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Kultur „Fußballer sind die Götter unserer Zeit“
Nachrichten Kultur „Fußballer sind die Götter unserer Zeit“
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08:59 12.06.2014
„Für all das, was es über und durch ihn zu erzählen gibt, müsste man eigentlich einen Roman schreiben“: Oliver Kahn. Quelle: dpa
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Der Titel Ihrer Gedichtsammlung lautet nicht etwa „Fußballballaden“ oder „Fußball-Limericks“, sondern „Fußball-Oden“. Ist der Grund dafür, dass es bei diesem Sport wie im Genre der Ode um großes Pathos geht?

Die Entscheidung für die Ode als feierliche Form ist sehr bewusst. Es geht um mehr als um pure Heldenverehrung, es geht um Fallhöhe, den Fall vom Olymp auf den Rasen. Es geht um die Grasnarben und inneren Verletzungen, darum, dass eben auch der, der alles gewonnen hat, alles verlieren kann im nächsten Augenblick, dass eben dieser Augenblick des absoluten Glücks oft nicht länger als einen Lidschlag lang verweilen kann. Fußballer laufen nicht auf Kothurnen, sondern auf Stollen, das schafft Kontraste, die gerade für die Lyrik produktiv sind. Und Fußballer werden als Helden verehrt, enden aber nicht selten allzu menschlich. Um das alles zu erzählen, ist die Ode die beste Form.

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Die Ode ist eng mit der Hymne verwandt. Machen Sie nun also den Sportfreunden Stiller und den Toten Hosen Konkurrenz?

Ode heißt zwar Gesang, aber ich zweifle, dass meine Oden so eins zu eins singbar wären. Mit den Sportfreunden Stiller teile ich die hymnische Leidenschaft für Bayern. Die Toten Hosen sind für mich eher tote Hosen, was Fußball betrifft. Meine Bayern-Hymnik und ihre Bayern-Häme wären ein schmutziger Reim, aber vielleicht läge gerade darin ein Reiz für einen Sängerstreit, wobei ich noch schlechter singen als Gitarre spielen kann ...

Die Ode an Bastian Schweinsteiger nennen Sie „Ganymeds Game“, das Gedicht für Thomas Müller „Play Prometheus“. Was haben die Fußballer mit diesen mythischen Gestalten gemein?

Fußballer sind naturgemäß die Götter und Helden unserer Zeit, die Medien überhöhen sie, zeichnen ein Bild von ihnen, das sie fast virtuell erscheinen lässt, als wäre das Ziel eine Mutation, dass sie vom Spielfeld in die Playstation gebeamt werden und somit Wachs in unserer Hand werden, wenn man es wieder in einer mythischen Metapher fassen will. Das Schöne an Mythen ist aber, dass sie unfassbar sind, dass sie ständiger Veränderung begriffen sind und begriffen werden müssen. Der Mythos ist die immer neue Erzählung der immer gleichen Geschichte. Und nichts anderes ist Fußball. Ganymed und Prometheus sind Archetypen, also Typen wie Schweinsteiger und Müller, sie haben Kanten, sie sperren sich, sie haben eine rebellische Identität, sind nicht stromlinienförmig, sondern haben einen eigenen Kopf und Fuß.

Weil Oden meist „an“ jemanden gerichtet sind, stellen sie eine besondere Form der Fanverehrung da. Kahn widmen Sie als einzigem gleich mehrere Gedichte – weshalb?

Oliver Kahn ist der erste Beweger, mit ihm begann alles, er war der Auslöser für die erste Fußball-Ode, ohne ihn hätte ich diese Form für mich nie gefunden. Und er blieb für mich ein Mensch, der mich immer noch begeistert und inspiriert. Und eben nicht nur als stilbildender und das Spiel prägender Torwart, sondern als jemand, der zum Titan wurde und danach wieder zum Menschen, der sich selbst befreit hat und sein Leben zurückgewonnen hat. Für all das, was es über und durch ihn zu erzählen gibt, müsste man eigentlich einen Roman schreiben. Aber das wird er hoffentlich selbst machen.

Eine der bekanntesten Oden der Weltliteratur ist Schillers „An die Freude“. Da heißt es: „Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligthum.“ Fühlen Sie sich ähnlich, wenn Sie ein Stadion betreten oder die Weltmeisterschaft in Brasilien verfolgen?

Ich mag das Religiöse nicht, wenn ich ehrlich bin, es widerstrebt mir, ein Stadion wie einen Tempel, eine Kirche zu betreten. Wenn mir etwas heilig dort ist, dann ist es das Spiel und dass wir mit Schiller durch das Spielen erst ganz zum Menschen werden. Aber: Wenn die Allianz-Arena rot leuchtet, wenn man spürt, wie das Bernabéu vibriert, in Dortmund in der Wand steht, dann ist das manchmal schon wie von einer anderen Welt, und man fühlt sich in einer Verwandlung, die am Ende im besten Falle die pure Freude ist.

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