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Kultur In der Öffentlichkeit ist verstärkt die Weisheit der „Alten“ gefragt
Nachrichten Kultur In der Öffentlichkeit ist verstärkt die Weisheit der „Alten“ gefragt
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20:04 24.06.2010
Von Karl-Ludwig Baader
Orientierungshelfer: Der 91-jährige Helmut Schmidt. Quelle: dpa
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Wie? Älter zu sein kann auch mal ein Vorteil, gar ein Vorzug sein? Das passt nicht zu den sonstigen Altersdebatten, in denen das Alter – unter dem Aspekt der Demografie – vor allem als finanzielles Problem, als Belastung der Rentenkasse und des Gesundheitssystems diskutiert wird. Gut, es fehlt nicht an sonntagsredentauglichen Beschwörungen der Erfahrung der älteren Generation. In den wenigsten Branchen scheint die Erfahrung von Älteren jedoch noch etwas zu gelten. Deshalb stellt sich für Berufstätige oft gar nicht die Frage, wie lange sie arbeiten müssen, sondern wie lange man sie arbeiten lässt.

Es gibt eine reale Entwertung der Berufserfahrung durch die schnelle Entwicklung der modernen Technologien, die schnelles Um- und Dazulernen erfordert. Hinzu kommt, dass aufgrund der zunehmenden Arbeitsverdichtung (weil weniger Leute mehr Arbeit bewältigen müssen) und nicht zuletzt der in besseren Zeiten erworbenen Rechte, Ältere als Belastung wahrgenommen werden.

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Kein Wunder, dass sich heute die Alten und Älteren, um Vitalitätsnachweise zu erbringen, der Jugendlichkeitsmode unterwerfen. Wichtiger noch: Die Jugendlichkeitsrhetorik und der bis heute vorherrschende ökonomische Jargon entsprechen sich: Dynamisch, flexibel, ehrgeizig hat der moderne Arbeitnehmer zu sein. Jederzeit verfügbar und allseits formbar – im Grunde ein geschichtsloses Wesen, ein Mensch ohne Eigenschaften, nur noch schwach geprägt von Wertesystemen, die die ökonomische Effizienz bedrohen könnten. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten, neben eher schwächlich, weil „uncool“ wirkenden moralischen Wehklagen über „soziale Kälte“, auch viel Bewunderung für den gegelten Rabauken – den Managertypus eines sozialdarwinistisch geprägten Wirtschaftsmodells, dessen Kritiker lange nur als Neider galten, die „von Wirtschaft keine Ahnung haben“.

Die als Leitmodell geltende neoliberale Utopie kündete von den Segnungen eines unregulierten Marktes, in dem Börsenmakler als Börsenmagier zauberten, die auch dem Normalverdiener qua Aktienkauf Reichtum ohne Arbeit versprachen. Dieser „Master of the Universe“ ist ein zentraler Held der neoliberalen Meistererzählung, aber der toughe (sprich: taffe) Broker ist seit einigen Monaten nicht mehr der mit Voodoo-Zauberkräften begabte Schöpfer von Riesenvermögen, sondern der gierige Hasardeur geworden, der, ohne ein eigenes Risiko einzugehen, das ganze Gesellschafts- und Wirtschaftssystem aufs Spiel setzt.

Der Magier ist zum völlig überforderten Zauberlehrling geschrumpft, der die Krise, die er herbeigeführt hat, nicht mehr in den Griff bekommt. Die modische Staatsfeindschaft hat ihren Schick verloren – und ihre ökonomische Plausibilität. Nun wird auch wieder von Politik – die Kanzlerin redete sogar vom „Primat der Politik“ – gesprochen, von Gestaltung, neuer Ordnung und Regulierung – nachdem der Preis der Deregulierung nun von allen bezahlt werden muss.

Diese Rückkehr des Politischen findet in einer gesellschaftlichen Situation statt, in der die Entpolitisierung der Gesellschaft weit fortgeschritten ist – und die Ablehnung der „politischen Klasse“ durch die Wähler aggressive und gewohnheitsmäßige Züge angenommen hat. Zunächst einmal wird ein politischer Stil herbeigesehnt, der auf die rituellen Aufgeregtheiten des parteipolitischen Hickhacks mit seinen tagesschaukompatiblen Aufmerksamkeitsstrategien verzichtet, die viele Bürger an der Ernsthaftigkeit der politischen Akteure zweifeln lassen.

