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Kultur Auf Daten-Droge
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17:51 30.10.2013
Von Stefan Stosch
Menschen, die auf Laptops starren: Julian Assange (Benedict Cumberbatch, von links), Birgitta Jónsdóttir (Carice van Houten), Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl) und der „Architekt“ (Moritz Bleibtreu). Quelle: Constantin
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New York

Von der Erfindung der Keilschrift bis zur Installation der Enthüllungsplattform WikiLeaks hat die Menschheit ein paar Jahrtausende gebraucht. Dieser Film huscht in Sekunden durch die Geschichte: Telegramme, Flugblätter, Zeitungsseiten, Radiosätze, TV-Ausschnitte, Tablet-Computer jagen an Augen und Ohren der Zuschauer vorüber. Hinweise auf die Ermordung Kennedys, den Mauerfall oder das Terrorattentat vom 11. September – alles dabei bei diesem Potpourri über den bis ins Absurde beschleunigten Datenfluss.

Wie weit darf man gehen im Namen der Wahrheit? Wie können wir die Mächtigen der Welt kontrollieren im 21. Jahrhundert? Mit seinem Thriller über die Whistleblower-Plattform Wikileaks formuliert Bill Condon wichtige Fragen.

Der rasante Einstieg von Bill Condons „Inside WikiLeaks“ zeigt, worauf der US-Regisseur und sein Drehbuchautor Josh Singer abzielen: Sie wollen eine spannende Geschichte erzählen, verstehen sich aber zugleich als Aufklärer auf der Höhe der Zeit – ein riskantes Projekt für einen Mainstream-Film.

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Immer wieder stehen Männer (und kaum Frauen) vor der Kamera und dozieren über die Verantwortung des Journalisten im 21. Jahrhundert, über die Verpflichtung, Informanten – neudeutsch: Whistleblower – zu schützen oder auch über die schwierige Gratwanderung zwischen Schutz der Privatsphäre und Recht auf Transparenz. Nebenbei wird ein – immerhin respektvoller – Abgesang auf die gute, alte Zeitung angestimmt, die wie etwa der „Guardian“ dann wiederum nötig ist, um die WikiLeaks-Informationsflut zu kanalisieren.

Auch bei Hauptfigur Julian Assange (Benedict Cumberbatch), dem Erfinder von WikiLeaks, wollen sich die Filmemacher nicht so ganz festlegen: Ist er nun ein Messias im digitalen Medienzeitalter oder doch nur ein verantwortungsloser Selbstvermarkter? Der echte Assange jedenfalls forderte Hauptdarsteller Cumberbatch aus seinem Asyl in der ecuadorianischen Botschaft in London auf, die Rolle abzulehnen – und kritisiert heute, zum Bösewicht abgestempelt worden zu sein.

Sicherheitshalber hat Regisseur Condon („Kinsey – Die Wahrheit über Sex“, „Breaking Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht“) diesen unkonventionellen Film in eine konventionelle Buddie-Geschichte eingebettet – und dabei zwei hervorragende Darsteller zusammengebracht. Benedict Cumberbatch, seit der Fernsehserie „Sherlock“ gerühmt als eines der größten Talente seiner Darstellergeneration, spielt Assange als charismatischen Kotzbrocken. Ihm zur Seite steht der gerade für seinen Auftritt als Niki Lauda in „Rush“ hochgelobte Daniel Brühl. Er gibt Daniel Domscheit-Berg, Assanges ehemaligen deutschen Vertrauten, auf dessen Buch dieser Film teilweise beruht.

Die beiden beginnen als Traumduo – und enden als Intimfeinde. Immer wieder fungiert der Deutsche als das gute Gewissen des unberechenbaren Assange. Er muss den WikiLeaks-Gründer stoppen, wenn wieder mal der Wahnsinn in dessen Augen glimmt und er nicht kapieren will, dass die Veröffentlichung der Geheimdokumente des US-Soldaten Bradley Manning Menschenleben kosten könnte. Oder behauptet die US-Regierung das nur, um Assange zu diskreditieren?

Für das US-Publikum war das alles wohl ein bisschen zu viel der Differenzierung: Dort ist „Inside WikiLeaks“ grandios gefloppt, obwohl im Film angeblich „amerikanischen Werte“ wie Wahrheit und Gerechtigkeit beschworen werden, für die schon die Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein in der Watergate-Affäre einstanden. Die traten sich im Kinothriller „Die Unbestechlichen“ (1976) in dunklen Tiefgaragen die Füße platt und lauschten obskuren Informanten, heute hocken leicht verwahrloste Computernerds vor flimmernden Bildschirmen.

Regisseur Condon filmt diese cineastisch wenig reizvolle Alltagsbeschäftigung wie einen Rausch. Das Tempo soll die Komplexheit der Geschichte wenigstens halbwegs vergessen machen. Deshalb kommt „Inside WikiLeaks“ daher wie eine endlose Party, bei der dem Kinozuschauer Datendrogen in Form von Grafiken und Zeichenkolonnen verabreicht werden. Das führt zu einer ganz anderen Erkenntnis dieses seltsamen Thrillers mit eingebautem Diskussionsforum: Wir alle sind Datensüchtige, und der digitale Nachschub ist grenzenlos.

Datenstrom plus Aufklärung: Mutige, aber letztlich unrunde Kombination.

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