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Kultur Debüt eines Altbekannten
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08:22 13.02.2014
Von Stefan Arndt
Nähe zum Klang: Igor Levit. Quelle: Broede
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Hannover

Am vergangenen Wochenende hat er im Münchener Gasteig ein Tschaikowsky-Konzert gespielt, an das sich der Kritiker der „Abendzeitung“ bald „sehnsüchtig“ erinnern wird, und in den kommenden Tagen stehen Auftritte in London und Italien an, bevor an zwei längst ausverkauften Abenden in New York Beethoven-Sonaten auf dem Programm stehen. Und doch ist es ein bemerkenswertes Ereignis, wenn Levit nun zwischen all diesen Terminen kurzfristig den erkrankten Rafał Blechacz ersetzt und beim Pro-Musica-Konzert mit dem Helsinki Philharmonic Orchestra im hannoverschen Kuppelsaal einspringt.

Für den Solisten ist die Eroberung des Ortes, an dem er selbst viele Klavierhelden zum ersten Mal gehört hat, so etwas wie ein Jugendtraum. Und für das Publikum bringt der Abend die endgültige Bestätigung dessen, was man seit Langem in der Stadt behauptet: Dieser Mann ist ein neuer großer Pianist.

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Dass er sich von vielen seiner Kollegen unterscheidet, bemerkt man schon, wenn man Levit nur beim Spielen beobachtet. Er beugt sich in leichter Schräglage tief über die Tasten, als wolle er den Klang direkt der Bewegung seiner Finger ablauschen. Bei Beethovens drittem Klavierkonzert allerdings muss der Pianist im Orchestervorspiel eine Weile warten, bis es so weit ist. Levit sitzt derweil unruhig auf seinem Klavierhocker, als könne er die Energie kaum bändigen.
Dann aber tut er genau das auf beeindruckende Weise. Selbst einzelne Töne sind bei ihm kraftvoll-konzentriert und ziehen sofort auch die Orchestermusiker in ihren Bann: Wenn Levit einsetzt, klingt auch die Begleitung nicht länger pauschal. Der Pianist spielt mit viel Klangfantasie und doch so klar und eindeutig, dass er mit natürlicher Autorität die Führung im musikalischen Geschehen übernimmt – was der pragmatische Dirigent John Strogårds ohne Reibungsverlust geschehen lässt.

So gerät ausgerechnet der zweite Satz zum Kraftzentrum des Werkes: Levit, der sonst schnell redet, denkt und spielt, verströmt hier eine Ruhe, die größer ist, als man es selbst von einem Largo erwartet. Immer wieder bringt er auch das Orchester dazu, die Lautstärke bis kurz vors Verlöschen zu dämpfen. Mit unwirklich-lichten Klangfarben wird der Satz zu einem utopischen Gegenentwurf der grimmigen Grundstimmung des ganzen Konzertes.

Entsprechend mild gestimmt beginnt Levit nahtlos das anderswo meist virtuos angetretene Finale und schlägt damit auch hier einen ungewöhnlichen aber überzeugenden Tonfall an, der sich erst kurz vor Schluss in Jubelstimmung löst. Als Zugabe findet Levit in Debussys „Hommage à Rameau“ konzentrierte, aphoristische Klänge, die ihn als Interpreten auch des impressionistischen Repertoires empfehlen – die begeisterte Stimmung im Saal aber etwas dämpfen.
Ohne Solisten schlägt das finnische Orchester eher rustikale Töne an. Groß sind die Philharmoniker aus Helsinki und ihr Chefdirigent Strogårds im heimischen Repertoire: Die hierzulande selten gespielte „Kullervo“-Vertonung von Leevi Madetoja tönt ebenso kraftvoll und farbig wie Jean Sibelius’ zugegebene „Finlandia“. Nicht weniger schwungvoll, aber manchmal etwas unpräzise spielen die Finnen nach der Pause Igor Strawinskis selbst so noch ausreichend wirkungsvolle Ballettmusik zu „Petruschka“. Die Sehnsucht nach Musik wie im ersten Teil des Konzertes allerdings hat hier bereits eingesetzt.

Am 24. März leitet Andris Nelsons das City of Birmingham Symphony Orchestra im Kuppelsaal, Solistin ist die Pianistin Hélène Grimaud. Kartentelefon: (05 11) 36 38 17.

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