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Kultur Interview über Jugendsprache
Nachrichten Kultur Interview über Jugendsprache
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19:23 10.06.2012
Von Martina Sulner
Foto: Die Jugendlichen haben viele verschiedene Arten miteinander zu kommunizieren.
Die Jugendlichen haben viele verschiedene Arten miteinander zu kommunizieren. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Hannover

Frau Bedijs, Sie sind Expertin für Jugendsprache. Gibt es überhaupt die eine Jugendsprache?

Nein, es existieren so viele verschiedene Jugendsprachen, wie es unterschiedliche Jugendmilieus gibt. Mit ihrem jeweiligen Sprachgebrauch wollen sich die Jugendlichen voneinander abgrenzen und auch auf Distanz zu Eltern und Lehrern gehen.

Dennoch hält sich unter älteren Menschen hartnäckig die Überzeugung, dass es eine Jugendsprache gibt und dass die immer schlimmer wird ...

Wir Sprachwissenschaftler sehen das anders: Dass Jugendliche ständig Anglizismen benutzen und schlimme Grammatikfehler machen, lässt sich zum Beispiel überhaupt nicht eindeutig belegen.

Sie haben zu Jugendsprache im Film geforscht. In Filmen sprechen junge Darsteller oft grausige Dialoge. Beherrschen die Drehbuchautoren ihr Handwerk nicht?

Doch, und die meisten Autoren geben sich viel Mühe, damit die Filmdialoge natürlich klingen. Nur sind die meisten Autoren nicht mehr ganz so jung, und wenn sie ihre jugendlichen Figuren unstrukturiert, mit vielen Füllworten und Wiederholungen reden lassen, schießen manche übers Ziel hinaus. Doch in jüngster Zeit arbeiten zahlreiche Autoren mit Jugendlichen zusammen: Sie legen ihnen zum Beispiel die Drehbücher vor und lassen anschließend Szenen nachspielen, um zu testen, wie genau sie den Ton treffen.

Jugendliche werden im Film also immer ernster genommen?

Ja, Jugendliche treten grundsätzlich erst verstärkt im Film auf, seit man sie als wichtige Gruppe innerhalb der Gesellschaft wahrnimmt. Also seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. François Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ mit der jungen Hauptfigur Antoine zum Beispiel entstand 1959. Es ist einer der ersten Filme, in denen versucht wird, den Jugendlichen eine eigene Sprache zu geben, die nicht genauso ist wie die der Erwachsenen.

In jüngeren Filmen ist das Standard?

Ja, Matthieu Kassovitz’ „Hass“ etwa, der von drei Jugendlichen in den Banlieues von Paris erzählt, hat eine ausgeprägte Jugendsprache. Bei Kassovitz durften die Schauspieler 1995 ganz viel improvisieren. In den Dialogen findet man deshalb viele typisch jugendsprachliche Begriffe, Füllwörter und auch arabische Entlehnungen.

Also eine Art „Kiezsprech“ auf Französisch?

Ja, wobei sich auch das stetig ändert. In neueren Filmen wie in der Realität gibt es französische Jugendliche ohne Migrationshintergrund, die wie selbstverständlich arabische Floskeln benutzen.

Zur Zeit wird in Deutschland wieder das Jugendwort des Jahres gesucht; 2011 war das „Swag“. Kann man diese Wahl annähernd ernst nehmen?

Ach, ich finde das ganz lustig. Doch man muss sich darüber klar sein, dass diese Begriffe oft von Werbeleuten erfunden werden und nicht von Jugendlichen. Die übernehmen das höchstens aus Werbespots. Mit Jugendsprache hat das wenig zu tun.

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