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Kultur „Die ewige Frage nach den Ehrenmorden“
Nachrichten Kultur „Die ewige Frage nach den Ehrenmorden“
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10:40 12.06.2014
Von Stefan Stosch
Atice Akyün: „Deutschland ist meine Heimat“ Quelle: Rainer Dröse
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Hannover

Frau Akyün, Ihr Buch „Einmal Hans mit scharfer Soße“ ist vor beinahe zehn Jahren erschienen. Warum hat es so lange bis zur Verfilmung gedauert?

Ich habe schon damals mit Produktionsfirmen gesprochen. Aber damals war der Film noch nicht möglich: Das Bild der türkischen Frau in Deutschland war negativ besetzt – Stichwort: Ehrenmorde, Zwangsverheiratung. Dieses Bild hat sich glücklicherweise gewandelt – und vor allem vervollständigt.

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Was ist passiert?

Zum Beispiel sind eine ganze Reihe von deutsch-türkischen Schauspielern aufgetaucht. Vor zehn Jahren hätte Sibel Kekilli niemals eine „Tatort“-Kommissarin spielen können, sie wäre bestenfalls als Opfer vorgekommen. Es wird auch anders über Deutschtürken berichtet, weil in die Redaktionen türkischstämmige Journalisten eingezogen sind. Es dominieren nicht mehr allein die islamkritischen Necla Keleks dieser Welt die Diskussion.

Sie bedienen mit Ihren Texten eher die komödiantische Seite. Aber das Leben als Deutsche mit türkischen Wurzeln ist nicht nur lustig, oder?

Ich habe ja keine Leidensgeschichten zu erzählen, und ich bin eine optimistische Person. Manchmal ist es allerdings anstrengend. Es passiert immer wieder, dass ich bei einer Lesung sitze, das Publikum und ich haben viel zusammen gelacht – und dann kommt doch wieder die Frage nach den Ehrenmorden. Manchmal wünsche ich mir, mich nicht immer politisch rechtfertigen zu müssen. Ich möchte auch mal Feierabend haben.

Tut mir leid, aber es kommen jetzt schon noch ein paar Fragen ...

(Lacht) So war das nicht gemeint. Ich will meine Herkunft ja gar nicht verhehlen. Ich bin die türkische Tochter von Gastarbeitereltern der ersten Generation. Mein Vater stammt aus einem anatolischen Dorf, und er ist Analphabet. Aber ich bin auch deutsche Staatsbürgerin, Deutschland ist meine Heimat. Ich habe eine Und-Identität, muss mich nicht zwischen Deutsch oder Türkisch entscheiden. Und dank meines Berufs habe ich die Chance, Dinge zurechtzurücken.

Das tun Sie nun: Haben Sie Ihren Minirock auch regelmäßig gegen einen langen türkischen Rock gewechselt, wenn Sie Ihre Eltern besucht haben – so wie im Film die Hauptfigur Hatice?

Ja, aber das ist allein eine Frage des Respekts. Käme ich im Minirock, würde mein Vater nichts sagen, aber ich weiß, dass ich ihn verletzen würde. Vom Minirock hängt Emanzipation für mich nicht ab. Von deutscher Seite wird oft Freiheit mit Freizügigkeit verwechselt. Wenn ich in Berlin in die Disco gehe, kann ich den kurzen Rock ja wieder anziehen.

Als Zwang haben Sie solche Rücksichtnahmen nie verstanden?

Nein, mein Vater wollte immer nur, dass wir Kinder Chancen im Leben haben. Bei unserer Ausbildung hat er nie zwischen Jungs und Mädchen unterschieden. Er wollte, dass wir eigenes Geld verdienen – allein schon damit wir klarkommen, falls wir ohne Mann dastehen.

Mögen Sie die Bezeichnung „Deutsche mit Migrationshintergrund“?

Dieses Etikett ist uns in den vergangenen Jahren angepappt worden. Es klingt technokratisch, kalt, seelenlos. Ich rede auch lieber vom Zusammenleben statt von Integration. Im Alltag spielen solche Kategorien für mich sowieso keine Rolle. Allerdings: Am Ende entscheidet immer der andere, wer ich bin: Ich kann nur das sein, was mein Gegenüber in mir sieht.

