Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Der „Krieg gegen das Altwerden“
Nachrichten Kultur Der „Krieg gegen das Altwerden“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:11 06.01.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Man darf sich nicht hängen lassen: Ein Sportler bei den Deutschen Seniorenmeisterschaften.
Man darf sich nicht hängen lassen: Ein Sportler bei den Deutschen Seniorenmeisterschaften. Quelle: Marius Becker
Anzeige

Ihr Buch trägt den Titel „Altwerden ist das Schönste und Dümmste, was einem passieren kann“. Was am Altwerden so dumm sein soll, kann man sich vorstellen. Aber was ist das Schöne am Altern?
Heute, im Zeitalter der Jugendlichkeit, ist das ein bisschen schwer zu sehen. Ich bin selber 75 Jahre alt und merke, dass das Alter die Möglichkeit der Gelassenheit und der Vertiefung bietet. Ich bilde mir ein, dass ich heute mit einer anderen Tiefe und Ergriffenheit Musikstücke hören, Natur erleben oder ein Bild im Museum betrachten kann als in jüngeren Jahren. Natürlich steht nicht zur Debatte, dass man gleichzeitig auch mit der Mühsal des Älterwerdens zu tun hat. Aber es gibt eben auch etwas, das einem neue, schöne Seiten des Lebens eröffnet.

Sie nennen in Ihrem Buch auch die Probleme des Alterns - etwa die Zumutungen durch die Leistungsgesellschaft.
Das ist eine ganz zwiespältige Angelegenheit. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, aber als Alter ist man erst mal nicht mehr dabei. Man befindet sich nicht mehr im Arbeitsprozess. Und man ist nicht mehr so fit wie die Jungen. Man macht die Erfahrung, dass einen die Leistungsgesellschaft nicht will. Auf der anderen Seite kann man es aber auch als Befreiung erleben, den Imperativen der Leistungsgesellschaft nicht mehr gehorchen zu müssen.

Steigen die Alten freiwillig aus? Oder werden sie nicht doch eher ausgegrenzt?
Es hat ja noch nie eine Gesellschaft gegeben, die ihren Alten so nachdrücklich mitteilt, dass alles nichts mehr wert ist, was sie in ihrem Leben gelernt haben. Das, was unsere Gesellschaft ausmacht, ist die Kompetenz und Kenntnis der Jüngeren. Früher haben die Alten etwas bedeutet; sie wussten, wann man was aussät oder was es mit der Geschichte des Dorfes auf sich hat. Das ist nun alles hinfällig. Wir haben die neue Situation, dass den Alten unablässig gesagt wird: „Wir brauchen das, was ihr gelernt habt, nicht.“ Das ist ein ziemlicher Schlag. Die Tatsache, dass den alten Menschen unablässig gesagt wird, dass ihre Erfahrung und ihr Wissen nichts mehr wert sind, ist sicher auch ein Grund dafür, dass so viele Menschen im Alter ihren Verstand an der Garderobe abgeben. Manchmal kommt es mir vor, als würde geradezu ein Krieg gegen das Altwerden geführt.

Haben Alte nicht auch das Recht, sich dem Alter nicht zu stellen, es einfach zu ignorieren?
Also wissen Sie: Die Augen werden schlechter, man hört weniger, man steht etwas schwerfälliger auf. Das Alter zu ignorieren, heißt ja auch, sich etwas vorzulügen. Es kommt vielmehr darauf an, wiederzuentdecken, dass Altsein sein darf. Man muss die Frage stellen, was unter den Bedingungen der Leistungsgesellschaft die Schönheit des Alters ausmachen kann. Alter ist eine Aufgabe, und es hat auch mit Aufgeben zu tun - in genau diesem schönen Doppelsinn des Wortes. Es bietet die Chance wahrzunehmen, dass die Schönheit des Leben nicht im Immer-mehr, sondern in der Intensivierung liegen kann.

Sie beschäftigen sich schon seit vielen Jahren mit dem Altern. Bereits 1989 haben Sie ein Buch mit dem Untertitel „Über den drohenden Krieg der Jungen gegen die Alten“ veröffentlicht. Hat sich seitdem beim Altern etwas grundsätzlich geändert?
Ja. Es hat sich grundsätzlich geändert, dass die Alten heute mehr noch als damals unter den Imperativ der Gesundheitsgesellschaft geraten sind. Immer mehr Alte nehmen immer mehr Tabletten zu sich. Die wahren Drogensüchtigen dieser Gesellschaft sind die Alten. Die Pharmazieforschung zeigt, dass jeder, der über 70 ist, im Schnitt täglich sieben Tabletten zu sich nimmt. Und ich glaube, dass auch die Verlockung zur Ablenkung deutlich zugenommen hat. Viele Alte sitzen heute jeden Tag fünf Stunden oder mehr vor dem Fernseher. Das ist ein Prozess, der geradlinig in die Verblödung führt. Außerdem heißt Altsein heute anders als noch vor 30 Jahren: allein sein. Wenn man an die geburtenstarken Jahrgänge denkt, die langsam dem Alter entgegen schreiten, wird klar, dass wir neue Modelle des Alterns brauchen. Wenn denen da nichts einfällt, werden sie im Alter sehr allein sein.

Nach dem Altern kommt der Tod. Gehen alte Menschen anders mit dem Tod um?
Einerseits weiß man um die Befristung des Lebens, das kann Angst auslösen - und das löst auch Angst aus. Wenn man sich aber von der Angst befreit, kann man so intensiv leben, wie nie zuvor.

Was ist mit Ihrer Angst vor dem Tod?
Sie ist nicht dauernd da, aber sie taucht hin und wieder auf. In meinem Alter weiß man nicht, ob man am nächsten Morgen vielleicht mit einer schweren Krankheit aufwachen wird. Ich bin in der glücklichen Lage, mein Leben jetzt mit großer Heiterkeit und Intensität zu genießen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich heute gelassener bin als früher. Ich kann die Arme ausbreiten, um das Leben zu umarmen.

Was hilft dabei, diese Haltung zu erreichen? Ist es die Philosophie?
Ich glaube, es geht darum, nachzudenken und zu empfinden. Je älter ich werde, umso mehr schaue ich auf mich als einen fühlenden Menschen. Je mehr der Druck der Leistungsgesellschaft weicht, umso mehr ist die Möglichkeit da, das pulsierende Leben auch wahrzunehmen. Kafka hat einmal gesagt: „Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“ Ich glaube, dass das wahr ist.

Zur Person

Reimer Gronemeyer, Jahrgang 1939, ist Theologe und Soziologe. Er arbeitete als Pfarrer in Hamburg und ist Professor für Soziologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. In seiner Forschung beschäftigt er sich vor allem mit den Fragen des Alterns. In seinem neuen Buch „Altwerden ist das Schönste und Dümmste, was einem passieren kann“ (edition Körber Stiftung, 216 Seiten,?18 Euro) beschreibt er, dass die Leistungsgesellschaft längst auch diejenigen erfasst hat, die glaubten, nun nichts mehr leisten zu müssen. Die Alten heute haben nicht nur neue Freiheiten, sondern erleben auch neue Zwänge: „Gesund muss man bleiben, leistungsfähig, selbstständig. Dafür darf man auch mit 80 noch reisen, Sex haben, mit den Freunden „skypen“.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Kultur Prozess um Helge Achenbach - Kunsthistoriker wird zum Whistleblower
05.01.2015
Kultur Konzert der Blues Brothers - Unterwegs im Auftrag des Herrn
04.01.2015
Kultur Bohuslav Martinu Philharmonic Orchestra - Beethoven hoch zwei
04.01.2015