Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur In „Barfuß auf Nacktschnecken“ prallen Lebensentwürfe aufeinander
Nachrichten Kultur In „Barfuß auf Nacktschnecken“ prallen Lebensentwürfe aufeinander
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:58 05.05.2011
Von Stefan Stosch
Seite an Seite und doch ganz verschieden: Lily (Ludivine Sagnier) und Clara (Diane Kruger). Quelle: Alamonde
Anzeige

Ist das normal? Mit einem Truthahn zusammen auf dem Sofa zu sitzen, Fernsehen zu gucken und dem Tier gelegentlich die Krallen knallrot zu ­lackieren? Die Felle überfahrener Kaninchen und Maulwürfe zu Schlüssel­anhängern und Pantoffeln zu verarbeiten? Schüchterne Burschen aus der Nachbarschaft zu erotischen Spielchen zu animieren?

Oder ist es womöglich viel verrückter, in einer Pariser Anwaltskanzlei zu hocken und abends langweilige Geschäftsessen durchzustehen? Einen Mann zu lieben, der zugleich der Chef im Büro ist? Sich das Leben fein säuberlich in Wochenende und Arbeitstage einzuteilen und seine Bedürfnisse nach dem Kalender auszurichten?

Anzeige

Das Kino hat im Zweifelsfall schon immer diejenigen zu seinen Helden erkoren, die die Normen sprengen – egal wie anders sie nun sind, ob es sich um Psychiatriepatienten wie in „Einer flog über das Kuckucksnest“, einen Autisten wie in „Rain Man“ oder um einen am Tourette-Syndrom Erkrankten wie im aktuellen Deutschen Filmpreisgewinner „Vincent will meer“ handelt. Die Vorliebe für Sonderlinge ist auch bei der französischen Regisseurin Fabienne Berthaud in „Barfuß auf Nacktschnecken“ zu beobachten. Anders als bei manchen Kollegen sind Berthauds Sympathien aber halbwegs gerecht verteilt auf die beiden so ungleichen Schwestern Lily (Ludivine Sagnier) und Clara (Diane Kruger).

Von einem Tag auf den anderen muss sich Clara um ihre naturverliebte Schwester Lily kümmern. Die Mutter ist überraschend gestorben. Clara geht zunächst daran, das Leben der Jüngeren in ihrem surrealistisch anmutendem Waldrefugium nach ihren eigenen Kriterien zu organisieren. Kein leichter Job, trotz ihrer Bemühungen drohen Beschwerden von Nachbarn, und im Kühlschrank stapelt sich das tote Viehzeug.

So prallen Lilys Leben nach dem Lustprinzip und Claras Vernunftbestimmtheit zunächst heftig aufeinander. Mit ­ihren kindlichen Verrücktheiten treibt Lily die ältere beinahe in den Wahnsinn. Clara wird zwischenzeitlich von handfesten Mordabsichten getrieben, die den Zuschauer irritieren: So ernsthaft vorgetragen überraschen sie in einem Filmdrama, das aufs Komische setzt.

Diese Einsprengsel sind es aber auch, die dem Film vor Vorhersehbarkeit bewahren. Immer wieder mal führt die Regisseurin die Zuschauer in die Irre. Was ist zum Beispiel mit dem Jungmänner-Trio, das sich an einem Abend bei den beiden jungen Frauen im abgeschiedenen Anwesen einnistet? Könnte es tatsächlich sein, dass Berthaud einen Ausflug ins Thrillerfach unternimmt?

Allmählich schält sich der Kern der Geschichte heraus. Clara fängt an, ihr eigenes Pariser Leben – inklusive Ehemann – infrage zu stellen. Sie lässt sich von der impulsiven Lily infizieren, schlägt sich mehr und mehr auf deren Seite. Problematisch ist dabei jedoch, dass nun umgekehrt Lily die Vernünftige sein muss, die ihrer Schwester Mut zum Neuanfang einhaucht. Und das kommt beinahe einem Verrat an ihrer Figur gleich: Plötzlich kommt Lily alles Absonderliche abhanden. Auch eine so tolle Schauspielerin wie Ludivine Sagnier kann solche Ungereimtheiten nur bedingt abfedern.

Umso mehr beeindruckt das feinfühlige Spiel Diane Krugers, die den Spagat zwischen Hollywoodkino und französischem Autorenkino immer besser hinbekommt. Zuletzt lief die in Algermissen bei Hildesheim geborene Schauspielerin als bosnische Einwandererin im Thriller „Unknown Identity“ hinter Liam Neeson her. In „Barfuß auf Nacktschnecken“ setzt Kruger sanfte Zwischentöne bei der allmählichen Verwandlung ihrer ­Figur von der disziplinierten Großstädterin zur abenteuerlustigen Aussteigerin. Man folgt Clara auch dann noch gern, wenn sie irgendwann als Tierfell-Pantoffelverkäuferin auf Landstraßen unterwegs ist. Und das will schon etwas heißen.

Uwe Janssen 04.05.2011
04.05.2011