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Kultur „Hannover war in der Weltliga"
Nachrichten Kultur „Hannover war in der Weltliga"
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00:20 30.05.2014
Foto: Am 6. Juni hält Roth um 18 Uhr in der Orangerie die Festrede zur Eröffnung der Kunstfestspiele Herrenhausen.
Am 6. Juni hält Roth um 18 Uhr in der Orangerie die Festrede zur Eröffnung der Kunstfestspiele Herrenhausen. Quelle: Kelleher
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Sie werden den Eröffnungsvortrag der diesjährigen Kunstfestspiele Herrenhausen halten. Einen Titel gibt es dafür noch nicht. Aber es wird dabei doch um die Situation von Museen gehen, oder?
Es wird vor allem um die Bedeutung von Kultur gehen, um die chronische Überbewertung von Gegenwartskunst und die notorische Unterschätzung von Kunst und Kultur durch die Politik. Ich freue mich darauf, wieder einmal in Hannover zu sein.

Seit 2011 leiten Sie das renommierte Victoria and Albert Museum in London. Wie geht es Ihnen in London?
In London zu leben und zu arbeiten ist durchaus ein Privileg. „When a man is tired of London, he is tired of life“, sagte Samuel Johnson. Wer in Dresden arbeitet, muss sich selbst als Inspiration genügen. Wer in London arbeitet, muss wissen, wie man sich durch einen Overkill an Informationen und kreativen Potenzialen hindurchnavigiert.

Zur Person

Martin Roth, geboren 1955 in Stuttgart, leitet seit 2011 das Victoria and Albert Museum in London, das die weltweit größte Sammlung von Kunst und Design beherbergt. Im Jahr 2000 leitete Roth den Ausstellungsbereich der Expo Hannover, von 2001 bis 2011 war er Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Am 6. Juni hält Roth um 18 Uhr in der Orangerie die Festrede zur Eröffnung der Kunstfestspiele Herrenhausen. Der Eintritt ist frei, Reservierung unter Telefon (05 11) 16 84 12 22.

Gehört das Victoria and Albert Museum, das größte Museum der Welt für Kunst, Kunstgewerbe und Design, auch zu den Museen, die sich immer wieder neu erfinden müssen?
Durchaus. Museen sind immer ein Spiegel der Zeit und der Gesellschaft, in der sie verankert sind. Allerdings hat das V&A, the „Palace of the People“, wie es charmant genannt wurde, eine höchst aktuelle Legacy: Der Hamburger Gottfried Semper, der in der Revolution 1848 aus politischen Gründen Dresden verlassen musste, freundete sich mit Prinz Albert an. Er, der sich am Konzept des V&A beteiligte, nannte das V&A ein Museum für ein freies Volk. Im V&A gab es stets revolutionäre Ideen, das hat sich nie verändert.

Bevor Sie beim Victoria & Albert anfingen, waren Sie Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, wo Sie es mit zwölf Museen zu tun hatten. Warum tun Sie sich immer solche Großprojekte an?
Ich bin süchtig danach, kann gar nicht anders, brauche das Adrenalingeschäft. Blödsinn, im Ernst: Ich habe großes Glück in meinem beruflichen Leben. Da ich nicht sehr viel Selbstsicherheit besitze – ich weiß, dass ich anders aussehe – habe ich oft das Doppelte und Dreifache gearbeitet und geleistet. Das hat sich zwar beruflich ausgezahlt, dennoch bedauere ich heute bisweilen, dass ich in all den Jahren so wenig bis gar keine Zeit für mich hatte.

Bei der Expo in Hannover waren Sie für die Themenparks zuständig. Denken Sie noch manchmal an diese Zeit?
Nicht nur für die sogenannten Themenparks, sondern für die Inhalte der Expo in den Weltweiten Projekten, dem Global Dialogue und den Themenparks. Natürlich denke ich oft daran, das war und ist eine prägende Erfahrung gewesen. Und dennoch kann man so eine Aufgabe nur einmal übernehmen, um wirklich kreativ und produktiv zu sein.

Hätte man damals nachhaltiger planen können?
Klar. Bis heute bedauere ich, dass der damalige Oberbürgermeister nicht im Geringsten verstanden hat, die historische Chance zu nutzen. Ein Trauerspiel.

Wie hätte man die historische Chance denn nutzen können? Was hätte man tun sollen?
Die sogenannte Nachnutzung hätte viel früher geplant werden sollen. Es hat an Weitsicht gefehlt. Autobahnen und ICE sind super, aber wo bleiben die Institutionen der Zukunft? Mit der ersten Weltausstellung 1852 in London wurde ein Campus von Forschung- und Kulturinstitutionen, Universitäten und Museen ins Leben gerufen, der heute mehr als 30 Millionen Leute pro Jahr anzieht, das V&A gehört dazu. Hannover war für kurze Zeit in der Weltliga ... und hat nicht davon profitiert. Sepp Heckmann, so erinnere ich mich, hat sich bisweilen dafür eingesetzt, Hannover zur deutschen Design-Metropole zu entwickeln. Aus der heutigen Sicht eine super Idee – um nur ein Beispiel zu nennen.

Werden Sie bei Ihrem Besuch in Hannover auch auf das Expo-Gelände fahren?
Wenn ich die Zeit dazu habe.

Gerade ist in Deutschland ein Buch mit dem provokanten Titel „Müde Museen“ erschienen. Und in Hannover wird über die Zusammenlegung zweier Museen nachgedacht. Ist es manchmal das Richtige, ein Museum zu schließen?
„Müde Museen“ klingt nur wegen der Alliteration gut, Museen sind nur so gut wie ihre Macher und wie die Ansprüche, die die Öffentlichkeit an sie stellt. Natürlich gibt es immer Museen, die (noch) besser sein könnten – dennoch hat sich in den letzten Jahrzehnten extrem viel zum Positiven verändert. Was wäre die Bundeshauptstadt ohne Museen, Galerien und Ateliers? Und dennoch lassen Sie es mich so sagen: Risikofreude ist nicht etwas, was den deutschen Museen inne wohnt.

Manche Museen erscheinen einem geradezu ängstlich. Woran mag das liegen?
Darüber kann ich gerne etwas in meiner Rede sagen. Die politischen und administrativen Strukturen sind nicht dazu gemacht, Initiative und unternehmerisches Denken zu befördern. Der Contemporary-Art-Wahn, auf den sich ja der Begriff des „Müden Museums“ bezieht, ist mittlerweile ein banales Trauerspiel, Wertsteigerung im Dienste der Künstler, Sammler und Händler, viel mehr ist nicht übrig geblieben. Es liegt an den Entscheidungsträgern, dass man sich mit unendlich langweiligen und sich wiederholenden Gegenwartsausstellungen zudröhnt, anstatt sich den wirklich wichtigen Themen der Zeit zu widmen. „Was außerhalb des Museums passiert, muss auch innerhalb des Museums stattfinden“, ist eine klare Ansage von Kieran Long, einem der Chefkuratoren des V&A. Erwachsene Menschen aber, die sich vor der Verantwortung für das Zeitgeschehen in absurde Rituale des Contemporary flüchten, lösen bei mir Verständnislosigkeit aus.

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