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Kultur „Geräusche sind sehr wichtig“
Nachrichten Kultur „Geräusche sind sehr wichtig“
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07:48 02.06.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Komponist Richard van Schoor wird bei den Kunstfestspielen in Herrenhausen sein Requiem präsentieren. Quelle: Archiv
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Richard van Schoor ist in Kapstadt geboren, studierte dort und in London Musik und ist als Komponist, Musiker und Chorleiter aktiv. Am kommenden Freitag wird das „Requiem“ zur Eröffnung der Kunstfestspiele im Galeriegebäude Herrenhausen uraufgeführt. Alle Infos zu Programm und Tickets unter kunstfestspiele-hannover.de.

Herr van Schoor, zur Eröffnung der Kunstfestspiele Herrenhausen werden Sie eine Komposition präsentieren, die auf Mozarts „Requiem“ aufbaut ...
Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich fasse Mozart nicht an. Sein „Requiem“ steht für sich. Ich habe auch keine Rekonstruktion oder gar eine Vollendung des Fragments geschrieben. Was ich getan habe, ist, eine Art Gerüst für das Werk anzufertigen, eine Umrahmung, ein Hineinführen und ein Hinausführen. Natürlich greife ich in meiner Komposition die emotionalen und philosophischen Themen auf, die Mozart verhandelt. Es geht um Angst, Hoffnung, Schmerz, Verlust und Tod. Dazu arbeite ich mit Texten des Lyrikers Giuseppe Ungaretti, der selbst einen sehr unmittelbaren Bezug zu diesen Themen in seinem Werk gefunden hat.

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Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, sich mit Mozarts „Requiem“ zu beschäftigen?
Es war eine Auftragsarbeit der Ludwigsburger Schlossfestspiele 2010. Die Aufgabe damals war, ein Werk zu schreiben, das zusammen mit Mozarts „Requiem“ aufgeführt werden sollte. So ist das Werk „KOAN“ entstanden und daraus ergab sich dann das Projekt für Herrenhausen.

In diesem Jahr lautet das Motto der Kunstfestspiele „Verhältnisse“. Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Mozart?
Es gibt da unterschiedliche Verhältnisse: das zu Mozart und das zu seinem „Requiem“. Ich habe ein sehr starkes Verhältnis zum „Requiem“. Abgesehen von den unmittelbaren Welten von Verletzlichkeit, von Leben und Tod, Themen die wahrscheinlich viele berühren, ist es spezifisch das Fragmentarische, das mich fasziniert. Gerade als unvollendetes Werk erscheint mir das „Requiem“ vollkommen.

Wie sieht das mit Ihrem Respekt vor Mozart aus?
Den habe ich. Natürlich.

Ist Respekt nicht auch hinderlich beim Arbeiten?
Nicht wenn man bei sich bleibt, sich darauf konzentriert, das zu tun, was einem am besten liegt, und sich nicht mit Giganten wie Mozart zu vergleichen oder sich von ihnen einschüchtern zu lassen.

Wie sind Sie da vorgegangen?
Ich musste mich daran erinnern, dass mein Werk sich nicht in erster Linie mit Mozarts „Requiem“ befasst, sondern mit dem Inhalt der Ungaretti-Texte. Daraus entsteht das Werk. Das Requiem dient dazu als zusätzliche Inspiration.

Wie frei sind Sie überhaupt in Ihrer Arbeit? Was hat Ihnen der Regisseur Christof Nel vorgegeben?
Zusammen mit seiner Frau Martina Jochem, die auch Regie führt, hat Christof Nel ein Konzept entwickelt, aber für Komposition und Textauswahl hat er mir absolut freie Hand gelassen.

Cellophanpapier soll bei Ihrer Arbeit eine gewisse Rolle spielen.
Das ist richtig. Geräusche sind für meine Arbeit sehr wichtig. Für einige Geräusche war es notwendig, eine eigene Notationsform zu entwickeln. In Ludwigsburg kam „KOAN“ im Anschluss an Mozarts „Requiem“. Mit dem Knistern des Cellophanpapiers habe ich den Übergang gestaltet. Das Knistern kommt als Leitmotiv auch in dem neuen Werk wieder vor.

Welche Geräusche aus der Lebenswelt nutzen Sie noch fürs Komponieren?
Alle Geräusche. Als Komponist soll man sich für alle Geräusche interessieren. Ich bin ausgebildeter Pianist, meine Erfahrungen als Komponist habe ich weitgehend praktisch erarbeitet. Zu Beginn war mein Kompositionsstil eher eklektisch, zunehmend finde ich meine eigene Sprache. Ich finde jede Musikform, jedes Geräusch und alles, was der Klangerzeugung dient, hochinteressant.

Sie haben sämtliche Stimmen mit männlichen Stimmen besetzt. Warum?
Das hat mit dem Mozart Requiem zu tun. Der Dirigent hat sich die Stimmen ausgesucht, so wie er sie für eine Ästhetik im Sinne einer historischen Aufführung braucht.

Sie arbeiten für das „Requiem“ mit dem Tölzer Knabenchor zusammen. Hannover hat auch einen sehr guten Knabenchor.
Obwohl ich die Sänger nicht engagierte, hätte ich natürlich nichts dagegen, auch mit dem Knabenchor Hannover zusammenzuarbeiten.

Warum sollen Besucher nach Herrenhausen kommen und sich bei den Festspielen Ihr Werk anhören?
Ich würde es nicht allein als mein Werk bezeichnen, im Zentrum steht schließlich Mozarts „Requiem“. Meistens wird ja die Süßmayr-Fassung gespielt. In Herrenhausen wird man die Chance haben, das Fragment, das Mozart hinterlassen hat, wirklich als Fragment zu hören. Es ist unheimlich spannend und gleichzeitig sehr berührend. Wer das Fragment gehört hat, will danach nur noch diese Fassung hören. An diesem Abend geht es um unmittelbare, starke Emotionen und Inhalte. Die Zuschauer sitzen nicht in abgetrennten Bereichen im Zuschauerraum, sondern sie sind in das Kunstwerk integriert. Es ist, als würde man selber mitwirken.

Zeitgenössische Musik hat es schwer, ein großes Publikum zu finden. Sind Sie als Komponist auf Festivals wie die Kunstfestspiele Herrenhausen angewiesen?
Zeitgenössische Musik hat es heute nicht mehr so schwer wie früher einmal. Deutschland ist eine Heimat für zeitgenössische Musik geworden. Unterstützung wie hier finden Komponisten in keinem anderen Land, aber Festivals sind natürlich sehr gut, sogar notwendig, um zeitgenössischer Musik ein Podium zu verschaffen, besonders für Werke die größere Besetzungen erfordern.  

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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