Wie gehen die Deutschen heute mit Menschen um, die zu Ihnen kommen?

Meine Erfahrung ist: Je mehr Menschen aus anderen Kulturkreisen ein Deutscher kennt, desto entspannter ist er. Die größten Vorurteile pflegen die, die gar keinen Kontakt haben. Das Beste wäre, alle heiraten wild zwischen den Kulturen, kriegen Kinder, dann haben wir keine Probleme mehr mit Nationalitäten.

Von diesem Ideal sind wir aber noch weit weg: Sie sind zwischenzeitlich sogar in die Türkei zurückgezogen. Warum?

Das war zu der Zeit, als ich mich ernsthaft sorgte: Wohin driftet Deutschland? Daran war nicht nur Thilo Sarrazin schuld, sondern auch diese abstruse Genetik-Diskussion nach dem Motto: Sind Türken dümmer? Ich bin nach Istanbul gezogen. Bald habe ich aber gemerkt, dass ich viel deutscher bin als gedacht.

Woran?

Ich hatte in der Türkei nicht das Gefühl, in einem demokratischen, laizistischen Land zu leben. In der Türkei sitzen mehr Journalisten im Gefängnis als in Russland oder China. Und dann warnten mich meine Freunde immer wieder: Vorsicht, dieses oder jenes darfst du hier nicht so laut sagen. Da wollte ich zurück. Ich bin nun mal in Deutschland politisiert worden und habe als 14-Jährige in Duisburg gegen Kurzarbeit in Bergwerken demonstriert. Es bricht mir das Herz, wenn ich sehe, wie die Gezi-Bewegung in der Türkei niedergeschlagen wird.

Wie ist der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan in Köln bei Ihnen angekommen?

Wir sind ein demokratisches Land, und es war richtig, ihn reden zu lassen. Deutschland ist ein Land mit einem Recht auf freie Meinungsäußerung, das unterscheidet uns ja von der Türkei. Aber ich war auch fassungslos. Was für eine Anmaßung, von „seinen“ drei Millionen Staatsbürgern zu sprechen. Recep Tayyip Erdogan ist nicht mein Präsident, mein Präsident heißt Joachim Gauck. Ich möchte nicht für seinen Wahlkampf vereinnahmt werden. Ich fühle mich meiner Heimat Deutschland zugehörig – aber ein Teil von mir wird immer mit den Menschen in der Türkei verbunden sein. Ich wünsche ihnen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, die für mich in Deutschland selbstverständlich sind.

Seltsame Sippschaften

Immer wenn es zur Sache geht, taucht das anatolische Dorf bei Hatice auf. Wenn sie zum Beispiel einen Mann abschleppen will, zetern die pittoresk gekleideten Dorfbewohner. Manchmal gibt es aber auch Beifall von den Miniaturtugendwächtern auf ihrem Nachttisch: etwa wenn Hatice (Idil Üner) einen langen türkischen Rock anzieht. Das passiert aber nur, wenn die Hamburgerin ihre Eltern besuchen will. So ist das, wenn eine Deutsche mit türkischen Wurzeln der Kultur ihrer Eltern gerecht werden und doch ihr selbstbestimmtes Leben führen will. Sehen kann man das in der Komödie „Einmal Hans mit scharfer Soße“.

Aus dem Stoff hätte sich leicht ein trauriges Drama schöpfen lassen – nach Art von „Die Fremde“. Regisseurin Buket Alakus aber hat das Buch von Hatice Akyün verfilmt. Und siehe da: Zusammenhalt und Zuneigung in der Familie scheinen gelegentlich mehr zu zählen als die sogenannte verletzte Ehre. Regisseurin Alakus bedient sich ungeniert im Humor-Repertoire deutscher Single-Großstadt-Komödien. Vor allem aber zettelt sie ein lustiges Spiel mit kulturellen Vorurteilen an. Hier spotten Betroffene – über die eigene Sippschaft und auch über die seltsamen Sitten der Nordländer. Und auch die nötige Ironie fehlt nicht in dieser Komödie, die sich als Einstiegskurs für ein gedeihliches deutsch-türkisches Zusammenleben verstehen lässt.

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