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Kultur Interkultur statt Multikulti
Nachrichten Kultur Interkultur statt Multikulti
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11:49 29.06.2010
Von Karl-Ludwig Baader
Manchmal lernen sie doch nur für die Schule: Mit dem interkulturellen Austausch ist es in Deutschland nicht weit her. Quelle: dpa
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So funktionieren nun mal die medialen und politischen Debatten: Integration wird überwiegend dann zum Thema, wenn sie irgendwo nicht funktioniert, wenn Konflikte, möglichst spektakuläre, auftreten. Die Normalität, das tägliche Zusammen- oder Neben­einanderherleben von Eingeborenen und Millionen Migranten ist seltener ein Thema – kein Problem ist keine Nachricht.

Aufmerksamkeit erreicht das Thema auch, wenn sich politische Repräsentanten mit solchen von Minderheiten höchst offiziell zu bilateralen Verhandlungen treffen, wie es bei der sogenannten Islamkonferenz der Fall ist.

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Veranstaltungen dieser Art bieten Chancen, aber auch Gefahren. Sie festigen, ohne dass dies in irgendjemandes Absicht liegen muss, die in diesem Land vorherrschende Wahrnehmung der Einwanderung: In den Mittelpunkt rückt die kulturelle Differenz und damit die vorherrschende kulturell-ethnologische Sicht auf die Zuwanderung – was zum geheimen Nachleben unserer völkischen Tradition gehört, die „Volk“ und „Nation“ nicht politisch, sondern kulturell, teilweise auch biologisch definierte.

Dass dies auch den Wohlmeinenden nicht bewusst ist, zeigt eine Anekdote, die der Berliner Publizist Mark Terkessidis in seinem anregenden Essay „Interkultur“ erzählt. Als der kleine Mark auf das Gymnasium kam, wurde er gleich von einem Lehrer als Spezialist für griechische Kultur erkannt und entsprechend befragt. Bis zu diesem Zeitpunkt war der 1966 in Köln Geborene noch nie in Griechenland gewesen. Vermutete der Pädagoge eine Art „genetisches Kulturwissen“, wie Terkessidis ironisch anmerkt?

Der Publizist und Psychologe, Sohn einer deutschen Mutter und eines griechischen Vaters, beschäftigt sich seit Langem mit den Fragen von Einwanderung und Integration. Er weiß aus Befragungen von Migranten der zweiten oder dritten Generation, aber ebenso aus eigener Erfahrung, dass Diskriminierung und Ausgrenzung auch die Form der sich wohlwollend gebenden Neugier annehmen kann. Ständig werden viele von ihnen auf ihre – fremde! – Herkunft angesprochen und, schlimmer noch, auf sie festgelegt. Viele Migrantenkinder, berichtet Terkessidis, bemerkten erst in der Schule, dass sie offensichtlich nicht „dazugehören“.

Auf den Straßen unserer Städte zeigt sich die real existierende deutsche Bevölkerung in ihrer ganzen Vielfalt. In den Köpfen der eingeborenen Deutschen dagegen existiert ein unklares „Wir“, von dem immerhin klar ist, dass die Migranten (bis zu welcher Generation eigentlich?) nicht dazugehören. Da die Einheimischen eigentlich nicht so recht definieren können, was denn nun ihre Kultur, ihre Identität oder ihr „Wir“ ausmachen, brauchen sie die Migranten, um sich wenigstens in der Abgrenzung von ihnen wiederzufinden. Wenn es gegen das Kopftuch geht, so die Beobachtung nicht nur dieses Autors, outen sich selbst konservative Deutsche als stramme Feministen, wobei doppelte Standards gesetzt werden: Das Kopftuch ist offensichtlich skandalöser als die Tatsache, dass in Deutschland Frauen immer noch 30 Prozent weniger verdienen als Männer.

Terkessidis sieht zunächst einmal ein Wahrnehmungsproblem, das aus einer Realitätsverweigerung herrührt. Die „Normalität“, die vielen Integrationskonzepten zugrunde liegt, ist eine deutsche Normalität, in der Migranten nicht vorkommen. Das heißt, sie entspricht nicht der sozialen und demografischen Wirklichkeit, aber sie bestimmt die Normen, die festlegen, was Ausnahme und Abweichung, also ein „Problem“ ist.

