Hits in deutsche Schlagerhirne zu einer Hörgewohnheit zu machen. Angefangen hat alles mit dem schönen Mädschen von Seite eins, und da es im Schlager hauptsächlich um disch und misch geht, konnte Howard Carpendale sisch rischtig austoben. Und tat das auch. Nachhaltiger jedenfalls als Kollege Bata Illic, der zeitgleich ebenfalls das deutsche „ch“ mit Schlagertexten attackierte, allerdings mit einer harten Lautverschiebung zu „ck“ („Mickaelahaha“). Die Spätfolgen? Illic halbnackt im Dschungelcamp, Carpendale mit Seidenschal in Hannover.

68 Jahre - na, und? Howard Carpendale singt und singt und singt. Gestern in Hannover. Die gut 2000 Zuschauerinnen und ein tapferes Kleinkontingent Männer in der Swiss Life Hall erleben nicht nur ihren "Howie", vor ihnen steht der deutsche Schlager.

In der Swiss-Life-Hall haben sich zweitausend Frauen und ein tapferes Kleinkontingent Männer eingefunden, um den Schöpfer dieser charmanten Sprachaberration zu feiern. Sie erleben nicht nur Howard Carpendale, ihnen erscheint der deutsche Schlager. Mit vielen seiner Erfolgsgeheimnisse. Carpendale hatte seine Rolle Anfang der Siebziger schnell gefunden, als sanfter Riese. Heute ist er nicht mehr so schlank wie früher und wirkt noch ein bisschen riesiger, doch den Sanften macht er immer noch. „Hey“, raunt er mit seiner tiefen, samtigen Stimme ins Auditorium, „die paar Männer, die da sitzen – bisschen frustriert?“

Humor, stimmt, das war auch immer der Howie, sanfter Humor natürlich. Augenzwinkernd, nie ausfallend. Alte Schule. Mickie-Krause-Witz gab es damals in der Schlaghosenära der kreuzbiederen ZDF-„Hitparade“ sowieso nicht, aber in der Schwiegersohn-Rangliste versuchte es der Südafrikaner gegen fröhlich hüpfende Grinsbäckchen wie Jürgen Marcus immer schon mit einem gewissen Stil. Auch heute noch. Lässig ist chic, zu lässig nicht zulässig. 68 ist er jetzt, aber das Haar sitzt, die Augen leuchten, und „Alter ist sowieso nur ein Zahl“. Der wuchtige Mann ist mit dem Schal und den Klunckern am Handgelenk etwas zu sehr Las Vegas, aber sonst hat er an Tadellosigkeit nichts verloren.

Schon das Mikro. Niemand hält das Mikro wie er. Selbst diese dicken, schlaufenlosen Funkmikros hält er so, wenn er am Bühnenrand umherwandert: Nicht mit voller Pranke umfasst, sondern mit den Fingern gehalten und seitlich an den Mund geführt, so dass jeder Satz Bedeutung bekommt. Stimmt natürlich nicht, aber, hallo, wir sind im Showgeschäft!

„Was kommt jetzt für’n Lied?“, fragt er nach zehn Minuten scheinheilig in den Saal, und die nächsten zwei Worte, „Hello“ und „again“, lassen die Damen das tun, was sie eh die ganze Zeit vorhatten, seit er da vorn steht: Sie springen von ihren Stühlen auf. Er war ja schon mal zurückgetreten, 2003. Fünf Jahre hatte er es ausgehalten bis zu seiner Rückkehr auf die Bühne. Seitdem: Hello again.

Damit die Fans in Hannover prüfen können, ob er es auch wirklich ist, dreht er gemächlich eine Runde durchs Publikum, schüttelt singend Hände, lässt sich singend umarmen, nimmt singend Geschenke entgegen. Wie damals bei Heck. Gelernt ist gelernt. Er ist nah bei den Leuten UND höflich distanziert – auch sprachlich: „Ein Melodie, bei der ihr mitsummen könnt, auch wenn Sie es nischt kennen.“ Dann nennt er eine Zahl, die noch beeindruckender ist als die 25 Millionen Tonträger, die er im Laufe seiner Karriere verkauft hat. Etwa 700 Titel, sagt er, habe er insgesamt eingespielt. Und genau deshalb singt er aus diesem Fundus neben neuen ein paar unbekannte Songs. Zunächst.

Aber ohne Hits lässt ihn natürlich keiner gehen. Welche das sein könnten, wird in kleineren oder auch größeren, fröhlich juchzenden Frauenzirkeln während des Auf- oder Nachtankens in der Pause besprochen. Auffällig ist, dass das Publikum im Schnitt deutlich jünger ist als der Sänger.

Das schöne Mädschen steht bei vielen im Saal ganz oben, außer bei einem: „Wollt ihr das unbedingt hören?“, fragt Carpendale. Er weiß natürlich, was er dem Song zu verdanken hat, und deshalb verspricht er einen „Deal“: eine aktualisierte Fassung. Angst kommt auf. Wird der Text über die Dame, die er „vom Katalohog aus dem Versandhaus“ bestellen möchte, ans Internetzeitalter angepasst? Streicht er gar die so emanzipatorisch und grammatikalisch fragwürdige wie legendäre Strophe „Schick mir nicht Gardinen, und keine Nähmaschinen und keine Filzpantinen, was soll mir alles das?“ Bitte nischt!

Aktualisierung ist in der an sich konservativen Welt von Altstars ein heikles Thema. Schließlich setzt man sich ja nicht in eine Zeitmaschine, um mit Karacho durchs hippe Jetzt gefahren zu werden. Die Zeitmaschine Carpendale kostet obendrein saftige Preise, wer nah am Fahrer sitzen will, hat knapp 100 Euro bezahlt.  

Aber in Hannover reisen alle gut gelaunt  mit. Beim Mädschen-Deal geht es nur um ein neues musikalisches Arrangement, mit überflüssigem Rap-Teil eines Backgroundsängers. Zum Ende packt Carpendale dann aber doch seine Hitsammlung aus. „Samstag Nacht“, „Wie frei willst du sein“, „Tür an Tür mit who the fuck is Alice“, „Geh doch“, „Nachts, wenn alles schläft“. Auch wenn er die ganz hohen Töne nicht mehr lückenlos trifft –  Carpendale-Songs sind, als ob man Watte hören könnte.

Am Ende verspricht er: „Es wird alles gut.“ Zustimmung im Saal, vor allem, weil Howie noch einige Zugaben dranhängt. Unter anderem – vor knallrotem Hintergrund – „Ti amo“. Kann ein Schlagerabend passender enden?

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