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Kultur Bestseller-Autor Florian Illies: „Die Lust an der Vergangenheit wecken“
Nachrichten Kultur Bestseller-Autor Florian Illies: „Die Lust an der Vergangenheit wecken“
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21:42 19.10.2018
Neuer Wunsch nach sinnlicherem Verständnis der Geschichte: Der Schriftsteller Florian Illies will die Lust an der Vergangenheit wecken. Quelle: Patrick Bienert
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Berlin

Florian Illies schreibt wieder über das Jahr 1913. Mehr zum Buch lesen Sie hier.

In der Fortsetzung Ihres Bestsellerromans „1913“ heißt es: „Arthur Schnitzler kümmert sich um seinen schwierigsten Patienten, die Gegenwart.“ Weshalb kümmern Sie sich lieber um weniger anstrengende Patienten, die Kunst des 19. Jahrhunderts für die Villa Grisebach und das Jahr 1913 als Autor?

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Als Journalist habe ich ja den „Patienten Gegenwart“ jeden Tag im Behandlungszimmer. Das zwingt fast zu Schnell- und Ferndiagnose. Ich genieße es als Buchautor, mehr Zeit zu haben, wenn ich zurückblicke aufs Jahr 1913 – da sind dann viele schwierige Patienten längst geheilt, und ich kann mich den interessantesten Fällen zuwenden – also den schönsten Fieberträumen der Vergangenheit und den größten Hitzköpfen.

Die Fernsehserie „Babylon Berlin“, die kurz vor Hitlers Machtergreifung spielt, ist ebenfalls ein großer Erfolg. Worauf führen Sie diese Faszination an der Geschichte zurück?

Es gibt wirklich einen neuen Wunsch nach einem besseren und sinnlicheren Verständnis der Geschichte. Die Stadt Berlin stürmt eigentlich stets besinnungslos nach vorne und lässt die Vergangenheit hinter sich wie ein Läufer, der jede Hürde hinter sich umwirft. Wie gut, dass eine Serie wie „Babylon Berlin“ uns heute klar macht, was es hieß, 1929, 1930 über diese Hürden zu springen. Tom Tykwer, den ich sehr schätze, hat einen ganz ähnlichen Ansatz wie ich: Einerseits zu unterhalten und andererseits eine Lust an der Vergangenheit zu wecken, um mehr über die Gegenwart zu lernen. „Babylon Berlin“ und „1913“ beschreiben beide diesen Umkipp-Moment: wie aus einem wilden, selbstvergessenen Tanz auf dem Vulkan plötzlich ein Herabgleiten in den glühenden Schlund wird.

Kann die Beschäftigung mit diesem letzten Vorkriegsjahr uns auch in der aktuellen politischen Gemengelage eine Lehre sein?

Ja, auf jeden Fall. Schon das erste Buch wurde ja politisch gelesen: als ein Beschwören der Bindungskräfte des Alten Europa. Die internationale Verflechtung war in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg enorm: Die Künstler sind zwischen London, Paris, Wien, St. Petersburg, Berlin und New York mit großer Selbstverständlichkeit unterwegs gewesen. Das alte Europa kannte kaum Sprachbarrieren – und eine große Offenheit gegenüber der kulturellen Erneuerung. Das ist die Welt von gestern, die Stefan Zweig heraufbeschworen hat. Ich denke, wir müssen sehr aufpassen, dass die Welt von heute nicht auch wieder eine Welt von gestern wird.

Fortsetzungen spielen gemeinhin nach oder vor dem Original, Sie aber erzählen dieselbe Zeitspanne einfach noch mal anhand von anderen Episoden. Welchen Erkenntnisgewinn hat das?

Als Autor möchte ich mich selbst überraschen – und somit natürlich auch den Leser. Also wählte ich schon bei meinem ersten Buch „Generation Golf“ eigentlich ein No-Go-Thema, also eine unspektakuläre Kindheit in einem unspektakulären Land. Es geht dann eben darum, das so aufzuschreiben, dass sich viele darin wiederfinden. Und nicht mit dem Lesen aufhören. „1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ ist wieder so ein Fall: Ich wollte genau nicht meinen erzählerischen Ansatz aus dem ersten Buch auf das Jahr 1914 oder das Jahr 1932 oder das Jahr 1989 anwenden, das wäre mir zu bequem gewesen, zu langweilig. Ich will ja selbst beim Schreiben überrascht werden, sonst wird es der Leser auch nicht sein.

Oder wollten Sie mit dem neuen Aufguss einfach noch einmal Ihre Erfolgsgeschichte wiederholen? 

