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Kultur Im Theaterstück „Bauern, Bonzen und Bomben“ sind kleine Leute ganz groß
Nachrichten Kultur Im Theaterstück „Bauern, Bonzen und Bomben“ sind kleine Leute ganz groß
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08:07 14.02.2011
Von Ronald Meyer-Arlt
Treckerfahrer Dieter Hufschmidt trifft auf Thomas Neumann, Janko Kahle, Sebastian Schindegger und Hanna Scheibe. Quelle: Ribbe

Dass das Theater mal wieder einen großen historischen Bilderbogen aufklappt, erkennt der geneigte Zuschauer meist daran, dass hinten auf der Bühne die schwarze Brandmauer zu sehen ist. Das historische Panorama scheint die offene Bühne zu brauchen, gern auch den Einsatz von Drehbühne und von Video. Das sind so die gängigen Mittel zur Darstellung vergangener Zeiten. In Hans Falladas Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“, den das Schauspiel Hannover jetzt unter dem Titel „Bauern, Bonzen, Bomben“ nachspielt, geht es mehr als 80 Jahre zurück, ins Jahr 1929. Gezeigt werden politische Aus­einandersetzungen in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Historischer Hintergrund sind die Proteste der Landvolkbewegung: Verarmte Bauern protestieren gegen die Steuerlast.

Ein Zeitungsmitarbeiter macht Fotos, auf denen die Rädelsführer des Bauernprotestes zu sehen sind, ein sozialdemokratischer Bürgermeister genehmigt eine Demonstration und bekommt Ärger. Eine kleine Zeitung wird verkauft, ein Redakteur entlassen, ein Polizeioberinspektor in Zwangsurlaub geschickt, ein Geschäftsmann erpresst, eine Kleinstadt boykottiert, ein Kind gezeugt – große Geschichte, kleine Geschichten. „Schmerzhaft echt“ hat Kurt Tucholsky (unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel) das Buch genannt. Hier seien die Menschen gezeichnet, „wie sie wirklich sind: nicht besonders bösartig, aber doch ziemlich übel, mutig aus Feigheit, klein, geduckt alle zusammen – und niemand ist in diesem Betrieb eigentlich recht glücklich“.

Das Theater aber hat manchmal ein Problem mit kleinen, geduckten Leuten, es kann besser mit Monstern und Königen, mit Schurken und Göttern. Es läuft Gefahr, selber klein zu werden, wenn alles nur Kleinstadt ist. Da kommt es auf die Kunst der Schauspieler an, diesen kleinen Leuten so viel Größe zu geben, dass man einen Abend lang zu ihnen aufblicken mag. Mathias Max Herrmann zeigt, wie das geht. Er spielt Tredup, Anzeigenwerber bei der kleinen und ziemlich schwächelnden Zeitung namens „Chronik“. Er erpresst und betrügt – und man kann das erstaunlicherweise alles irgendwie nachvollziehen. Herrmann ist so ein Ulrich-Tukur-Typ: sehr norddeutsch, sehr kontrolliert und sehr, sehr charmant. Man denkt: Kleiner Mann, was nun? Und fühlt mit.

Rainer Frank spielt auch einen Journalisten, einen, der seit vielen Jahren perfekt eingebettet ist in die gemeine Kleinstadtkungelei: Der kennt und erpresst jeden. Frank gibt ihm federnden Schwung, eine gewisse Grundelastizität und eine merkwürdig gedrückte Lebensfreude.

Allein diese beiden Zeitungsfuzzis lohnen den Besuch. Und dann sind da noch die wunderbare Hanna Scheibe als Tredups pragmatisch-optimistische Frau, Sebastian Kaufmane als beflissener Assessor, Dieter Hufschmidt als starker Bauer, Sebastian Schindegger als fahnenschwenkender Rechtsaktivist Henning und als schmieriger Geschäftsmann Manzow. Alles großartige Schauspieler, die wunderbar spielen. Und doch: So recht zu begeistern vermag Tom Kühnels Inszenierung nicht. Denn da ist auch vieles, das stört, das unentschieden, überflüssig und übertrieben wirkt.

Natürlich ist es nett, in einem historischen Bauerntheater ab und zu mal ­authentisch und historisch zu werden. So hat bei einer der ersten Bauernszenen auch Jette ihren Auftritt, eine echte Kuh. Sie tritt zusammen mit dem Bauern Friedel Könecke auf, schleimt ein bisschen herum und guckt treu. Ferner sind zu sehen: zwei alte Schreibmaschinen, ein Oldtimer, ein Fahrrad, ein roter Traktor.

Die Authentizität des Historischen, die durch solche Dinge versprochen wird, kann das Spiel des Ensembles allerdings oft nicht halten. Da wird manchmal gekaspert und karikiert, dass man glaubt, einer aktuellen Probe beizuwohnen. Da schwingt sich der Bürgermeister auf den Gepäckträger eines Herrenrades und lässt sich vom Journalisten ein paar Runden über die Bühne kutschieren. Da spielt Hanna Scheibe (warum eigentlich?) einen Schlägertypen, müht sich mit tiefer Stimme zu sprechen und zeigt Muskelchen. Man springt einander in die Arme, tanzt, klettert aufeinander herum. Diese Körperlichkeit wirkt aufgesetzt, wie der Versuch, das schwergängige Werk ein bisschen in Bewegung zu bringen.

Und dann der Videoeinsatz: Nie wirklich nötig, aber immer exakt so, wie man das heute eben so macht im Theater: illustrierend und bedeutungsvergrößernd. Und die Projektionen der Filzstiftkritzeleien, die Tredup bei der Gerichtsverhandlung anfertigt, erinnern an das, was das Schauspiel Hannover beim „Doppelten Lottchen“ schon viel besser hingekriegt hat.

Die Bühne von Joe Schramm ist für ­einige Witzigkeiten gut: Szene für Szene wird bis die auf einen grünen Baum leere Fläche neu dekoriert: selbstfahrende Möbel kommen gerollt, erst wird eingeparkt, dann gespielt – Autoskootertheater. Richtig schlimm ist das alles nicht, aber leider auch nicht richtig gut. In dem Stoff jedenfalls steckt viel mehr: Es ist eine ­Geschichte von Wutbürgern und ihrem Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit. Das ist so aktuell, dass zwanghafte Aktualisierungen gar nicht nötig wären.

Weiter am 19. und 25. Februar. Karten unter (05 11) 99 99 11 11.

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