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Kultur Frau Anders, wie wollen Sie wieder Publikum ins Theater locken?
Nachrichten Kultur Frau Anders, wie wollen Sie wieder Publikum ins Theater locken?
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02:17 02.05.2018
Die neue Intendantin des Schauspiels, Sonja Anders.  Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Frau Anders, Studenten dürfen jetzt gratis ins Schauspiel Hannover. Trotzdem ist es nicht so, dass jede Vorstellung ausverkauft wäre. Manche Leute wollen das Schauspiel offenbar nicht einmal geschenkt. Es scheint einen rasanten Bedeutungsverlust des Theaters zu geben. Was wollen Sie dagegen tun? 

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Das sehe ich anders. Die Zahlen gerade fürs Junge Schauspiel sind gut. Die Flatrate für Studierende ist recht neu, man muss sich die Zahlen nach einem Jahr anschauen.

Die Vermutung von der schwindenden Bedeutung des Schauspiels teilen Sie also nicht?

Das Schauspiel erfährt gerade in Zeiten zunehmender Digitalisierung einen enormen Bedeutungsgewinn. Der reale Mensch auf der Bühne ist und bleibt etwas Besonderes. In der Erfahrungswelt vieler junger Leute ist kaum noch Platz dafür, dass der Mensch dick ist, ins Schwitzen oder Stottern kommt, nicht dem normativen Schönheitsideal entspricht. Auch Politiker im Fernsehen wirken retuschiert. Theater ist der Ort, an dem der Mensch als Kreatur sichtbar wird. Das ist unschlagbar – und übertrumpft jede Virtualität.

In den vergangenen Jahren ist aber durchaus eine gewisse Virtualität ins Theater eingezogen. Allein die vielen Videobilder ...

Trotzdem stehen immer der Mensch und die unmittelbare Begegnung im Zentrum des Theaters, egal welche Techniken eingesetzt werden. Wir brauchen gerade heute viele dieser Orte, an denen sich Menschen direkt begegnen.

Im Theater hat man es mit einer merkwürdigen Begegnung zu tun. Die einen sitzen im Dunklen und schauen ins Helle, die anderen stehen im Hellen und schauen ins Dunkle.

Die Zuschauer glauben immer, dass sie unsichtbar sind. Das stimmt aber nicht. Jede Inszenierung hängt von der Reaktion des Publikums ab. Der Einfluss des Publikums aufs Theater ist immens. 

Umso schlimmer, wenn kein Publikum da ist. 

Das ist das schlimmste. Schlimm ist es aber auch, wenn man es mit schlecht gelauntem Publikum zu tun hat.. 

Was wollen Sie denn machen, damit die Leute kommen und auch noch gut gelaunt sind? 

Unsere Aufgabe ist es, das Publikum dazu zu verführen, sich offen und neugierig auf das Theatererlebnis einzulassen. Ich glaube zutiefst an die subversive Kraft der Freude. Diese entsteht auf der Bühne nicht im Manifest oder der Anklage, sondern vor allem im Vorgang des gemeinsamen Überschreitens von Grenzen – und im Gelingen von gesellschaftlichen Entwürfen. 

Was soll denn da gelingen?

Zum Beispiel die Gleichheit der Geschlechter, die mir sehr am Herzen liegt. Wenn Frauen auf der Bühne wichtige Rollen spielen, dann vermittelt sich nicht nur die Kritik, sondern das positive Gelingen. Das gilt auch für die Diversität unserer Gesellschaft. Wenn ich ein rein weißes Ensemble habe, kann ich tausendmal gegen Rassismus predigen, es bleibt bei der Anklage. Wenn ich aber ein gemischtes Ensemble habe, das gemeinsam Schillers „Räuber" spielt, dann kommen wir einen Schritt weiter. 

Sie sind gerade dabei Ihr neues Ensemble aufzubauen. Heißt dass, dass Sie jetzt  Quotenschauspieler aus den Bereichen Hautfarbe und Behinderung suchen?

Ich finde tatsächlich, dass ein Ensemble aus sehr unterschiedlichen Menschen bestehen und ein Stück weit die Gesellschaft widerspiegeln sollte, für die es spielt. Quoten wären da ein Anfang. 

Wollen Sie das Ensemble vergrößern?

