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Kultur Improvisationskünstlerin Montero kommt nach Hannover
Nachrichten Kultur Improvisationskünstlerin Montero kommt nach Hannover
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20:23 14.10.2010
Von Rainer Wagner
Improvisationskünstlerin: Gabriela Montero. Quelle: Handout

Sie spielt Bach, Brahms und Beet­hoven, doch berühmt geworden ist Gabriela Montero als Meisterin der Improvisation. Das ist nicht verwunderlich, denn gute (und gut aussehende) junge Pianisten und Pianistinnen gibt es viele. Aber auf Zuruf aus einer vorgegebenen Melodie ein neues Stück zu schaffen, das macht nur die Südamerikanerin. Sie weiß, dass das manchem als Zirkusnummer erscheint, und verweist darauf, dass einst die Väter der Klassik große Improvisierer waren.

„Aber als ich anfing mit den Improvisationen, haben die Leute nicht recht begriffen, was ich wollte, die dachten, ich spiele eine eigene Komposition“, erzählt die agile Musikerin beim Gespräch in Berlin. Am Vorabend hatte sie live im Radio vorgeführt, wie das geht: Sie bittet ihr Publikum, ein Thema vorzugeben – und am liebsten vorzusingen. „So geben die Zuhörer ein Geschenk ab, werden Teil des Prozesses.“

Wie gut das geht, erlebte die NDR Radiophilharmonie im Juni beim gemeinsamen Gastspiel im norwegischen Bergen, als sie nach dem fulminant hingelegten Grieg-Klavierkonzert über die vom Publikum lauthals angestimmte Stadthymne improvisierte. Auch damals spielte Montero die erkannte Melodie zweimal nach. Nicht um zu beweisen, dass sie’s begriffen hat, sondern um sich die Melodie besser zu merken. Sie legt Wert darauf, dass das eigentlich keine Variationen seien, die sie da spielt, sondern dass das vorgegebene Thema quasi der Zellkern ist, aus dem Neues entsteht.

Die Entscheidung, wohin die Improvisation führt, fällt spontan: „Ich lege meine Hände auf die Tasten, und dann entscheidet sich alles von selbst.“ Manche Themen stellen zwar Weichen, aber letztlich bleibt doch alles offen. Es gibt Melodien, die werden oft gewünscht (etwa „Over the Rainbow“), aber jede Improvisation ist anders. Dabei erinnert sich Montero direkt nach ihrer Nachschöpfung nicht an das, was da passierte – und ist später beim Nachhören eines Mitschnitts oft selbst überrascht.

Etwa wenn sich amerikanische Zuhörer „La Cucaracha“ wünschen und das dann unter ihren Händen erst wie Händel klingt und später wie ein Tango. Es kommt auch vor, dass sie spontan zum vorgegebenen Thema keinen Zugang findet, dann bittet sie schon mal um eine zweite Vorgabe. Aber das sei selten. Sie hat schon über Zwölf-Ton-Themen improvisiert und – „leider“ – auch über Handy-Klingeltöne.

Sie selbst sieht sich durchaus in der Erbfolge der improvisierenden Klassiker. Was sie da treibe, sei klassisch orientiert und kein Jazz. Doch Jazzthemen regen sie durchaus an. Dass es im Jazz dazu dann reichlich Improvisationen gibt, stört sie ebenso wenig wie ein Thema, das der Komponist selbst durch Variationen gejagt hat. Dass oft Kinder- und Wiegenlieder als Thema angestimmt werden, passt zu Montero, für die Improvisationen wie ein Baby sind: „Man liebt es, kümmert sich, bringt es ins Bett – es ist, wie es ist, und so ist es gut.“

Die in Caracas geborene Musikerin hat früh angefangen – und von Anfang an auch am Klavier improvisiert. Aber öffentlich macht sie das erst seit gut acht Jahren, als sie das bei Martha Argerichs Kammermusikfestival vorführte. Argerich, die ihr nicht nur äußerlich, sondern auch im zupackenden Klavierspiel ähnelt, ermunterte sie, das weiter zu machen: „Also habe ich das Tor geöffnet und die Leute hereingelassen.“

Montero kann auch anders. Sie gewann als Halbwüchsige Wettbewerbe unter anderem mit dem Tschaikowsky-Konzert und wurde 1995 beim renommierten Chopin-Wettbewerb in Warschau Dritte. Ihr klassisches Repertoire will sie noch erweitern, aber für alle Beethoven-Sonaten fehlt der alleinerziehenden Mutter zweier Töchter derzeit noch die Zeit („wenn die im College sind  ...“).

Dafür improvisiert Montero gerne mal, wenn sie ein Mozart oder Beethoven-Konzert spielt. Allerdings entscheide sie sich erst in letzter Minute, ob sie statt vorgebener Kadenzen eigenhändig improvisiert. Die Dirigenten müssen sich vor so viel Spontaneität dennoch nicht fürchten: „Ich höre immer mit einem Triller auf.“ Für einen Tasten-Thriller ist sie eben immer gut.

Gabriela Montero spielt am 23. Oktober in Hannover bei Pro Musica Südamerikanisches und eigene Improvisationen.

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