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Kultur „Ich bin kein Clown“
Nachrichten Kultur „Ich bin kein Clown“
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21:46 06.10.2013
Karriereherbst: Dieter Hallervorden hat sich genau so akribisch auf seine Rolle vorbereitet wie seine Filmfigur Paul Averhoff auf dessen letztes Rennen. Quelle: Unviersum
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Hannover

Dieter Hallervorden hat den Nonsens zum Prinzip erhoben: Mit Sendungen wie „Nonstop Nonsens“ oder „Hallervordens Spott-Light“ wurde er bekannt, aber der 78-Jährige kann noch viel mehr. Er ist Kabarettist, Theaterleiter, Schauspieler auch im ernsten Fach. Und nun kehrt er mit „Sein letztes Rennen“ auf die Leinwand zurück. Hallervorden spielt einen ins Altersheim abgeschobenen Marathonläufer. Am Donnerstag, 
10. Oktober, um 19 Uhr stellt Hallervorden den Film zusammen mit Regisseur Kilian Riedhof im hannoverschen Hochhaus-Kino vor.

Herr Hallervorden, in „Sein letztes Rennen“ spielen Sie einen alten Marathonläufer, der es noch mal wissen will. Welches ist die längste Strecke, die Sie je am Stück gelaufen sind?

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In Schülerzeiten war ich in Tausend-Meter-Läufen gar nicht schlecht, aber Marathon bin ich nie gelaufen.

Aber für den Film haben Sie tüchtig trainiert?

Noch nie habe ich mich auf eine berufliche Aufgabe so sorgfältig vorbereitet: Ich habe fünfeinhalb Monate trainiert, war zweimal pro Woche im Fitnessstudio, bin täglich gelaufen, habe meine Ernährung umgestellt, keinen Alkohol getrunken – und neun Kilo abgenommen.

Klingt hart.

Ich habe mich kasteit, aber sonst hätte es für den Film nicht gereicht. Ich bin ein Pflichtmensch: Wenn ich den Vertrag unterschreibe, weiß ich, was der Produzent – zu Recht! – von mir erwartet.

Also könnten Sie beim nächsten Marathon auf die Zehn-Kilometer-Strecke gehen?

Könnte schon, würde ich aber nie tun. Ich habe viele Ziele, privat und beruflich. Aber dazu gehört nicht, zehn Kilometer zu laufen.

Imponiert Ihnen so ein Langstreckenläufer wenigstens?

Kann ich gar nicht sagen. Es gibt Leute, die laufen Hunderte von Kilometern am Stück. Das halte ich für verrückt. Ich glaube auch nicht, dass das gesund ist.

In Ihrem Film steht der Umgang mit dem Alter im Mittelpunkt. Sie sind kürzlich 78 geworden. Wie nah ist Ihnen die Rolle dieses Paul Averhoff, der sich im Pflegeheim wiederfindet?

Da ich glücklicherweise gute Gene habe, noch immer in ganzen Sätzen rede und meine Beine mich tragen, ist die Rolle für mich ziemlich weit weg. Aber dieser Paul und ich haben ein ähnliches Lebensmotto. Er sagt immer: Wer stehen bleibt, hat schon verloren. Und ich sage: Man muss immer einmal mehr aufstehen als hinfallen. Ich würde mir genauso wenig wie er etwas vom Pflegepersonal vorschreiben lassen.

Na gut, aber mit 78 fragt man sich doch mal: Könnte ich im Altenheim leben?

Ich habe vorgesorgt und eine 25 Jahre jüngere Frau geheiratet. Die wird mich hoffentlich davor bewahren.

Liegen Patientenverfügung und all diese Dinge bei Ihnen parat?

Das Einzige, was ich gemacht habe, ist ein Testament. Ansonsten habe ich gar nichts verfügt. Bei mir herrscht das absolute Chaos.

Okay, reden wir übers Jungsein: 
Als Sie noch nicht Didi waren, haben Sie Romanistik studiert. Was wollten Sie damit?

Auslandskorrespondent werden. Ich habe auch Publizistik studiert. Aber dann habe ich – noch im Doktorandenseminar – aus meinem Hobby als Schauspieler einen Beruf gemacht.

Zuvor aber haben Sie an der Humboldt-Universität bei Victor Klemperer studiert, dessen Buch „LTI“ über die Sprache der Nationalsozialisten bis heute ein Standardwerk ist. Welchen Einfluss hatte Klemperer auf Sie?

