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Kultur „Das kann man gut lesen“
Nachrichten Kultur „Das kann man gut lesen“
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08:30 17.01.2014
Außenseiter – und Kultautor: Arno Schmidt um 1950. Quelle: Archiv

Frau Fischer, Sie leiten die Arno-Schmidt-Stiftung. Wann sind Sie Arno Schmidt literarisch zum ersten Mal begegnet?
Er hat mir Anfang der achtziger Jahre mein Studium gerettet, das ich eigentlich gerade hinwerfen wollte. Dann habe ich angefangen, Schmidts „Aus dem Leben eines Fauns“ zu lesen, und dachte, dass an der Literaturwissenschaft vielleicht doch etwas dran sein könnte. Bei vielen Lesern entscheidet es sich ja direkt bei der ersten Schmidt-Lektüre: Entweder sind sie sofort gefangen genommen oder verwirrt oder abgestoßen. So richtig entflammt war ich allerdings erst später.

Und wovon waren Sie entflammt?
Mir gefällt die Unmittelbarkeit, die er mit seiner Prosa herstellen kann. Das ist sehr kunstvoll gemacht, und man hat trotzdem das Gefühl, ganz nah an den Leuten dran zu sein. Das ist frisch und witzig, innovativ und sprachschöpferisch.

Aber muss man ihn deshalb gleich als wichtigsten deutschen Nachkriegsautor ehren? Es gibt ja auch noch Günter Grass und Uwe Johnson ...
Schmidt ist ein Meilenstein in dem, was er formal gewagt hat, wie er mit Sprache umgeht, wie er seinen Stoff organisiert. Da steht er singulär, das ist schlicht von herausragender Bedeutung. Durch die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sind ja einige literarische Traditionen abgerissen, der Expressionismus zum Beispiel. Merkwürdigerweise hat die deutsche Literatur an die Traditionen der Vorkriegszeit nicht wieder angeknüpft – mit wenigen Ausnahmen wie Arno Schmidt. Deshalb muss man allerdings nicht alle anderen Autoren klein machen.

Viele Leser verbinden Schmidt gar nicht so sehr mit einer deutschen Literaturtradition, sondern mit einer angelsächsischen: Ihm haftet das Etikett eines „deutschen James Joyce“ an. Ist das nicht etwas hoch gegriffen?
Witzig ist vor allem, dass Schmidt so schon bezeichnet wurde, als er selbst Joyce noch gar nicht gelesen hatte. Die Verwandtschaft zum „Ulysses“-Autor besteht auf jeden Fall, doch war Schmidt alles andere als ein Nachahmer. Als er sich Ende der fünfziger Jahre mit Joyce auseinanderzusetzen begann, hat er gemerkt, dass da schon jemand auf Pfaden unterwegs war, die auch er begangen hat. Allerdings nimmt Schmidt für sich in Anspruch, lesbarer zu sein als Joyce.

Schmidts legendäres Werk ist „Zettel’s Traum“ mit seinen mehr als 1300 Seiten. Warum muss das Buch so dick sein?
„Zettel’s Traum“ ist in Schmidts Werk ein Sonderfall; allein dieses Buch macht ein Viertel seines Gesamtwerkes aus. Es ist ein Markstein auf seinem Weg, die Wirklichkeit angemessen abzubilden. In den frühen Romanen versucht er eher zu verknappen; „Zettel’s Traum“ geht in die andere Richtung: Es ist ein Dialogroman, der 24 Stunden umfasst, die eins zu eins abgebildet werden. Außerdem gibt es viele kleine Exkurse in allerlei Wissensgebiete und Literaturen. Deshalb musste das Buch so dick sein.

Wie kann man dieses Monstrum überhaupt lesen?
So wie jedes Buch: von vorn nach hinten. Es ist zwar in mehreren Spalten geschrieben, und es gibt zahlreiche Anmerkungen – aber das kann man durchaus gut lesen.

Schmidt hat eine enthusiastische Fangemeinde. Warum ist gerade dieser Schriftsteller so umschwärmt?
Er ist halt ein guter Autor, und seine Art zu schreiben förderte in den siebziger, achtziger Jahren vielleicht auch die Identifikation mit seinen Protagonisten. Mittlerweile hat sich das stark Identifikatorische allerdings überholt.

Er gilt als der große Außenseiter der deutschen Literatur. Liegt die Verehrung für ihn nicht gerade darin begründet?
Ich glaube, die Verehrung hat nichts mit einer Geste des Außenseitertums zu tun, sondern mit dem, was er gemacht hat: Wenn man Schmidt liest, findet man viele Autoren seiner Zeit langweilig, die in ihrer Erzählhaltung ans 19. Jahrhundert anknüpfen.

Warum sollte man Schmidt im Jahr 2014 denn noch lesen?
Weil es herausragende Literatur ist. Die Art, wie er beobachtet, erzählt und Witze macht, hat sich überhaupt nicht überholt. Klar, seine Bücher spielen in den fünfziger, sechziger, siebziger Jahren, aber es ist einzigartig, wie er die Zeit schildert, die noch vom Krieg geprägt war, wie er beschreibt, was der Krieg mit den Menschen gemacht hat. Diese Porträts sind überzeitlich.

Verkaufen sich seine Bücher überhaupt noch?
Wir können nicht klagen. Die vor drei Jahren veröffentlichte Neuauflage von „Zettel’s Traum“ zum Beispiel hat sich mehrere tausend Mal verkauft.

Und welchen Roman empfehlen Sie Lesern, die bislang keinen Zugang zu Schmidt gefunden haben?
Ich würde mit einem frühen Text anfangen – entweder mit „Brand’s Haide“, einer schönen Nachkriegsliebesgeschichte, oder mit „Das steinerne Herz“. Das ist übrigens der erste westdeutsche Roman, der sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR spielt. Wenn man mit dem Spätwerk beginnt, stolpert man stärker über die Eigenheiten Arno Schmidts.

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