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Kultur „Es ist eine Katastrophe“
Nachrichten Kultur „Es ist eine Katastrophe“
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09:51 21.08.2013
Von Simon Benne
Eine zerstörte Moschee in Kairo: Durch die Proteste in Ägypten werden jahrtausendealte Kulturgüter zerstört. Quelle: dpa
Hannover

Am Ende blieben Bilder der Zerstörung. Bilder, die ungewollt die blinde Gewalt und die kulturelle Barbarei symbolisieren, die sich derzeit in Ägypten entladen: In der vergangenen Woche stürmte ein Mob das Mallawi National Museum im ägyptischen Minia. Angeblich soll es sich bei den Angreifern um Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi gehandelt haben. Und angeblich sollen sie dabei einen Mitarbeiter des Antikenministeriums erschossen haben. Die Meldungen sind teils widersprüchlich. Sicher ist aber, dass die Eindringlinge Vitrinen umstürzten und jene Statuen zertrümmerten, die zum Fortschaffen zu schwer waren.

Mehr als 1000 Artefakte verschwanden bei der Plünderung des Museums - fast die komplette Sammlung des Hauses, darunter kostbare Mumienmasken, antiker Schmuck und wertvolle Grabbeigaben. „Das Museum gibt es praktisch nicht mehr“, sagt Wafaa el-Saddik erschüttert. Die langjährige Generaldirektorin des Ägyptischen Museums in Kairo, die heute in Köln lebt, schlägt Alarm: „Was derzeit mit Ägyptens kulturellem Erbe passiert, ist eine Katastrophe.“

Schon seit den Unruhen Anfang 2011 gibt es in Ägypten eine „Erosion der Sicherheitslage für Kulturgüter“, wie der Leipziger Archäologe Dietrich Raue sagt: Archäologische Magazine werden teils von bewaffneten Banden geplündert. Raubgräber haben Hochkonjunktur, Polizisten sind oft machtlos. „Und es gibt eine wilde Landnahme archäologisch bedeutsamer Zonen“, sagt Raue.

Er schätzt, dass in den vergangenen Monaten mehrere Hektar des Tempelbezirks im Kairoer Stadtviertel Matariya, wo er selbst Ausgrabungen anstellt, illegal bebaut wurden. Anderswo nehmen Bauern Grabungsflächen kurzerhand als Ackerland in Beschlag. Und im gut 30 Kilometer südlich von Kairo gelegenen Dahschur nutzten Dorfbewohner Anfang des Jahres das allgemeine Chaos, um ihren beengten Friedhof auf das Gelände der 4600 Jahre alten Snofru-Nekropole auszudehnen. Hinter vielen der rund 1000 neu angelegten Grabstellen sollen sich in Wirklichkeit getarnte Raubgrabungen verbergen. Doch da die Totenruhe in dem islamischen Land sakrosankt ist, machen schon wenige echte Gräber weitere archäologische Ausgrabungen praktisch unmöglich.

Gleichwohl hat die Zerstörung von Kulturgütern mit der aktuellen Welle von Plünderungen eine neue Qualität erreicht. Von den Ausschreitungen ist vor allem Mittelägypten betroffen. In der Provinz Minia etwa sollen bewaffnete Banden versucht haben, ins Lager eines Museums in Beni Mazar einzudringen.

Für die Ägyptologin Wafaa el-Saddik ist dies auch das Ergebnis einer verfehlten Politik: „Über Jahrzehnte wurden die Touristenströme an der Region vorbei gelenkt“, sagt sie. Der Stolz auf die antiken Schätze und das Bewusstsein für ihren Wert sind in Minia folglich weniger ausgeprägt als etwa in Luxor: „Dort haben sich Bürger bei Angriffen schützend vor ihre Tempel gestellt“, sagt sie. Auch ihr eigenes früheres Museum in Kairo, das vor gut zwei Jahren geplündert wurde, sei derzeit sicher, glaubt sie: „Es wird vom Militär gut bewacht.“

Die Regierung hat zudem mehrere Kirchen, Bibliotheken und das berühmte Katharinenkloster auf der Sinaihalbinsel für Besucher gesperrt. Christliche Gotteshäuser waren in den vergangenen Wochen gezielt von Islamisten angegriffen worden. Innenminister Mohammed Ibrahin rief die Bürger dazu auf, das nationale Kulturerbe zu verteidigen. Facebook-Gruppen mobilisieren Proteste, wenn es irgendwo zu Plünderungen oder illegalen Landnahmen kommt. Es regt sich Widerstand gegen die Gewalt, doch Wafaa el-Saddik glaubt nicht, dass bald wieder Ruhe einkehrt: „In Mittelägypten kommt es täglich zu weiteren Plünderungen.“

Hinter den Attacken auf Museen steckt ein ganzes Bündel an Motiven: Einerseits wollen fanatische Islamisten die Relikte der vermeintlich heidnischen Pharaonenzeit aus der Welt schaffen. Andererseits entlädt sich auch die allgemeine Wut auf den Staat in Gewaltakten gegen staatliche Einrichtungen. „Kriminelle haben auch versucht, den historischen Bahnhof von Kairo in Brand zu stecken“, sagt Wafaa el-Saddik. Vor allem jedoch lassen sich antike Artefakte auf dem Kunstmarkt zu Geld machen. Erst vor Kurzem wurde auf dem Flughafen von Kairo ein Mann verhaftet, der versuchte, alte koptische Ikonen außer Landes zu schaffen.

„Wir appellieren an alle Auktionshäuser, keine Antiquitäten zweifelhafter Herkunft anzunehmen“, sagt Wafaa el-Saddik. Sie beteiligt sich an einer weltweiten Kampagne, die Schmuggel und Schwarzhandel austrocknen soll: „Wo es keinen Markt gibt, gibt es auch keine Plünderungen mehr“, sagt sie. Der Kampf gegen dass Verscherbeln von ägyptischem Raubgut ist eine internationale Angelegenheit - und er wird auch von einem hannoverschen Schreibtisch aus geführt. „Ich sende in diesen Tage meine Fotos von Exponaten aus dem geplünderten Museum in Mallawi an die American University in Kairo“, sagt Katja Lembke. Die Direktorin des hannoverschen Landesmuseums leitet seit 2004 regelmäßig Ausgrabungen in Tuna el-Gebel, nur etwa 20 Kilometer von Mallawi entfernt. Anhand von Fotos können Einrichtungen wie der Internationale Museumsrat Icom dann Rote Listen der gestohlenen Kunstwerke erstellen.

„Wenn Museen geplündert werden, ist das fast das kleinere Übel“, sagt Wafaa el-Saddik: „Die Objekte dort sind wenigstens schon registriert, man kann nach ihnen fahnden - anders ist es, wenn archäologische Stätten ausgeraubt werden.“

In Tuna el-Gebel, wo Archäologin Lembke forscht, wurden schon vor zwei Jahren Magazine geplündert. Jetzt häufen sich dort auch Übergriffe gegen koptische Christen, die in der Region bis zu 30 Prozent der Bevölkerung stellen. Eigentlich wollte Lembke dort Anfang Oktober mit ihrem Team neue Grabungen beginnen. „Doch derzeit“, sagt sie, „ist das wohl nicht zu verantworten.“

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