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Kultur "Haben Sie Angst vor dem IS, Herr Reuter?"
Nachrichten Kultur "Haben Sie Angst vor dem IS, Herr Reuter?"
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15:06 23.11.2015
IS-Anhänger zertrümmern im Museum der Stadt Mossul bedeutende Bildwerke aus der Antike. Quelle: dpa
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Ihr Buch „Die schwarze Macht“ über den „Islamischen Staat“ (IS) wird mit dem NDR-Kultur-Sachbuchpreis ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch!
Danke.

Nach den Attentaten von Paris ist das Thema IS wieder sehr aktuell.
Ja, aber die Jury hat sich vor den Attentaten von Paris entschieden. Es ging ihr nicht um Tagesaktualität.

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Der Krisenreporter Christoph Reuter hat ein neues Buch geschrieben: In "Die schwarze Macht" gewährt er Einblicke in die Machenschaften des sogenannten "Islamischen Staates". Quelle: dpa

Wie war das, als Sie den Entschluss fassten, das Buch zu schreiben: War zu der Zeit damit zu rechnen, dass das Thema so virulent bleiben wird?
Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. 2014 hat der IS rasch riesige Gebiete erobert. Woraufhin vollmundige Ankündigungen der USA folgten, Mosul bald zurückzuerobern – sodass ich schon daran zweifelte, ob das Thema lange halten wird. Ich hielt es für undenkbar, dass die Amerikaner den Vormarsch der Terrororganisation einfach so geschehen lassen. Ich dachte: Wenn das Buch im Frühjahr 2015 erscheint, ist es vielleicht in manchen Teilen eine historische Momentaufnahme.

Zur Person

Christoph Reuter, geboren 1968, gehört zu den letzten westlichen Journalisten, die noch direkt aus Syrien und dem Nordirak berichten. Der studierte Islamwissenschaftler und „Journalist des Jahres 2012“ berichtet seit Jahrzehnten aus den Krisenregionen der arabischen Welt, zunächst für „Die Zeit“ und „Stern“, seit 2011 als Korrespondent für den „Spiegel“.  In seinem neuen Buch „Die schwarze Macht“ (DVA, 352 Seiten, 19,99 Euro) wagt er einen Innenblick in den „Islamischen Staat“. Dafür erhält er am Mittwoch im Schloss Herrenhausen  Hannover den mit 15 000 Euro dotierten NDR-Kultur-Sachbuchpreis.

Wäre das ein Problem gewesen?
Nein. Schließlich gab es noch nie eine solche Organisation, die es in so kurzer Zeit geschafft hat, eine so große Fläche zu erobern. Zu beschreiben, wie diese Organisation funktioniert, ist auf jeden Fall spannend.

Sie beschreiben das Innenleben des „Islamischen Staates“ sehr eindringlich, manchmal stockt einem der Atem bei der Lektüre. In einem Kapitel, das Sie „Nordkorea auf Arabisch“ genannt haben, erwähnen Sie einige Absurditäten des „Islamischen Staates“. Zum Beispiel, dass gefrorenes Hühnerfleisch verboten ist, oder das Mitführen von Ersatzreifen für Autos. Man wundert sich, dass ein Staat, in dem es solche grotesken Regeln gibt, überhaupt so lange existieren kann.
Diese ganzen Verbote sind machttechnisch völlig irrelevant. Selbst das zentrale Rauchverbot ist eher hinderlich. Es hat damit zu tun, dass man die Klientel, die aus eigenem Entschluss aus Europa angereist ist, bei Laune halten möchte. Man will den Fanatikern zeigen, dass man das neue Reich gottgefällig bis in die letzten Details ausrichtet. Für viele Verbote lassen sich auch keine Erklärungen aus dem Koran herleiten. Das aber ist Teil des Herrscherkonzeptes: Man muss sich nicht erklären, man entscheidet einfach.

Sie arbeiten in Ihrem Buch die Janusköpfigkeit des „Islamischen Staats“ heraus: einerseits rasende Brutalität, andererseits auch freundliche Milde, einerseits strohdummer Fanatismus, andererseits eine straffe Organisation. Einerseits besinnungslose Gottergebenheit, andererseits raffinierte Berechnung. Ist diese Beschreibung nicht auch eine Vereinfachung?
Ich würde es eher eine Zuspitzung nennen. Denn das trifft es sehr gut. Das Bild spiegelt eine Herrschaft wieder, in der es eine allwissende Führung gibt, die aber gegenüber ihren Untertanen alles geheim hält. Es gibt keine Rechenschaftspflicht gegenüber den Untertanen. Die Führerschicht begreift sich als Bindeglied zwischen Gott und den Untertanen.

