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Kultur „Invictus – Unbezwungen“: Der Heilige vom Kap
Nachrichten Kultur „Invictus – Unbezwungen“: Der Heilige vom Kap
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10:31 17.02.2010
Von Stefan Stosch
Sport verbindet: Morgan Freeman (links) als Nelson Mandela und Matt Damon in dem Film „Invictus“. Quelle: Warner Bros.
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Kurz vor dem entscheidenden Endspiel im Ellis-Park-Stadion von Johannesburg steht der südafrikanische Rugby-Kapitän François Pienaar in einer winzigen Gefängniszelle. Die Gittertür hat er hinter sich geschlossen, probeweise sozusagen. Er testet, wie das wohl gewesen sein muss, hier über Jahrzehnte eingesperrt zu sein. Pienaar schaut durch die Fensterstäbe hinaus und sieht plötzlich Gespenster – Gefangene, die im Innenhof Steine klopfen. Eines dieser Geisterwesen trägt die Züge des Mannes, der gerade dabei ist, Südafrika aus der Paria-Rolle der Weltgemeinschaft und aus der Apartheid zu führen.

Und in diesem Moment fragt sich der Rugby-Kapitän (ein muskelbepackter, schauspielerisch aber eher schmächtiger Matt Damon) auf der ehemaligen Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt, was sich der Zuschauer zwei Kinostunden lang fragt und was sich auch Regisseur Clint Eastwood gefragt haben muss, als er „Invictus – Unbezwungen“ inszenierte: Woher nahm Nelson Mandela nach 27 Jahren Haft den Willen, das zerrissene Südafrika mit sich selbst zu versöhnen? Woher nahm er am Tag seiner Freilassung die Kraft, die Vergangenheit beiseite zu schieben und alle Menschen zur Mitarbeit an einem neuen Südafrika einzuladen?

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Die Risiken sind groß für jeden, der sich Mandela in einem Spielfilm nähert. Allzu leicht überhöht man diese Figur. Eastwood hat es mit einer Lichtgestalt im Kampf gegen die Unterdrückung der Schwarzen zu tun, die auf einer Stufe mit Heroen wie Martin Luther King steht.

Für Ärger in Südafrika hat schon gesorgt, dass Morgan Freeman, also ein Amerikaner und kein Südafrikaner, Mandela spielt. Doch einen Besseren als Freeman hätte Eastwood kaum finden können. Den Druck, der auf dieser Produktion lastete, hat Eastwood ein wenig zu vermindern versucht. Er nimmt nicht Mandelas ganze Biografie in den Blick, sondern konzentriert sich auf ein Ereignis: auf die Rugby-Weltmeisterschaft 1995. Rugby war und ist immer noch in Südafrika zuerst der Sport der Weißen. Als Mandela 1991 Präsident in Südafrika wurde, musste er seine Mitstreiter vom ANC überzeugen, die Springbok-Mannschaft nicht aufzulösen – obwohl die grünen Spielertrikots als Symbol der Apartheid galten.

Am 18. Februar startet das Drama „Invictus“ mit Morgan Freeman in der Hauptrolle in den deutschen Kinos.

Und dann gewann das südafrikanische Team, ein krasser Außenseiter, sensationell den Titel gegen Neuseeland. Der Sport einte wenigstens in diesem Augenblick das gespaltene Land. Schwarze und Weiße lagen sich in den Armen. „Invictus“ ist nicht so sehr ein Sportlerdrama – auch wenn hier massige Spieler ihre Körper zuhauf aufeinander krachen lassen. „Invictus“ ist ein Film über die politische Kraft, die dem Sport innewohnt.

Bislang hat Eastwood vorzugsweise Rachegeschichten erzählt, etwa im Western „Erbarmungslos“ (1992) oder im Thriller „Mystic River“ (2003). Nun hat er es mit einem einzigartigen Fall von Vergebung zu tun. Nun lässt er sich von der Begeisterung anstecken. Eastwood, der sonst so ökonomische Erzähler, sucht ein Happy End nach Hollywood-Manier – und ist bereit, Gegensätze zu übertünchen. In die Townships geht dieser Film nur, damit die Springbok-Spieler sich mit schwarzen Kindern fotografieren lassen. Eastwood inszeniert diese Inszenierung.

Der Regisseur hat versucht, sich der Übermacht Mandelas zu entziehen. Er baut Thrillerelemente ein. In Mandelas Sicherheitsteam müssen sich plötzlich weiße und schwarze Mitarbeiter zusammen auf ein Ziel konzentrieren: Sie müssen das Leben ihres Präsidenten schützen, der gern in Menschenmengen badet. Eine regelrechte Drohkulisse baut Eastwood auf, irgendwann rechnet auch der Kinozuschauer mit einem Anschlag. Und dann passiert – nichts. Oder beinahe nichts. Eastwood lässt einen ganzen Handlungsstrang ins Leere laufen.

In der langen Reihe seiner meisterlichen Filme – etwa „Gran Torino“ – nimmt „Invictus“ einen untergeordneten Rang ein. Für einige Oscar-Nominierungen hat es jedoch gereicht, am ehesten wäre Morgan Freeman eine Auszeichnung zu wünschen. Am Ende hat man noch einen ganz anderen Wunsch: Schön wäre es, wenn sich diese drei altersklugen Herren – Mandela (91), Eastwood (79), Freeman (72) – einmal zusammensetzen würden, nur so zum Plaudern über das Leben als solches. Vielleicht sogar bei einem Rugby-Spiel.

Ab Donnerstag im Kino.