Der Autor widerspricht der Sicht, wonach „wir“ Integration anbieten, „die“ aber nicht so recht wollen. Er weist darauf hin, wie sehr die heutige Diskussion um Integration jener in den siebziger Jahren gleicht – damals sprach man von „Gettobildung“, heute von „Parallelgesellschaft“. Dass aber in diesen vier Jahrzehnten nie ernsthaft Konzepte für Schulen oder Stadtteile ausprobiert, getestet und kontinuierlich entwickelt wurden. Der politische Stillstand passt jedenfalls nicht zu dem Gejammer der politisch Verantwortlichen, dass es mit der Integration nicht recht vorwärtsgehe.

Mark Terkessidis schlägt nun vor, sich am Konzept „Interkultur“ zu orientieren. Dabei geht es nicht um moralische Appelle, sondern um praktische Politik, nicht um das Denken oder die Einstellung einzelner Menschen, sondern um Institutionen (Schule, Verwaltung, Polizei, aber auch Firmen) und die Veränderung jener versteckten Mechanismen, mit denen sie Migranten benachteiligen. Alle Institutionen, so seine Forderung, müssen danach untersucht werden, ob sie tatsächlich Barrierefreiheit ermöglichen, ob sie jedermann, gleich welcher Herkunft oder Geschlecht, gleiche Zugangschancen eröffnen.

Mit Bezug auf Programme in den USA und Großbritannien hält er auch Quotenregelungen im öffentlichen Dienst oder im (Hoch-)Kulturbetrieb für wichtig: weil nur so tatsächliche Veränderungen überhaupt messbar sind. Das Konzept „Diversity“ wird in angelsächsischen Ländern auch in Firmen verfolgt: Man setzt an den Potenzialen, den Vorteilen an, die die unterschiedlichen Herkünfte bieten, nicht an den Problemen, die sie bereiten könnten.

Lernen könnte man hierzulande auch von anderswo erprobten Schulkonzepten, zumal der Spracherwerb von Migranten etwa in Großbritannien viel besser funktioniert als in Deutschland. Würde man die vielfältige Wirklichkeit zur Normalität erklären, müssen die Konzepte eben viel stärker berücksichtigen, dass in manchen Städten bis zu 50 Prozent der Schulanfänger aus Migrantenfamilien kommen.

Die These von Terkessidis ist nachvollziehbar: Wenn man die unterschiedlichen Voraussetzungen ignoriert, werden sie zementiert. Der Autor ist also keineswegs dafür, die kulturellen Unterschiede zu bewahren. Die unterschiedlichen Herkünfte sind der reale Ausgangspunkt, das Ziel ist ein interkultureller Austausch, in dem alle Gruppen der Gesellschaft tatsächlich die Chance haben, die Gesellschaft mitzugestalten. Ob das gelingt, hängt davon ab, ob die Migranten die reale Chance am Arbeitsmarkt bekommen, gleichberechtigte und tätige Mitglieder dieser Gesellschaft zu werden. Es geht ihm nicht um die Integration der Zuwanderer in „die“ deutsche Gesellschaft, sondern um eine Integration der deutschen real pluralen Gesellschaft, an der alle Gruppen aktiv beteiligt werden sollen.

Damit spricht er sich gegen Multikulti genauso aus wie gegen Integrationskonzepte, die von einer festen nationalen Identität ausgehen – die ja auch niemand inhaltlich exakt beschreiben kann. Jene beiden Positionen gehen gleichsam von einem kulturalistischen Fatalismus aus, der kulturelle Prägungen für unveränderlich hält, was ja beispielsweise heißen würde, dass auch die Deutschen sich seit Jahrhunderten nicht verändert haben. Während die Vorstellungen von Multikulti und Identität der Vergangenheit verhaftet bleiben, setzt Terkessidis auf eine (kultur-)politische Orientierung auf die Zukunft hin, die dann als gemein­sames Projekt der Deutschen aller Herkünfte verstanden werden könnte.

Auf Veranstaltungen wie der „Islamkonferenz“ geht es eher darum, wie Eingeborene und bestimmte, namentlich muslimische Zuwanderer mit ihren kulturellen Traditionen und Eigenarten eine friedliche Koexistenz bilden können. Aber vielleicht sollte sich die Diskussion nicht zu sehr auf diese (kulturellen) Grenzen konzentrieren, sondern eher darauf, wie ein gemeinsamer (politischer) Raum geschaffen werden könnte, in dem alle gemeinsam die gemeinsame Gesellschaft gestalten können.

Autor

Mark Terkessidis

Titel

Interkultur

Verlag

Suhrkamp

Seitenzahl

221 Seiten

Preis

13 Euro

Stefan Arndt 28.06.2010
Rainer Wagner 26.06.2010