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Kultur Hungern gegen den Stumpfsinn
Nachrichten Kultur Hungern gegen den Stumpfsinn
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09:28 24.09.2009
Der Schauspieler Philippe Goos in einem Hochsitz. Quelle: lni/Handout
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Sechs Tage nichts essen, keine Privatsphäre, einpfercht auf zwei Quadratmetern: Hendrik Pohl ist 31 Jahre alt, depressiv und will fliehen. Raus aus Konventionen, Konsumwahn und dem alltäglichen Stumpfsinn. Sein Fluchtpunkt ist ein Hochsitz mit einer Bank und zwei Fenstern. Das Schauspiel Hannover und die Kulturfiliale inszenieren vom 26. September bis 1. Oktober einen erschütternden Fall mitten in der Innenstadt. Dort, wo das Leben oft im beschleunigten Gang seine Bahnen zieht.

Die Aktion „Da ist nichts leer, alles voll Gewimmels“ ruft ein Ereignis aus der Vergangenheit ins Gedächtnis: Im Dezember 2007 verhungert ein 58-Jähriger aus Hannover auf einem Hochsitz im niedersächsischen Solling. Er sah den Selbstmord als einzigen Ausweg, um der Arbeitslosigkeit und sozialen Isolation zu entrinnen.

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„Wir stellen den Fall nicht nach“, betont Regisseur Marco Ätorman. „Es geht darum zu hinterfragen, warum sich ein Mensch selber ausgelöscht hat und wie haltungslos unsere Gesellschaft ist.“ Das Theater als Schauplatz, kam für die Gruppe Kulturfiliale nicht infrage. „Hätten wir es im Theater aufgeführt, wäre es ein Kunstgriff gewesen“, sagt Ätorman. „Wir wollten den Zuschauer involvieren und Menschen erreichen, die nicht ins Theater gehen würden.“ Die Zuschauer sollen miterleben, wie sich Hendrik Pohl in sechs Tagen entwickelt.

Hendrik Pohl ist ein arbeitsloser Akademiker. Verlassen von seiner Freundin versucht er etwas zu finden, was er nicht hat - eine Identität. In der selbst gewählten Isolationshaft auf dem Platz der Weltausstellung beginnt sein Drama. „Ich nehme eine Haltung ein“, sagt Philippe Goos, der Pohl verkörpert. Und zwar eine, die die Gesellschaft verweigert: „Ich gehe raus aus der Lähmung.“

Hendrik Pohl fordert die Besucher auf, eine Haltung gegenüber allem einzunehmen. Sie sollen sich besinnen, das alltägliche Leben entschleunigen. „Pohl soll wie ein Spiegel funktionieren“, sagt Ätorman. Die Menschen sollen aufgerüttelt werden. Sie sollen ihre Umgebung bewusst wahrnehmen und sich nicht wie ein nasser Lappen mit Scheuklappen von einer Alltagssituation in die andere durchreichen lassen.

Der Hochsitz dient Pohl als Vakuum, eine Zeitkapsel, in die man sich setzt und alles um sich vergisst. Kein Geräusch dringt von außen rein. „Die Leute können zu Pohl rauf und sich zu ihm setzen, mit ihm sprechen oder einfach nur schweigen“, erklärt der Regisseur. Sie können ihre Lebensgeschichte mit Pohl teilen. Die von einer Kamera aufgezeichneten Gespräche können in gekürzter und anonymisierter Form in einem Container, der neben dem Hochsitz steht, angehört werden. Das Material will die Gruppe zu einem Film zusammenschneiden und später präsentieren.

„Es ist ein Experiment“, sagt der Regisseur. Der Schauspieler wird durchgehend von einer Kamera gefilmt. Alles, was er in den zwei Metern Höhe macht, verfolgt der Zuschauer am Flachbildschirm im Container. „Wenn ich mich irgendwann unwohl fühlen sollte, kann ich mich in den toten Winkel der Kamera begeben“, sagt der 29 Jahre alte Schauspieler. Es gehe ihm nicht um seinen Erfahrungstrip, sondern um den der Zuschauer. Der Hochsitz soll ein Ort der Auseinandersetzung, ein Ort des Streits sein.

Einen Skandal will der Regisseur mit der tragischen Geschichte um einen Selbstmord nicht provozieren. „Das ganze wäre nur dann problematisch, wenn wir den Vorfall von Solling missbrauchen würden und nicht wüsste, was wir tun“, bekräftigt Ätorman.

lni

Jutta Rinas 22.09.2009