Im Moment sind es 28 Ensemblemitglieder; 30 sollten es werden. Im Moment sind 18 Männer und 10 Frauen im Ensemble. Das ist das übliche Schema. Ich möchte das ändern, wahrscheinlich läuft es darauf hinaus, dass es nahezu gleich viele Männer und Frauen im Ensemble geben wird. 

Das könnte bei den Klassikern Probleme bereiten. Da stehen deutlich mehr Männer auf der Bühne. Wenn man davon ausgeht, dass das Schauspiel auch ein kulturelles Erbe zu bewahren hat, könnte es schwierig werden.

Theater ist doch kein Museum! Unsere Aufgabe ist nicht die Bewahrung von Altem, sondern die konstante Hinterfragung und Erprobung für das Hier und Jetzt. Dafür sind große Stoffe extrem wichtig und fruchtbar. Und warum sollten wir die Klassiker nicht mit Frauen besetzen? 

Wissen Sie denn schon, womit Sie starten werden?

Nein. Aber ich weiß, dass eine Frau das Eröffnungsstück im Schauspielhaus inszenieren wird.

Sie haben bisher vor allem als Dramaturgin gearbeitet. Müssen Sie etwas von der Dramaturgin ablegen, um ein Theater zu leiten?

Ich muss mich auf mein Team verlassen können. Flache Hierarchien sind sinnvoll, aber es braucht auch einen gemeinsamen Spirit.

Der Spirit, wie Sie es nennen, ist ja Ausdruck einer Haltung. Aber muss man als Intendantin überhaupt eine Haltung haben?

Jeder Mensch sollte eine Haltung haben, insbesondere Theatermacher. Ich glaube an die multikulturelle, pluralistische Gesellschaft. Deshalb sind zum Beispiel Populismus und Rechtsruck Themen, die mich gerade sehr beschäftigen und auf die wir als Theater reagieren müssen. 

Sie haben lange mit Ulrich Khuon zusammengearbeitet. Sind Sie eine Khuon-Tochter?

Ja, irgendwie schon. Bei ihm habe ich gelernt, was Theaterleitung heißt.   

Er hat so etwas Patriarchalisches. 

Nein, das würde ich nicht so sagen, er ist vor allem sehr kommunikativ. Ist das patriarchalisch? Er sagt nicht, wo es langgeht, sondern kommuniziert viel und bemüht sich um Transparenz. Das ist mir alles auch sehr wichtig. 

Das Schauspielhaus in der Prinzenstraße liegt im Herzen der Stadt, es ist aber nicht das Herz der Stadt. Was muss sich ändern?

Es geht gar nicht, dass man zwei Stunden vor einer Aufführung in der Nähe des Theaters kaum etwas zu essen bekommt. Da muss sich dringend etwas ändern. Ich gehe davon aus, dass wir das Foyer neu gestalten und dass sich auch im Hof etwas ändern muss. Mir wäre es wichtig, dass die Zuschauer nach der Vorstellung noch etwas bleiben, über das Stück reden, vielleicht Schauspieler treffen. Dann könnte es sein, dass eine nur mittelmäßige Aufführung doch noch gut wird.

Sie gehen davon aus, dass es bei Ihnen Theaterabende geben wird, die nur so mittel sind?

Das gibt es doch immer. Es wäre philosophisch gesehen ein fataler Fehler, davon auszugehen, dass immer alles gelingen muss. 

Es ist doch Kunst! Da muss man doch nach den Sternen greifen!

Auf der Bühne und in der Arbeit ja, aber nicht in der Erwartung des Ergebnisses. Berlin, wo ich gerade arbeite, ist die Stadt der künstlerischen Skepsis. Das Tolle an Hannover ist, dass wir hier das Publikum mitnehmen und gemeinsam neue Wege beschreiten können. Darauf freue ich mich.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Zur Person

Sonja Anders wird mit Beginn der Spielzeit 2019/2020 Intendantin am Schauspiel Hannover. Von 1990 an war Anders, die 1965 in Hamburg geboren wurde,  als Dramaturgin am Hamburger Schauspielhaus engagiert. Nach sieben Jahren als Dramaturgin am Staatstheater Stuttgart kehrte sie 2000 zurück nach Hamburg: Bis 2009 war sie Dramaturgin am Thalia Theater. Mit dem Intendanten Ulrich Khuon wechselte sie 2009 nach Berlin ans  Deutschen Theater. Dort ist sie Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin. Sonja Anders lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Berlin

Von Ronald Meyer-Arlt