Und da kommt das Alter ins Spiel und damit Charaktereigenschaften, die traditionell mit ihm verbunden werden: ein weiter Horizont, verbunden mit einem Blick für das Wesentliche (Verzicht auf Medienmätzchen) und Lebenserfahrung (frühere Bewährung). Viele halten Ausschau nach Persönlichkeiten, die jene Form der Gelassenheit verkörpern, die sich der Erfahrung wie der Entschlossenheit verdankt. Und die über eine Lebensklugheit verfügen, die mit der Schlauheit des Karrieristen nichts zu tun hat.

Diese Wunschfigur ist der „Staatsmann“, den man vom bloßen Karrierepolitiker unterscheidet. Von diesem ominösen und tendenziell numinosen Wesen wird erwartet, dass er den brennenden Ehrgeiz des aufstiegswilligen Newcomers überwunden hat und sich Lobbyistenansprüchen souverän zu widersetzen versteht. Zu seinen Aufgaben gehört die Seelenmassage per Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede und die Vermittlung eines Sicherheitsgefühls. Er sollte also eine gewisse Überlegenheit ausstrahlen und einen Weitblick demonstrieren, der weiter reicht als Raum und Zeit der Tagespolitik: also keine Verengung des Blickfeldes auf die tagespolitischen Arenen mit ihren Durchwursteleien und keine Beschränkung auf einen an der Wiederwahl orientierten Zeithorizont.

Es zählt der Blick nach vorn wie der zurück – schön, wenn dann geschichtliche Erfahrung noch biografisch belegt ist. Und da sind – Gnade der früheren Geburt – die Alten und Älteren im Vorteil, die die Naziherrschaft oder die deutsche Nachkriegsdiktatur im Osten erlitten und erlebt haben. So wird auch in den Auseinandersetzungen um die Bundespräsidentenwahl gelegentlich Gaucks „echtes Leben“ der Karriere Wulffs polemisch entgegengesetzt.

Scheinen da Vorstellungen vom Alter auf, die in der Vormoderne wurzeln? Archaische Urbilder von weisen Stammesältesten, vom Medizinmann, der über geheimnisvolle Rezepte verfügt? Die Sehnsucht nach den höheren Einsichten, wie sie Propheten haben? Oder doch wenigstens nach der Grandezza und rhetorischen Brillanz eines römischen Senators wie Cato?

Die Beliebtheit von Persönlichkeiten wie Helmut Schmidt oder Richard von Weizsäcker zeigt einerseits, dass Nostalgie sich immer auch dem schlechten Gedächtnis verdankt – denn auch sie waren normale Politiker, die ihre Feinde hatten und Tricks, sich ihrer zu erwehren. Es zeigt aber auch, dass diese patriarchalische Sehnsucht nach einer „natürlichen Autorität“ nicht zwangsläufig zu dezidiert autoritären Positionen führen muss.

Aber sie verweist auf eine in unserer politischen Kultur fest verwurzelte Expertengläubigkeit. Immer noch scheint die so unpolitische wie unrealistische Erwartung weitverbreitet, als könne es für aktuelle Probleme „objektive“, sogenannte „sachliche“ und damit eindeutige und unbestrittene Lösungen geben. Und als könnte das Gemeinwohl von einem Weisen „gefunden“ – und müsste nicht von allen durch Kompromisse erst „hergestellt“ werden. Diese Verkennung des politischen Prozesses macht anfällig für populistische Kurzschlüsse – und blind dafür, dass ein Populist auch nur ein Politiker ist, der andere Politiker als Politiker beschimpft.

Die hierzulande weitverbreitete Aversion gegen den politischen Streit hat auch viel mit Bequemlichkeit zu tun, ist doch jede Kontroverse ein indirekter Aufruf an jeden einzelnen Bürger, sich eine eigene Meinung zu bilden. Natürlich kann es helfen, wenn unabhängige und dabei politisch versierte und klug argumentierende „Alte“ wie Schmidt oder Weizsäcker in die politische Debatte eingreifen, aber in einer Demokratie lässt sich die Politik nicht an „weise“ oder „starke“ Persönlichkeiten delegieren. Man könnte als Bürger auch selber (mit-)denken. Unabhängig vom Alter.

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