Keine Sorge, alles ist neu: das heiße Teewasser, die Tasse und auch der Tee selbst. Es stammt nur alles wieder aus dem Jahr 1913. Also 280 Seiten mit ganz neuen Figuren und Geschichten. Ich habe als Student der Geschichte so viele Bücher lesen müssen, die mich gequält haben, weil mir das Lebendige und das Sinnliche fehlte. Deshalb bin ich froh, eine Methode gefunden zu haben, Geschichte anders zu erzählen. Außerdem kennen wir das im Buchbereich bei den Krimis: Wir haben das gleiche Setting, denselben Kommissar, aber einen neuen Fall. Das Prinzip setzt sich auch in anderen Kunstbereichen immer mehr durch, zum Beispiel im Film, in all den wunderbaren Netflix-Serien. Das Serielle befriedigt offenbar ein zeitgenössisches Bedürfnis. Und ich als Kommissar fand nun eben den Ermittlungsfall 1913 noch lange nicht abgeschlossen. Es gibt so viele neue Akten. So viele neue Obduktionsberichte. Und so viele herrliche und hochbrisante Informationen der verdeckten Ermittler ... Ich bin über die letzten fünf Jahre immer wieder auf neue Geschichten gestoßen, bei denen ich mich ärgerte, dass sie nicht Teil des ersten Buches waren, die Erfindung der Tankstelle und des Bügeleisens etwa. Das Weltwissen zum Jahr 1913 ist außerdem seit dem letzten Buch explodiert, das liegt an der Digitalisierung. Tagebücher und Zeitschriften aus dieser Zeit sind jetzt leichter verfügbar im Internet.

Wie viele Details haben Sie erfunden? Also zum Beispiel, dass es am ersten Geburtstag von Jackson Pollock Nudeln mit Tomatensoße gab, das erste „Drip Painting“, wie Sie schreiben?

Das ist eine der ganz wenigen Stellen, die der Fantasie des Autors entsprungen sind. Mr. Bean hat mal gesagt: „Jeder Witz ist auch eine Form der Freiheit“. Ich versuche, mit Humor zu erzählen, das hilft, auch die tragischen Momente der Geschichte auszuhalten.

In ihrem Roman kommt am Rande der Dichter Rudolf Borchardt vor. Der Rowohlt-Verlag, den Sie ab 2019 leiten werden, hat aus dessen Nachlass den 1000-seitigen pornografischen Roman „Weltpuff Berlin“ ausgegraben. Waren Sie daran beteiligt?

Nein, und ich bin ja auch erst ab dem nächsten Jahr für Rowohlt tätig. Es gibt aber ein schönes Detail, das ich in meinem Buch ausgelassen habe: In genau jenem Jahr 1913 war der legendäre Verlagsgründer Ernst Rowohlt Prokurist bei dem Verlag S. Fischer, in dem nun mein Buch über „1913“ erscheint. Sie sehen also, das Leben schreibt die schönsten Geschichten.

Sie haben bei unserem letzten Interview gesagt, als Redakteur beschäftige man sich jeden Tag mit etwas anderem, als Experte in einem Auktionshaus könne man ganz in eine Epoche eintauchen. Künftig müssen Sie sich als Verleger wieder einer Fülle an Themen öffnen. Werden Sie die Detailarbeit vermissen?

Ich habe mich jetzt sieben, fast acht Jahre mit großer Leidenschaft in das 19. Jahrhundert hineingeworfen, die Villa Grisebach ist meine bislang längste berufliche Station, und es ist eine sehr schöne Zeit gewesen. Nun freue ich mich sehr auf meine neue Aufgabe bei Rowohlt und ich denke, dass ich dort vieles von dem, was ich in den letzten 25 Jahren beruflich gelernt habe, anwenden kann. Es gibt bei mir immer Phasen der konzen­trierten Detailarbeit, und dann auch wieder der Blick aufs Ganze, das kann sich auch innerhalb von einer Minute abwechseln. Für mich ist dieser Perspektivwechsel eine große Befreiung. Auch als Autor schraube ich mal das Weitwinkelobjektiv auf, und dann zoome ich wieder ganz nah heran. Eins dieser Details ist zum Beispiel der Reißverschluss, der 1913 erfunden wird – und zugleich ist dieses Jahr aus der Sicht von 2018 der „Reißverschluss“ zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das ist für mich ein herrliches Symbol, weil hier zwei Zeiten ineinander verhakt werden. Und dieser Reißverschluss klemmt natürlich auch mal, das zu beschreiben macht besondere Freude.

Auch beim Rowohlt-Verlag klemmt der Reißverschluss, die plötzliche Abberufung Ihrer Vorgängerin Barbara Laugwitz ruft viel Protest hervor. Wollen Sie als Verleger eine andere Diskussionskultur pflegen?

Da ich mit meiner Arbeit bei Rowohlt noch nicht begonnen habe, spreche ich, sobald es meine Arbeit bei Grisebach erlaubt, sehr viel mit den Autorinnen und Autoren und mit den neuen Kollegen im Verlag, aber noch nicht mit der Öffentlichkeit. Das mache ich sehr gerne im neuen Jahr. Und kennen Sie das schöne Gefühl, wenn sich ein Reißverschluß, der sich verhakt hatte, plötzlich doch zuziehen lässt?

Von Nina May / RND