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Kultur Levit debütiert bei Berliner Philharmonikern
Nachrichten Kultur Levit debütiert bei Berliner Philharmonikern
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00:21 09.04.2015
Igor Levit. Quelle: Jan Philipp Eberstein
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Baden-Baden

Am Ende ist Igor Levit die Erleichterung anzumerken. Nach dem Schlussakkord von Robert Schumanns Klavierkonzert nimmt er mit einem etwas verlegenen Lächeln den stürmischen Applaus im Festspielhaus Baden-Baden entgegen. Erst drei Tage zuvor war er angefragt worden, ob er bei den Osterfestspielen für die erkrankte Martha Argerich einspringen könne. Der Hannoveraner sagte zu, obwohl er sich sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern sicherlich anders vorgestellt hätte. Ausgerechnet Schumanns Klavierkonzert, bei dem der Solopart eng mit dem Orchester verwoben ist, bei dem der eine genau wissen muss, was der andere tut.

Dabei wählt Levit keine Sicherheitsversion, sondern geht in seiner Interpretation volles Risiko. Bei den dramatischeren Passagen zieht er das Tempo leicht an. Die in den tiefen Bass fallenden Arpeggien im ersten Kopfsatz spielt er aus, sodass der Themenkopf in der Klarinette und Oboe eine dunkle Grundierung erhält. Nichts wird verwischt. Wie ein Archäologe legt Levit Strukturen frei. Trillerketten versteht der Pianist nicht als reines Ornament, sondern zeugen in der von ihm gezeigten Intensität von Erregung.

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Die verinnerlichten Passagen wie den Themeneinstieg im Kopfsatz nimmt er dann doch eine Spur zu präsent. Das Ungefähre, Verschwommene, das Schumanns Musik auch enthält, spiegelt sich kaum in seiner Interpretation. Und gelegentlich merkt man dann doch, dass man nur eine Probe hatte, um sich kennenzulernen, wenn die Akkordschläge am Ende des ersten Satzes nicht ganz zusammengehen oder im Finale die Berliner Philharmoniker unter Riccardo Chailly die Punktierungen manches Mal leicht verzögert spielen, während Levit die durchlaufenden Achtelketten mit maschineller Präzision in die Tastatur meißelt.

Aber wenn sich die Figuren genau verzahnen, dann entsteht eine unerhörte Energie. Wie überhaupt gerade in diesem Satz das Orchester wie ein Spiegel das Licht zurückwirft, das vom Pianisten ausstrahlt - und umgekehrt. Und wenn Levit das Intermezzo genau zwischen Drängen und Zögern ansiedelt und am Ende den Satz ermatten lässt, bevor er neue Kraft schöpft fürs Finale, dann zeigt der Pianist seine ganze gestalterische Kraft.

So verwundert es auch nicht, dass er keine Virtuosennummer als Zugabe wählt, sondern Busonis Version von Bachs Choralvorspiel „Nun komm der Heiden Heiland“ zum Klingen bringt. Den Konzertflügel macht Levit zur Orgel, indem er den Bass verdunkelt und auch verunklart, um mit der rechten Hand mit einer ganz hellen Farbe wie auf einem anderen Manual den Choral zu intonieren. Das Festspielhaus wird zum Dom, das andächtige Publikum zur Gemeinde.

Nach so viel Spiritualität widmen sich die Berliner Philharmoniker nach der Pause mit Rachmaninows üppiger, seltsam anachronistisch anmutender 3. Symphonie wieder dem Weltlichen. Die Streicher spielen ihr dickstes Vibrato, die Melodien werden wunderbar gedehnt und gewärmt. Riccardo Chailly führt den Luxusklangkörper an der langen Leine, ohne dabei die Führung aus der Hand zu geben. Und wenn am Ende die Sechzehntelketten durch die Register rauschen und das Konzert zu einem echten Hörerlebnis in 3-D wird, dann erreichen die Osterfestspiele, die zum dritten Mal in Baden-Baden stattfinden, einen ihrer zahlreichen Höhepunkte.

Von Georg Rudiger

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