Er hat mir französische Literatur nahegebracht. Faszinierend, wie er eineinhalb Stunden lang in freier Rede gesprochen hat. Was mich aber gewundert hat: Dass ein so intelligenter Mann um Anerkennung im DDR-Regime gebuhlt hat. Das war mir unbegreiflich.

Sie dagegen haben 1958 die DDR verlassen. Wie kam es dazu?

Daran war die Stasi schuld, der ich gerade so von der Schippe gesprungen bin. Und es stand die Sehnsucht eines jungen Menschen dahinter, frei seine Meinung zu äußern und sich frei zu informieren.

Im Westen sind Sie 1970 bekannt geworden mit dem „Millionenspiel“, 
das heute ein TV-Klassiker über die Auswüchse der Mediengesellschaft ist. Wie sind Sie von da ins komische Fach gewechselt?

Lassen Sie es mich so sagen: Wohlmeinende Kritiker haben immer gewusst, dass ich beides kann, ernst und komisch. Aber dann kam „Nonstop Nonsens“ und „Hallervordens Spott-Light“. Vieles war auf Zwerchfell getrimmt. Und dann habe ich gewartet, dass man mich wieder etwas anderes machen lässt.

Hat ein wenig gedauert.

Stimmt, aber jetzt ist es so weit. Ich habe im Vorjahr im Film „Das Mädchen und der Tod“ eine bitterböse Rolle gespielt oder kürzlich in „Das Kind“ einen Kinderschänder – war zwar nur eine kleine Nebenrolle, aber es machte Spaß zu zeigen, dass es falsch ist, mich auf „Palim- Palim!“ zu reduzieren. Ich will aber kein Kino-Comeback, weil ich mich danach sehne, meine Fresse noch mal groß auf der Leinwand zu sehen, sondern weil mir der Film am Herzen liegt.

Werden Sie im Supermarkt noch von ganz witzigen Zeitgenossen gefragt, ob Sie Pommes in Flaschen kaufen?

Kommt vor. Ich frag mich dann: Wes Geistes Kind bist denn du? Andererseits ist es schön, wenn ein Sketch so lange Bestand hat.

Haben Sie Didi manchmal verflucht?

Nein, den habe ich ja selbst geschaffen. Ich musste mich aber von dieser Figur verabschieden, weil ich mit ihr keine neuen Ufer erreichen konnte. Ich gönne es Kollegen von Herzen, die mit immer derselben Rolle reüssieren. Aber wenn ich den- oder diejenige einmal gesehen habe, habe ich alles gesehen.

Fühlen Sie sich manchmal genötigt, komisch zu sein, weil die Leute Sie so sehen wollen?

Ich bin total verklemmt, wenn Leute erwarten, dass ich die Gabel fallen lasse oder die Treppe runterpurzele. Ich bin kein Clown. Und ich leiste mir den Luxus, eine Spur intelligenter zu sein, als manche es annehmen.

Lachen Sie über heutigen TV-Humor?

Da möchte ich lieber nicht drüber reden. Löbliche Ausnahmen sind für mich aber Anke Engelke und Olli Dittrich. Könnte sich mancher ein Beispiel dran nehmen.

Welches ist Ihnen das wichtigste Medium: Fernsehen, Kino, Kabarett?

Theater. Die Bühne ist die Keimzelle unseres Berufs. Ihr gehört meine Leidenschaft. Mein Herzensprojekt ist die Rettung des Schlosspark-Theaters in Berlin, das ich vor knapp fünf Jahren mit eigenem Geld aus dem Dornröschenschlaf erweckt habe. Ich mache den Spielplan, stehe auf der Bühne und bin als Intendant tätig. Und dann gibt es ja noch das Kabarett „Die Wühlmäuse“, das ich vor 52 Jahren gegründet habe.

Aller Begeisterung zum Trotz: Sie nennen eine Insel vor der bretonischen Küste ihr Eigen. Haben Sie sich schon mal reif für die Insel gefühlt?

Ich bin sehr geräuschempfindlich, und die Welt wird immer lauter. Die Insel habe ich vor einem Vierteljahrhundert als Rückzugsort gekauft. Sie hat gerade mal 17.000 Quadratmeter und war billiger als meine Eigentumswohnung in Berlin. Zwischendurch hätte ich mir vorstellen können, nur noch zu segeln oder zu surfen. Aber mit der Geburt meines jüngsten Sohnes Johannes vor 15 Jahren hat sich das alles noch mal gedreht.

Interview: Stefan Stosch

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