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Kultur Insolvente US-Starfotografin Annie Leibovitz wird 60 Jahre alt
Nachrichten Kultur Insolvente US-Starfotografin Annie Leibovitz wird 60 Jahre alt
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13:23 02.10.2009
Von Johanna Di Blasi
Annie Leibovitz Quelle: ddp
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In den siebziger Jahren war Annie Leibovitz mit den „Rolling Stones“ unterwegs. Sie begleitete die Band als Tour­fotografin. Damals zeigte sich bereits, was für eine Draufgängerin die US-Fotografin mit dem chronisch zerzausten Haar ist. Sie gilt unter den Promifotografen als nicht zu bremsende Urgewalt und Fanatikerin, die sich ihrem Beruf mit Haut und Haar verschrieben hat. Das Stones-Abenteuer brachte ihr eine Kokainsucht ein. Um authentische Bilder zu gewinnen, war Leibovitz tief ins Rockerleben abgetaucht.

Von den Drogen ist sie wieder losgekommen, und doch scheint die Fotografin, die heute ihren 60. Geburtstag feiert, in den zurückliegenden Jahrzehnten ein Leben wie im Vollrausch geführt zu haben. Sie bekam Millionengagen und gab das Geld ebenso großzügig wieder aus. Ihre Fotoproduktionen gestaltete die New Yorkerin kostspielig und aufwendig wie Filmsets. Als sie einmal Whoopi Goldberg in einer Wanne voll Milch fotografierte, war ein riesiger Mitarbeiterstab damit beschäftigt, Hunderte Milchtüten auf Badewannentemperatur zu erwärmen. Ikonen sind ihre Bilder von John Lennon und Yoko Ono wenige Stunden vor der Ermordung des Ex-Beatles und Nacktaufnahmen der hochschwangeren Schauspielerin Demi Moore.

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Das Geld ließ sie auch in luxuriöse Immobilien fließen, und sie leistete sich Köche, Hausmeister, Yogatrainer, Gärtner und Supernanny für ihre drei Kinder. Jenseits der 50 hatte die Lebensgefährtin der kritischen Intellektuellen Susan Sontag ihr erstes Kind dank Samenspende zur Welt gebracht. Es folgten noch Zwillinge, die eine Leihmutter austrug.

In den zurückliegenden Monaten geriet ihr Leben mehr und mehr ins Wanken. Die „New York Times“ berichtete im Februar, dass die Fotografin zwei Kredite über insgesamt 15,5 Millionen Dollar (inzwischen weiß man: 24 Millionen) bei der Kunstpfandfirma Art Capital aufgenommen hat, mit der Laufzeit von einem Jahr. Leibovitz bürgt zu waghalsigen Konditionen mit ihrem gesamten Besitz und allen Werken, auch den künftigen.

Die Kreditvereinbarungen scheinen ihr nicht im Detail bewusst gewesen zu sein. Am 8. September sollte die Frist ablaufen. Leibovitz hätte auf einen Schlag ihren Besitz und wahrscheinlich auch die Rechte an ihrem eigenen Werk verloren, wenn ihr nicht noch einmal Aufschub gewährt worden wäre. Im Vorjahr, als Leibovitz im Berliner Postfuhramt mit einer Retrospektive geehrt wurde, erschien sie noch fest verankert in der Welt der Schönen und Reichen. Nun ist sie bitter abgestürzt. Die New Yorker Society hat ein weiteres prominentes Finanzopfer.

Heinrich Thies 30.09.2009