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Kultur Im Versuchslabor der Krise: Der isländische Autor Indridason
Nachrichten Kultur Im Versuchslabor der Krise: Der isländische Autor Indridason
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11:25 08.08.2009
Von Stefan Stosch
„Wir haben uns ja alle gefragt, woher das ganze Geld kam“: Der isländische Autor Arnaldur Indridason. Quelle: Stefan Stosch/Archiv
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Aber der Eindruck von unbegrenztem Wachstum täuscht. Längst hat die internationale Finanzkrise die „Bauwut“, wie die Isländer selbst sagen, zum Erliegen gebracht.

Manche geplante Prachtfassade hat sich innerhalb von ein paar Monaten in eine Investitionsruine verwandelt. Das imposante Einkaufszentrum wird vielleicht nie eröffnet, das gleiche Schicksal droht dem Baumarkt gegenüber. Das Konferenzgebäude im Hafen steht im Rohbau, das Projekt ist auf Eis gelegt worden.
Besonders die privaten Häuslebauer stehen tief in der Kreide, seit sich der Wert der isländischen Krone halbiert hat und Island nur knapp am Staatsbankrott vorbeigeschrammt ist. Ihnen bleiben nur Wut und Verzweiflung. Kürzlich hat ein Familienvater sein an die Bank verlorenes Häuschen mit dem Bagger platt gefahren. Bei seinen Landsleuten erntete er viel Sympathie für diese Tat.

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Kribbelt es einen Autor, die globale Krise zu verarbeiten, die sich auf Island wie in einem Versuchslabor studieren lässt? Erst recht einen Schriftsteller wie Arnaldur Indridason? Der 48-Jährige ist der erfolgreichste zeitgenössische Autor Islands. Bei seinen Landsleuten hat er die Begeisterung für Krimis geweckt - und das auf einer friedlichen Insel im Nordmeer, auf der pro Jahr drei- oder viermal gemordet wird. Wenn überhaupt. Statistisch hat jeder Zehnte der gut 300.000 Isländer Indridasons jüngstes Buch gekauft, das unter dem Titel „Kälteschlaf“ nun in Deutschland erscheint. Immer schon hat sich Indridason in seinen Krimis mit der isländischen Gesellschaft befasst. Er schrieb über die umstrittene nationale Gendatei („Nordermoor“) oder über Ausländerhass („Frostnacht“).

„Ich würde gerne mal einen Bankdirektor hinter Schloss und Riegel bringen“, sagt Indridason und grinst. Doch sieht er sich nicht als politischen Aktivisten. Zudem spielt das neue Buch - der mittlerweile achte Fall in der Reihe mit dem verschrobenen Chefermittler - im Herbst 2005, also vor dem großen Knall.
Indridason aktualisiert in „Kälteschlaf“ die isländische Tradition der Gespenstergeschichten. Eine junge Frau wird erhängt in ihrem Sommerhaus gefunden. Sie wurde gepeinigt von einem düsteren Familiengeheimnis, suchte Trost im Übersinnlichen und sehnte sich offenkundig nach dem Tod. Aber war es tatsächlich Selbstmord oder ein perfide geplantes Verbrechen?

Gleichwohl hat die Geschichte erstaunlich aktuelle Bezüge, über die sich der Autor im Nachhinein beinahe selbst wundert. Der Polizist Erlendur passt nicht in diese von Gier und Gewinnstreben beherrschte Zeit. „Erlendur braucht keinen dicken Geländewagen oder ein exklusives Sommerhaus am Pingvellir-See“, sagt Indridason. „Er würde nur Verachtung für die Leute empfinden, die Island in den Bankrott getrieben haben.“

Der Polizist im Krimi kämpfe wie so viele andere ältere Isländer noch mit dem letzten großen Umbruch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Menschen, vom Land in die Stadt zu strömen. Aus einer bäuerlichen wurde eine Industriegesellschaft. Indridasons Großvater war Landwirt im nördlichen Island in der Region Skagafjördur. Und Krimiheld Erlendur zieht es immer wieder in die Einsamkeit der Ostfjorde, wo sein halb verfallenes Elternhaus steht.

Ganz anders verhalten sich die Zeitgenossen des melancholischen Polizisten. Sie raffen Millionen, ja Milliarden als Finanzmanager oder Bankdirektoren. Der Hauptverdächtige, der Ehemann der Toten, hat sich verspekuliert und Schulden angehäuft. Das Romanpersonal scheint den Finanzkollaps schon vor ?Augen zu haben.

„Wir haben uns ja alle gefragt, woher auf Island das ganze Geld kommt“, sagt Indridason. Plötzlich kauften sich Isländer mit unwahrscheinlichen Summen in internationale Konzernen ein. „Exportwikinger“ wurden sie halb verächtlich, halb bewundernd genannt.

„Es gab ein allgemeines Unbehagen“, sagt Indridason. Und dann ein böses Erwachen: Der Reichtum war nur geborgt. „Wie ein Kartenhaus brachen die Zukunftsträume zusammen“, sagt Indridason. Was folgte, war die „Topfdeckelrevolution“ vor dem Parlamentsgebäude in Reykjavík. Die aufgebrachte Bevölkerung trommelte so lange auf dem mitgeführten Kochgerät herum, bis sie die Regierung aus dem Amt gejagt hatte.

Die Verschuldung Islands ist heute gigantisch, die Folgen für das Land sind noch unüberschaubar. Wird die Gesundheitsversorgung zusammengestrichen? Wird Island Rettung in der Europäischen Union suchen, von der sie zugleich das Ausräubern der Fischbestände vor den Küsten befürchtet? Wird es Anklagen gegen die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft geben? Ein Sonderstaatsanwalt müht sich zurzeit, Schuldige in Politik- und Wirtschaftskreisen zu benennen und vor Gericht zu bringen.

„Die Verunsicherung ist groß“, sagt Indridason. Aber er hat auch Hoffnung, dass etwas Neues, Besseres kommen könnte. „Womöglich besinnen wir uns wieder stärker auf unsere Identität, auf unsere Kultur.“ Vielleicht werde auch die isländische Sprache wieder mehr gepflegt, in die das Englische bis hinein in die Satzstruktur eingesickert sei. Schon voriges Weihnachten hat nach Indridasons Worten das Buchgeschäft einen Boom erlebt. Lesen ist ein vergleichsweise günstiges Freizeitvergnügen.

Viele Isländer hoffen, dass künftig wieder der Zusammenhalt auf ihrer Insel etwas gelten wird. Jahrelang wurde Konkurrenzstreben gepriesen. Mitgefühl, Fürsorge, Anteilnahme sind Werte, die den Kommissar Erlendur immer schon antreiben. „Er leidet mit den Opfern, und das macht ihn trotz aller Absonderlichkeiten sympathisch“, sagt Indridason. Und dann fügt er wie über einen guten, alten Freund hinzu: „Wer weiß, vielleicht wird Erlendur sich in der Welt nach der Krise viel wohler fühlen als in der davor.“

„Kälteschlaf“. Ins Deutsche übertragen von Coletta Bürling. Lübbe-Verlag. 381 Seiten, 18,95 Euro.

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