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Kultur Besser er ist tot als ich
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19:25 14.04.2014
Von Stefan Stosch
Foto: Der Patient in Zeiten des Internets: Romain (Dany Boon) interpretiert Röntgenbilder ganz anders als seine Ärzte.
Der Patient in Zeiten des Internets: Romain (Dany Boon) interpretiert Röntgenbilder ganz anders als seine Ärzte. Quelle: Prokino
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Der Haltegriff in der U-Bahn, den alle anpacken: wie widerlich! Das Händeschütteln mit den Kollegen: ein einziger Bakterienaustausch! Und erst die unvermeidliche Küsschenorgie um Mitternacht bei der Silvesterparty: Da kriegt Romain (Dany Boon) die Panik, schlägt wild um sich und lässt sich wieder mal mit Blaulicht in die Notaufnahme des Krankenhauses chauffieren – um sich sogleich mit nacktem Patientenkittel-Hintern unter das ratlose Ärzteteam zu mischen und zur niederschmetternden Selbstdiagnose zu schreiten. Die Mediziner können zu seinem Bedauern aber nur einen gesunden Enddreißiger auf all den Ultraschall- und Röntgenbildern erkennen.

So ist das eben mit einem echten Hypochonder, dem in dieser französischen Komödie sicherheitshalber noch ein „Super“ im Titel vorgeschaltet wird: „Super-Hypochonder“. Einen eingebildeten Kranken machte Molière schon im 17. Jahrhundert zu seiner Hauptfigur – die Angst hat allen Fortschritten der Medizin zum Trotz bis heute nicht abgenommen. Wer seine Furcht nähren will, findet im Internet wahrlich genügend Hinweise darauf, wie er sich jedwedes Übel einfangen kann. Und Egozentriker, die mit sich und ihrem Körper beschäftigt sind, gibt es zuhauf. „Ich bin erleichtert, dass er tot ist und nicht ich“, sagt Romain nach dem überraschenden Ableben eines Kollegen. Das jedenfalls ist eine ehrliche Pointe.

Doch man muss diesen und manch anderen guten Einfall auch wirken lassen. Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Dany Boon dagegen will sich auf keinen Fall den Vorwurf einer Humor-Unterdosierung machen lassen. Bei ihm wird grimassiert, gehetzt und gepoltert ohne Unterlass. Boon übertreibt es mit seiner Komödien-Therapie und wirft immer noch ein paar mehr oder weniger wirkungslose Lachpillen zusätzlich ein.

Irgendwann lässt er sogar die eigene Geschichte im Stich und erzählt eine ganz andere: Durch eine plumpe Verwechslung findet sich der Super-Hypochonder plötzlich in der Rolle eines osteuropäischen Revolutionsführers und in einem Ekelknast wieder, wo er sich gütlich mit Ratte und Schabe den Fraß teilt. Ach ja, es ist selbstverständlich die Liebe, die ihm diese Komplikationen eingebrockt hat und den Film auf skurrile Abwege führt. Denn um die Liebe als letztes Heilmittel unterm Pariser Eiffelturm geht es hier doch wieder.

Man kann die überraschenden Wendungen auch Chuzpe nennen und sich an den Slapstick-Einlagen erfreuen. Zweifellos lässt sich Boon ebenso Mut zur Albernheit bescheinigen, die ja auch seinem bislang größten Kinocoup „Willkommen bei den Sch’tis“ (2008) nicht fremd war. Diesem 20-Millionen-Zuschauer-Erfolg allein in Frankreich jagt Boon bis heute hinterher (zuletzt mit der Komödie „Nichts zu verzollen“). Nun unterzieht Boon den armen Romain einer Romanzen-Radikalkur, gegen die der zu Molières Zeiten beliebte Aderlass einem Besuch beim Heilpraktiker gleicht.

Gewiss, man folgt Romains Schicksal mit Sympathie. Alles ist leidlich amüsant – aber wenig wirklich komisch. Und dabei hat Romain doch so recht, wenn er im Wartezimmer seines Lieblingsarztes Dimitri (Kad Merad) großzügig Desinfektionsmittel verteilt: Wo, bitte schön, holt man sich leichter eine Krankheit als unter lauter Kranken?

Fazit: Überdosiert
Ziemlich alberne
Romanzen-Radikalkur
Cinemaxx, Kino am Raschplatz

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