Als Experte für den „Islamischen Staat“ sind Sie gerade als Talkshowgast sehr gefragt. Gibt es Fragen, die Sie schon nicht mehr hören können?
Nein. Viele Fragen ähneln sich, aber es gibt keine, die ich nicht mehr hören mag.

Was ist mit der Frage: Wann, glauben Sie, wird das Interesse am „Islamischen Staat“ wieder abebben?
Diese Frage stellt keiner. Allerdings wäre ich ganz froh, wenn wir in eine Phase kämen, in der das Interesse wieder abebben würde. Ich fürchte nur, dass eher das Gegenteil der Fall sein wird. Wahrscheinlich wird der IS zur Erzeugung größerer Angst weitere Anschläge begehen. Oder auch nur mit Anschlägen drohen. Das reicht für die Schreckenserzeugung vollkommen aus. Der IS will vor allem Angst auslösen. Das scheint ihm ein Mittel zu sein, europäische Regierungen dazu zu bringen, sich mit ihm abzufinden.

Sie eröffnen in Ihrem Buch noch eine andere Möglichkeit: dass sich der IS selbst erledigt. Und zwar durch Unfähigkeit. Die alte Führungsspitze, zu der viele Geheimdienstleute aus dem Irak gehörten, wurde durch die Luftschläge dezimiert, bei denjenigen, die nun in die Führung aufsteigen, handelt es sich eher um religiöse Fanatiker. Da wächst dich die Hoffnung, dass der IS Fehler machen wird.
Wenn man sich die militärische Verlaufsgeschichte der letzten Jahre anschaut, stellt man fest, dass der IS technisch gesehen wenig Fehler gemacht hat. Das muss in der Tat nicht so bleiben.

Was würden Sie glühenden Pazifisten sagen, die selbst gegenüber einer Terrormiliz ein anderes Vorgehen fordern als ein militärisches? Die – Bertha von Suttner zitierend – der Überzeugung sind, dass man Blut nicht mit Blut abwaschen kann.
Ich würde ihnen sagen, dass es leider Situationen gibt, in denen wir uns mit friedlichen Mitteln der Gewalt anderer nicht erwehren können. Wenn man 1938 gesagt hätte, wir sollten gegenüber Hitler friedlich bleiben, dann wäre man irgendwann unterworfen worden und hätte unter einer Gewaltdiktatur gelebt, die nach Belieben missliebige Menschen umbringt. Es gibt Dinge, für die muss man mit der Waffe antreten.

Für Journalisten ist es schwer, an ungefilterte Informationen über den „Islamischen Staat“ zu kommen. Denn der ist ja sehr darum bemüht, das Bild zu kontrollieren, das sich die Welt von ihm machen soll.
Ja, er hat es nicht nur geschafft zu verhindern, dass Bilder über ihn erscheinen, die er nicht veröffentlich haben will; er hat es sogar geschafft, ein Bilderangebot zu bereitzustellen, das die Bedürfnisse unserer Medienwelt befriedigt. Selbst das Cover meines Buches ist ein Bild, das mit Billigung des IS entstanden ist. Alle Bilder, die eine gewisse Dramatik haben und technisch gut, also gut ausgeleuchtet und scharf sind, sind Propagandabilder, die vom IS kommen. Erst in jüngster Zeit sind Medien dazu übergegangen, bei der Veröffentlichung dazuzuschreiben, dass es sich um Propagandabilder handelt.

Als schreibender Journalist haben Sie doch den Anspruch, nicht das zu Bild zu vermitteln, das dem IS passt, sondern gerade das zu veröffentlichen, was er nicht veröffentlicht haben will.
Ja, aber das wir müssen es erst mal wissen. Es ist extrem mühsam herauszubekommen, wie der IS wirklich funktioniert. Das, was der IS heute ist, ist meilenweit von dem entfernt, was er in der Anfangszeit war.

