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Kultur Im Zeichen der Occupy-Bewegung
Nachrichten Kultur Im Zeichen der Occupy-Bewegung
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08:26 26.04.2012
Raum für Andersdenkende: Auch der konservative polnische Bildhauer Miroslaw Patecki, Schöpfer einer der größten Christusfiguren, ist bei der Berlin Biennale mit dabei. Quelle: Patecki
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Berlin

Man konnte meinen, spanisch-, englisch- und deutschsprachige Aktionisten wollten die von der Bundeskulturstiftung mit 2,5 Millionen Euro geförderte Kunstveranstaltung stören. So etwas hatte es in der Vergangenheit bei documenta-Pressekonferenzen gegeben.

Diesmal aber war es anders: Die selbstbewussten jungen Kämpfer, die in den vergangenen Monaten weltweit auf die Straße gingen, sind aktive Mitgestalter der 7. Berlin Biennale. Der polnische Künstler und Biennale-Leiter Artur Zmijewski hat sie ins Boot geholt. „Wir sind Idioten in politischen Fragen“, erklärte er am Mittwoch, „unsere Kameraden von den Bewegungen sind unserer Lehrer.“

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Der Videokünstler meint es ernst. Nur ein Teil der Eingeladenen sind Berufskünstler, der andere Teil sind politische Aktionisten. Das Logo der Zmijewski-Biennale ist eine Mischung aus Rune und Avantgarde-Kampfzeichen. Sympathisch revolutionär ist, dass erstmals bei einer Berlin Biennale freier Eintritt herrscht.

Im zentralen Raum in den Kunst-Werken hat die internationale Occupy-Bewegung ein Basislager aufgeschlagen. Der Occupy Raum, eine Art autonome Zone innerhalb der Kunstbiennale, dürfte sich in den kommenden Wochen - ganz naturwüchsig - in eine überbordende Installation aus Bannern, Plakaten und Slogans verwandeln. Die Ästhetik erinnert schon jetzt an Werke des Schweizer Installationskünstlers Thomas Hirschhorn. Seit Jahren haben sich visuelle Ausdrucksformen von Künstlern und Protestgruppen angenähert. Mit den weltweiten Bewegungen seit 2008 hat sich die Entwicklung dahingehend verstärkt, dass viele Künstler politische Interventionen machen. Darauf reagiert die 7. Berlin Biennale.

Als Co-Kuratoren hat sich Zmijewski die St. Petersburger Gruppe Voina an die Seite geholt: rund 200 regimekritische Straßenaktivisten, von denen einige wiederholt im Gefängnis saßen. Sie hätten „keine Angst“, sagte Zmijewski. Von dieser Haltung leitete er den Biennale-Titel „No Fear“ ab. Kein Voina-Mitglied erhielt die Erlaubnis, zur Biennale-Eröffnung nach Berlin zu reisen.

Arabellion, Nahostkonflikt, Holocaust sind heiße Eisen, die die 7. Biennale mitschmieden möchte - nicht bloß symbolisch. Schlüsselwerk ist ein tonnenschwerer, arabisch beschrifteter Schlüssel im Hof der Kunst-Werke. Flüchtlinge in einem Palästinenserlager haben ihn als Ausdruck ihres Wunsches nach Rückkehr in die besetzten Gebiete geschmiedet.

Ein palästinensischer Künstler, Khaled Jarra, stempelt Leuten das selbst entworfene Logo für einen unabhängigen Palästinenserstaat in den Reisepass. Er brachte die Deutsche Post dazu, das Motiv als Briefmarke zu drucken. Eine israelisch-niederländische Künstlerin, Yael Barata, praktiziert die Abkehr von der zionistischen Utopie als Gedankenexperiment: Sie fordert auf der Biennale die Rückkehr von 3,3 Millionen Juden nach Polen („Jewish Renaissance Movement in Poland“).

Bereits im Vorfeld der Biennale hatte ein Werk des Tschechen Martin Zet für Aufregung gesorgt: eine Aktion, bei der 60.000 Sarrazin-Bücher abgegeben werden sollten. Nur fünf Exemplare gingen im Biennale-Hauptquartier ein. Sie bieten in einer tristen Kammer einen recht kläglichen Anblick. Offensichtlich verließ den jungen Künstler nach erbitterter Kritik der Elan.

Seit ihrer Gründung 1998 steht die Berlin Biennale für künstlerische Alternativen zur Kommerzkunst der Galerien. Zmijewski scheint mit seiner widerborstigen Biennale genau das zu bieten, was erwartet wird: kritische Kunst. Dabei aber gehört er selbst zu den größten Kritikern des gängigen kritischen Kunstansatzes. Dieser sei in einem „Teufelskreis kreativer Ohnmacht“ gefangen, glaubt er.

In seiner eigenen Kunst weicht Zmijewski, der laut der amerikanischen „Newsweek“ zu den zehn bedeutendsten Gegenwartskünstlern zählt, häufig auf das Feld des politisch Unkorrekten aus. Erst jüngst wurde eine Videoarbeit von ihm, „Berek“ (Hasch mich), nach jüdischen Protesten aus einer Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau entfernt. Das Video zeigt nackte Statisten in einer früheren Gaskammer beim Hasch-mich-Spiel. Nun läuft der schwer erträgliche Film auf der Biennale.

Zmijewskis Kunst ist häufig als Sozial- oder Psychoexperiment angelegt. So muss man wohl auch die Zmijewski-Biennale verstehen. Zwischen 60.000 und 80.000 Besucher werden in den kommenden zwei Monaten erwartet. Anders als bei anderen Biennalen gibt es für die 7. Berlin Biennale ein klares Kriterium des Scheiterns: Die Veranstaltung verfehlt ihr Ziel, wenn alle nur artig durchgehen, sich niemand aufregt und echauffiert und keine Diskussionen entbrennen.

Bis 1. Juli. Eröffnung ist heute um 19 Uhr in den Kunst-Werken, Auguststraße 69. Statt eines Katalogs gibt es eine Zeitschrift für 2 Euro.

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