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Kultur Ingo Metzmacher dirigiert das Berlioz-Requiem im Kuppelsaal
Nachrichten Kultur Ingo Metzmacher dirigiert das Berlioz-Requiem im Kuppelsaal
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02:16 30.05.2018
Ein riesiges Orchester und 300 Chorsänger: Ingo Metzmacher dirigiert das Berlioz-Requiem im Kuppelsaal. Quelle: Florian Petrow
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Hannover

Gut 300 Sänger, vier im Saal verteilte Blechbläserensembles, ein riesiges Orchester und Musik, die oft klingt wie von einem anderen Stern – kein Wunder, dass die Technik das nicht einfach so wegsteckt. Der NDR jedenfalls musste seine Liveübertragung des Requiems von Hector Berlioz aus dem Kuppelsaal wegen technischer Probleme mitten im größten Klangorkan unterbrechen und ein Ersatzprogramm senden. Das lässt zumindest ahnen, welchen Herausforderungen auch die rund 3000 Zuhörer vor Ort ausgesetzt waren. Berlioz hat sich bei seiner Totenmesse von 1837 nicht damit begnügt, einen liturgischen Text zu vertonen – er schildert die Ereignisse in grellen Farben und in 3D: Wenn bei ihm die letzte Posaune ertönt und die Gräber sich auftun, scheinen die Klänge das Publikum von allen Seiten zu umzingeln: Vor diesem Jüngsten Gericht gibt es kein Entkommen.

Ingo Metzmacher dirigiert das Berlioz-Requiem bei den Kunstfestspielen Herrenhausen

Angesichts solch unerhörter Musik sind bei der Uraufführung im Pariser Invalidendom die Zuhörer reihenweise in Ohnmacht gefallen – so steht es zumindest in den Erinnerungen des Komponisten. Am Sonntagmorgen im Kuppelsaal war dergleichen bei der zweiten hannoverschen Aufführung des Werkes im Rahmen der Kunstfestspiele nicht zu beobachten. Stattdessen gab es am Ende sehr lebhaften Applaus für alle Beteiligten.

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Kunstfestspiel-Intendant Ingo Metzmacher erliegt als Dirigent dieser Massen zu keiner Zeit der Versuchung, sich auf Überwältigung zu verlassen. Mit erstaunlicher Leichtigkeit führt er die insgesamt fast 400 Ausführende durch die Partitur. Selbst im größten Getümmel kann er plötzlich das Tempo anziehen, als leite er ein Kammerorchester. So muss keiner zu lange im „Chor der Seelen im Fegefeuer“ schmoren. Metzmacher ist zudem sehr auf Balance bedacht, immer wieder justiert er nach und dämpft einzelne Stimmen oder hebt sie hervor. Die eigenwillige Klangwelt von Berlioz kommt so in allen Lautstärken sehr klar zur Geltung.

„So wird man Kulturhauptstadt“

Dass das funktioniert, liegt natürlich vor allem an der Qualität der Musiker und Sänger: Was der Bachchor, der Norddeutsche Figuralchor, die Capella St. Crucis, das Collegium Vocale, der Johannes-Brahms-Chor, der Mädchenchor, das Junge Vokalensemble, der Kammerchor und der Knabenchor hier gemeinsam an stimmlicher Qualität und musikalischer Flexibilität bieten, ist herausragend: Das Wort von der Chorstadt wird so eindrucksvoll mit Sinn erfüllt. Tenor Werner Güra ist trotz leichter Anstrengung in der Höhe ein edler Solist. Und von der NDR Radiophilharmonie, die hier mit dem Orchester der Musikhochschule verstärkt wird, ist man ohnehin höchstes Niveau gewohnt.

Nach dem Konzert sagte Metzmacher, ein solches Projekt sei nur möglich, weil sich die musikalischen Kräfte Hannovers vereint hätten: „Wenn alle so zusammenarbeiten wir für dieses Konzert, dann wird auch die Kulturhauptstadtbewerbung ein Erfolg“, prophezeite er.

Berlioz’ „Grande Messe des Morts“ bietet in dieser Version nicht nur großformatige Klanggemälde, sondern auch feine abstrakte Zeichnungen, die Raum bieten für Rätselhaftes. So, wie der Komponist knarzige Kontratöne von Fernposaunen mit fahlen Flötenklängen kombiniert, sollten sich das seine Nachfolger über Jahrhunderte nicht trauen. Wie nah Berlioz an der Gegenwart ist, beweist auch Bernd Alois Zimmermans Orchesterstück „Stille und Umkehr“, das Metzmacher nahtlos an das Requiem anfügt. Ein flirrender Nachklang, der zeigt, dass diese Musik noch lange nicht verglüht ist..

Von Stefan Arndt

30.05.2018
26.05.2018