Es gibt sicher angenehmere journalis­tische Arbeiten. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Kriegsreporter geworden sind?
Es hatte mit Zufällen zu tun. Zum ersten Mal habe ich den Irak im Jahr 1990 bereist. 1989 habe ich in Syrien gelebt. Ich habe über diese Gegenden geschrieben, als sie friedlich waren. Eigentlich habe nicht ich mich verändert, die Gegenden haben sich verändert. Ich habe einfach nur weiterhin über sie berichtet, auch wenn dort Kämpfe ausbrachen. Es hat sich also so ergeben. Heute halte ich die Tätigkeit für extrem wichtig. Denn das Umfeld von Kampfhandlungen lädt geradezu zu haarsträubender Propaganda ein. Es ist schwer dahin zu kommen und es ist schwer, das alles nachzuprüfen. Also kann alles Mögliche behauptet werden.

Rauchen Sie?
Jetzt nicht, aber gelegentlich. Aber muss das eigentlich erwähnt werden?

Nicht unbedingt, aber Kriegsreporter stellt man sich oft rauchend vor.
Ja, und man stellt sich auch vor, dass Kriegsreporter ein großes Faible dafür haben, gerade dort hinzugehen, wo es besonders riskant ist. Aber das ist falsch.

Haben Sie Angst?
Angst ist ein weites Feld. So etwas wie sehr große Vorsicht und Zurückhaltung: ja. Aber Angst, die unkontrollierbar wird: nein. Wenn man Panikattacken hat oder eine grundsätzliche Furcht verspürt, muss man es lassen.

Sie berichten von einem Restaurant, in der Sie einen IS-Kämpfer mit Sprengstoffweste beobachtet haben, den Finger am roten Knopf. Haben Sie in dem Moment nicht empfunden, jetzt absolut am falschen Ort zu sein?
Ja, aber das war so dermaßen unwirklich, dass wir in dem Moment alle nur dastanden und ganz ruhig versuchten, dem Mann zu sagen, dass es keine so gute Idee wäre, jetzt die Weste zu zünden. Das Herzrasen kommt dann hinterher.

Was war die kritischste Situation bei Ihrer Arbeit?
Auf diese Frage mag ich nicht antworten. Sie hat so etwas Voyeuristisches.

Da haben Sie recht. Aber einige Kollegen und vielleicht auch einige Leser würden sich sicher wundern, wenn ich sie nicht stellen würde.
Das führt immer zu so „Best of Danger“-Geschichten. Dann geht es nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um Dramatik. In diesem Fahrwasser möchte ich nicht sein. Ich gehe nirgendwohin, nur weil es dort so gefährlich ist.

Wie reagiert Ihr Freundeskreis auf Ihre Arbeit?
Die kennen das seit 20 Jahren nicht anders, und sie haben sich daran gewöhnt. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Seit im Oktober in Urfa zwei syrische Journalisten getötet worden sind, bin ich noch vorsichtiger geworden.

In Hannover werden am Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie angehende Kriegsfotografen ausgebildet. Was raten sie den jungen Kollegen?
Zuerst einmal: sich soviel Geld zu erwirtschaften, dass sie für drei, vier Monate irgendwo hingehen können, wo es nicht ganz so gefährlich ist, und sich dort Kontakte aufzubauen. Wenn man dort Leute kennt, kann man sich langsam weiter in heiklere Gegenden vorwagen. Man muss sich auskennen und dann kleine Schritte machen, um seinen Radius zu erweitern. So habe ich es auch gemacht. Man springt nicht in Situationen, von denen man keine Ahnung hat. Und man sollte sich nicht die gefährlichste Gegend aussuchen, bloß weil man meint, dass das gut für Karriere sei. Das sind die klassischen Fälle, bei denen es schief geht.

Man sollte also möglichst vorinformiert sein.
Nicht nur vorinformiert. Lesen hilft zwar, nützt aber nicht für alles. Man sollte eine Gegend und die Menschen dort kennen. Und man sollte so etwas tun, weil man sich für die Gegend und für die Leute interessiert, nicht, weil man glaubt, dass es hier die dramatischsten Szenen gibt.

Kann es für Reporter eine zu große Nähe zum Krieg geben?
Klar, kann es. Wenn man nicht mehr im normalen Leben existieren möchte. Wenn man merkt, dass man das Dramatische des Krieges braucht. Wenn man einfach nur ein Gefahrensucher ist, der daran gewöhnt ist, kettenrauchend mit Helm unter Granatbeschuss zu sein – um hier mal das Klischee auf die Spitze zu treiben. Dann geht es nur darum, irgendetwas zu erleben, und nicht mehr darum etwas zu verstehen.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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