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Kultur Warum inszenieren Sie so wenig?
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00:15 11.07.2018
Intendant Lars-Ole Walburg. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Ende August beginnt die letzte Spielzeit von Intendant Lars-Ole Walburg am Schauspiel Hannover. Den Spielzeitauftakt inszeniert Walburg selbst, dann lässt er anderen Regisseuren den Vortritt.

Am 31. August wird das Schauspiel aus der Sommerpause zurückkehren. Ihre Bearbeitung von Erich Maria Remarques Roman „Der schwarze Obelisk“ eröffnet die Spielzeit. Nach „Im Westen nichts Neues“ und „Die Nacht von Lissabon“ ist das ihre dritte Remarque-Adaption in Hannover. Ist nach dem Abschluss der Trilogie für Sie erstmal Schluss mit Remarque?

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Die Trilogie in Hannover wird damit beendet sein. Ob das aber der Abschluss meiner Beschäftigung mit Remarque ist, weiß ich noch nicht. Remarques Schreibstil animiert mich jedenfalls sehr, seine Geschichten auf die Bühne zu bringen.

Woran entzündet sich bei diesem Autor ihre inszenatorische Phantasie? Ihre Inszenierungen von „Im Westen nichts Neues“ und „Die Nacht von Lissabon“ sahen ja ganz unterschiedlich aus.

Ich finde, dass ein Stoff seine Form sucht. Regisseure, die jedem Stoff ihre eigene gleiche Form überstülpen, finde ich auch ein bisschen langweilig. Der Vorteil von Remarque als Autor ist, dass er nicht zur Hautevolee der Literatur des 20. Jahrhunderts gehört, sondern aus dem Journalismus kommt. Dieses populäre Moment erleichtert mir vieles. Ich habe keine Hemmungen beim Umschreiben. Außerdem hat er in seinen Romanen tolle Figuren und tolle Situationen. Fürs Theater ist das natürlich großartig.

Laut Spielplan ist das Ihre einzige Inszenierung in dieser Saison Hannover. Warum inszenieren Sie jetzt so wenig?

Das hat einen ganz einfachen Grund: Durch die kontinuierliche Arbeit mit verschiedenen Regisseurinnen und Regisseuren standen ganz viele Namen auf meiner Liste. Laut Vertrag kann ich als regieführender Intendant zwei Inszenierungen pro Spielzeit machen, bin aber nicht dazu verpflichtet. So lasse ich in meiner letzten Saison in Hannover einigen Kolleginnen und Kollegen den Vortritt. Ich zeige andere Regiehandschriften und halte mich selbst ein wenig zurück.

Ihre Tätigkeit als Intendant in Hannover endet mit dem Ende der kommenden Spielzeit. Wissen Sie schon, was Sie dann machen?

Das ist im Moment tatsächlich nicht mein Thema. Das Gute ist, dass es Anfragen und Verabredungen gibt. Für mich als Regisseur ist es sehr beruhigend, dass man mich außerhalb von Hannover nicht vergessen hat. Mein Vertrag hat mir ja lediglich eine Inszenierung pro Spielzeit an einem anderen Theater erlaubt.

Ihre Zukunft als Regisseur ist also gesichert, was aber ist mit Ihrer Zukunft als Intendant?

Als klar war, dass mein Vertrag in Hannover 2019 auslaufen würde, hat mir mein Bauchgefühl geraten, nicht sofort wieder ein Haus zu übernehmen. Ich wollte auch diese eine Intendanz in Ruhe zu Ende bringen, bevor schon die nächste anfängt. Die weiseste Entscheidung nach meiner Zeit als Schauspieldirektor in Basel, war es übrigens, ein Jahr lang nichts zu tun. Im Moment sehe ich eine freie Fläche vor mir, die mich nicht ängstigt, sondern neugierig macht. Insofern: Alles ist gut.

In diesem Jahr Warum gibt es anders als in den vergangenen Jahren keine Sommerbespielung im Innenhof des Theaters. Warum?

So eine Sommerbespielung ist immer eine Zusatzanstrengung und mit erheblichem Mehraufwand für das ganze Ensemble verbunden. In diesem Jahr haben wir uns dazu entschieden, unseren Fokus auf anderes zu legen. Ich halte es auch für die falsche Reaktion, dem vermeintlichen Bedeutungsverlust von Theater dadurch zu begegnen, dass man immer mehr und mehr macht.

Das Schauspiel Hannover hat fünf Bühnen zu bespielen. Ist das vielleicht eine zu viel?

Das kann schon sein. Wir haben die Cumberlandsche Bühne 2009 als wichtigen Spielort für zeitgenössische Literatur eingerichtet. Dafür brauchten wir einen Raum, der größer ist als der Ballhof Zwei. Aber es stimmt: Fünf Bühnen sind im täglichen Betrieb recht viel.

Hilft da nicht die neue Theaterflatrate für Studenten?

Leider hat sich die Theaterflatrate erst vor vier Monaten realisieren lassen. Sie läuft aber sehr gut an. Das Interesse der Studenten ist groß. Für uns ist auffällig, dass die Karten an der Abendkasse viel stärker nachgefragt sind als zuvor. Manchmal können wir mit Vorstellungen nicht pünktlich anfangen, weil noch so viele Studenten an der Abendkasse stehen.

In einem Jahr ist Ihre Intendanz in Hannover zu Ende. Ist schon Abschiedsstimmung im Haus zu spüren?

Überhaupt nicht. Es herrscht ein wunderbarer Ensemblegeist. Natürlich müssen sich einzelne Kollegen, die wissen, dass sie nicht in Hannover bleiben, um neue Engagements kümmern, aber da löst sich nichts auf und da zerfasert auch nichts. Wir werden noch früh genug anfangen zu weinen. Und vielleicht nicht nur wir, sondern auch andere.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Zur Person

Lars-Ole Walburg ist seit 2009 regieführender Intendant am Schauspiel Hannover. 2019 läuft sein Vertrag in Hannover aus. Sonja Anders, bisher Chefrdramaturgin und stellvertretende Intendatin am Deutschen Theater in Berlin, wird seine Nachfolgerin. Walburg wurde 1965 in Rostock geboren, 1989 reiste er nach nach West-Berlin aus . Er arbeitete als Journalist für TV-Kulturmagazine, inszenierte an verschiedenen Theatern und war Schauspieldirektor am Theater Basel.

Von Ronald Meyer-Arlt