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Kultur „Mit jedem Fortschritt kommen Probleme“
Nachrichten Kultur „Mit jedem Fortschritt kommen Probleme“
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21:50 15.06.2015
Foto: Hermann Parzinger ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Hermann Parzinger ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Quelle: dpa
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Hannover

In Ihrem neuen Buch „Die Kinder des Prometheus“ zeichnen Sie ein detailreiches Panorama der Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. Auffällig ist, dass Sie Menschheitsgeschichte nicht als Geschichte eines kontinuierlichen Fortschritts beschreiben.

Es gibt zwar den großen Drang der Menschheit zur Optimierung der Lebensumstände. Aber mit jedem Fortschritt kommen auch Probleme. Schon im Neolithikum gab es erste Treibhauseffekte, und bereits die frühe Metallverarbeitung hatte durch Schwermetallbelastung negative Auswirkungen auf den Menschen.

Zur Person

Hermann Parzinger ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Gerade ist sein Buch „Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift“ (Verlag C.H. Beck, 848 Seiten, 39,95 Euro) erschienen. Vom 21. bis 23. Juni wird der 56-Jährige bei einem Symposium der Volkswagen-Stiftung zur Zukunft ethnologischer Museen zu Gast in Hannover sein. Am 2. Juli spricht Parzinger im Literarischen Salon über sein neues Buch.

Sie haben selbst schon bedeutende archäologische Entdeckungen gemacht. Rechnen Sie mit neuen spektakulären Funden?
Auf jeden Fall. Unser Bild der frühen Menschheitsgeschichte ist immer noch sehr fragmentarisch. Es kann leicht passieren, dass eine neue Entdeckung dieses Bild radikal verändert. Dabei können auch sehr unscheinbare Funde manchmal enorme Bedeutung haben. Hinzu kommen neue Methoden, wie zum Beispiel die Paläogenetik. Mit ihrer Hilfe beginnen wir viele Dinge neu zu verstehen. Es wird noch viele erstaunliche Entdeckungen geben.

Tatsächlich? Man kann doch auch annehmen, dass die Erde schon reichlich umgepflügt ist und dass alle wichtigen Höhlen schon untersucht worden sind. Wo können denn noch neue archäologische Entdeckungen gemacht werden? Unter Wasser? Im auftauenden Permafrostboden?
Im Permafrost auf jeden Fall. Das Zurückweichen des Eises wird dort viele neue Dinge freigeben. Und was die Unterwasserarchäologie angeht, muss man sagen, dass gerade die Untersuchung von Schiffswracks mit ganzen Ladungen ungeheuer wichtige Aussagen zu Handelsbeziehungen ermöglicht.

Sind die Artefakte, die sich bereits in Museen befinden, auch eine wichtige Forschungsquelle?
Unbedingt. Die Museen haben viel Material in ihren Depots, das in Teilen noch nicht systematisch ausgewertet worden ist. Da ist noch eine Menge zu tun. Dazu gibt es die Möglichkeit, dass man Komplexe, die schon bearbeitet sind, nach einigen Jahrzehnten mit neuen Methoden und unter veränderten Fragestellungen erneut untersuchen kann.

Vom 21. bis 23. Juni werden Sie in Hannover zu Gast sein. Die Volkswagen-Stiftung und der Deutsche Museumsbund haben eingeladen, um über ethnologische Sammlungen zu diskutieren. Warum besteht da überhaupt Diskussionsbedarf?
Wir sind heute nicht nur bei archäologischen, sondern auch bei ethnologischen Sammlungen, die vielfach aus einem kolonialen Kontext stammen, sehr damit befasst, die Fragen der Provenienz zu klären. Wir fragen danach, wie die Sammlungen zusammengetragen worden sind und welche Möglichkeiten es gibt, die Sammlungen für eine intensivere Kooperation mit den Herkunftsländern zu nutzen. Archäologische und ethnologische Forschung ist immer international.
Das war sie lange Zeit nicht. Ethnologische Sammlungen können auch als Ausdruck einer Asymmetrie gesehen werden. So war es lange Zeit. Aber das wollen wir jetzt ändern. Gerade für das Humboldt-Forum ist der Dialog mit anderen Kulturen von besonderer Bedeutung. Dass dieser Dialog früher asymmetrisch war, ist Teil unserer Geschichte. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Wird man den Dialog wirklich jemals ganz symmetrisch gestalten können?
Das wollen wir erreichen. Wichtig ist, dass man bei der Sammlungspräsentation die Sichtweisen der Herkunftsländer mit einbezieht und dass man schwierigen Fragen nicht aus dem Weg geht. Man muss auch den anderen eine Stimme geben.

Werden Sie in Hannover das Humboldt-Forum als beispielhaftes Modell für einen Versuch der Überwindung von Asymmetrie vorstellen?
Das Humboldt-Forum soll schon ein Modell dafür sein. Wir wollen hier etwas versuchen, was es in Europa in dieser Intensität noch nicht gibt. In Ländern wie Kanada oder Neuseeland ist ein Dialog auf Augenhöhe längst Standard, dort arbeiten diejenigen, die diese Museen betreiben, eng mit Vertretern indigener Gruppen oder sogenannter First Nations zusammen. Wir sind hier Tausende Kilometer von den Herkunftsländern der Objekte entfernt, deshalb müssen wir nach Wegen suchen, wie eine solche Zusammenarbeit lebendig gestaltet werden kann. Aber ich bin mir auch ganz sicher, dass wir, wenn das Humboldt-Forum 2019 eröffnet wird, noch nicht für alle Fragen abschließende Antworten gefunden haben werden. Es wird ein offener Prozess bleiben, und das ist gut so.

Die Gretchenfrage dürfte dabei wohl der Ort der Artefakte sein. Müssen etwa menschliche Überreste unbedingt in Berlin ausgestellt sein?
Im Humboldt-Forum werden keine menschlichen Überreste ausgestellt werden. Wir haben vor einiger Zeit die Schädelsammlung der Berliner Charité übernommen, weil sie auch Skelettreste aus archäologischen Grabungen in Deutschland enthält. Sie war in einem fürchterlichen Zustand. Wir haben sie zunächst konservatorisch behandelt und erforschen jetzt die Provenienzen. Sollten menschliche Überreste unrechtmäßig in die Sammlung gelangt sein, sind wir bereit, auch über Rückgaben zu reden. Aber es muss auch klar sein, wer dann legitimiert ist, diese Reste in Empfang zu nehmen.

Die Sensibilität im Umgang mit Artefakten wird immer größer. Werden ethnologische Museen in Europa bald leer sein?
Ich muss betonen, dass der sogenannte koloniale Kontext nicht automatisch ein Unrechtskontext ist. Die Berliner Museen etwa haben weltweit gesammelt und Dinge angekauft, und das war rechtmäßig. Nur wenn Dinge durch Gewaltanwendung oder Diebstahl in die Sammlungen gekommen sind, kann man auch über Rückgaben sprechen.

Was erhoffen Sie sich von der Konferenz in Hannover?
Ich hoffe, dass zwischen den teilnehmenden Museen ein Einverständnis darüber erzielt wird, was erstens die angemessene Haltung gegenüber solchen Sammlungen ist. Zweitens erhoffe ich mir ein klares Bekenntnis zur Provenienzforschung und drittens zur Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern.

 

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