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Kultur Iris Hanika erhält den Preis der LiteraTour Nord in Hannover
Nachrichten Kultur Iris Hanika erhält den Preis der LiteraTour Nord in Hannover
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08:42 13.04.2011
Von Martina Sulner
Iris Hanika erhaält am Donnerstag den Preis der LiteraTour Nord.
Iris Hanika erhaält am Donnerstag den Preis der LiteraTour Nord. Quelle: Schmiedekind
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Ja, was denn jetzt? Soll er leiden und trauern, sich schämen und verantwortlich fühlen? Oder ist die Zeit dafür vorbei? Jahrzehntelang hat sich Hans Frambachs Denken um die deutsche ­Nazi-Geschichte und den Holocaust gedreht. Der Mann, Hauptfigur in Iris Hanikas Roman „Das Eigentliche“, arbeitet in einem obskuren „Amt für Vergangenheitsbewirtschaftung“. Dort archiviert er Nachlässe ehemaliger KZ-Häftlinge. Am Sinn seiner Arbeit und am Sinn von Gedenkritualen zweifelt Frambach immer mehr – zugleich weiß und spürt er, dass er der deutschen Geschichte nicht entrinnen kann.

„Inhaltlich riskant und formal mutig“ nennt die Jury der LiteraTour Nord das Buch und zeichnet die Berliner Autorin mit dem mit 15.000 Euro dotierten Preis der Lesetournee aus. Am Donnerstag wird er in Hannover verliehen.

Manche Passagen des Romans könnte man auch als zynisch empfinden, zum Beispiel, dass Frambachs Computer-Passwort „hoess“ lautet, nach dem früheren Auschwitz-Kommandanten. Oder dass der Protagonist über einen Erinnerungswettbewerb unter dem Titel „Make Gedenken, not KZs!“ sinniert. Doch Hanikas Roman ist nicht auf Kalauer oder billige Provokation aus, sondern er ist getragen von großer Ernsthaftigkeit. Das Buch umkreist die zentrale Frage: Wie können wir Deutschen mit der Verantwortung für den Holocaust leben, ohne uns in sinnentleerten Erinnerungsritualen zu ergehen?

Jahrelang hat sich Hans Frambach, Ende 40, an Deutschland und dem Judenmord abgearbeitet, hat mit seiner Freundin Graziela fast einen Wettstreit darüber ausgetragen, wer stärker an der Historie zu leiden hat. Mittlerweile ist Graziela mehr mit ihrem verheirateten Liebhaber beschäftigt und von ihrem Leiden abgelenkt. Auch Hans hat sich verändert: „Er konnte jetzt auch Birken sehen, ohne an Birkenau zu denken, und hielt sich dabei nicht einmal für gefühllos.“

Iris Hanika, Jahrgang 1962, hat gesagt, dass sie das Buch auch geschrieben habe, um selber von diesem Thema loszukommen. Doch zugleich betont sie in Interviews und erzählt eben gerade davon in ihrem Roman, dass es ein Loskommen weder geben kann noch sollte. Diesen Grundgedanken variiert sie in „Das ­Eigentliche“ immer wieder. Sie erzählt keine geradlinige Geschichte, sondern arrangiert in ihrer Erzählung zahlreiche Passagen aus philosophischen oder soziologischen Texten von Walter Benjamin bis Roland Barthes, sie zitiert Gedichte und Liedtexte. Manchmal ist das etwas anstrengend zu lesen, aber diese Form entspricht den Gedankengängen ihres Protagonisten, der weltfremd und scheu, aber auch belesen ist.

Vor dem Preis der LiteraTour Nord hat Hanika für ihr Buch bereits den „Literaturpreis der Europäischen Union 2010“ erhalten. Ihr voriger Roman, „Treffen sich zwei“, stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. So gerät nach und nach eine Autorin in den Blick, die seit Jahren veröffentlicht. Doch sie passte und passt zu keiner literarischen Modeerscheinung – weder in die Pop-Literatur noch zum „Fräuleinwunder“. Hanikas frühe Bücher waren Sammlungen von Erzählungen oder kurzen Texten. Auf den ersten Blick waren es Alltagsbeschreibungen, auf den zweiten spiegelten sie das Lebensgefühl einer bestimmten Zeit. Oft geht es um einen Ort: Berlin, wo Hanika seit 30 Jahren lebt.

Wenn der traurige, einsame Frambach in „Das Eigentliche“ durch die Hauptstadt läuft, ist er sich immer der Geschichte bewusst. Allenthalben registriert er, wie sich im Gegenwarts-Berlin Einheimische und Touristen bewegen, wie sie auf die Mahnmale für die Opfer des Nationalsozialismus reagieren. Jede Form von Gewöhnung erbittert ihn, etwa auch, dass der Holocaust in „die große Geschichtenerzählmaschine“ eingefüttert werde. In einem Kino laufen zum Beispiel an einem Tag gleichzeitig vier Hollywood-Filme über den Zweiten Weltkrieg und die Judenvernichtung, von „Der Vorleser“ bis zu „Der Junge im gestreiften Pyjama“: „Ohne Scheu wurde hier professionell ausgeleuchtet und bebildert, wovor die Vorstellungskraft einst schamvoll versagte (...) Unsere Vergangenheit ist fürs Massenpublikum kompatibel geworden.“ Das widert den Mann ebenso an wie jene Frau, die „nach einem Treffen des Internationalen Auschwitz-Komitees in Auschwitz ganz begeistert ist von den alten Leuten, die sie gerade kennengelernt hat, das sei ja „die crème de la crème der Überlebenden“.

Iris Hanika mutet ihren Lesern einiges zu – doch sie traut ihnen auch viel zu. Es ist fordernd und überzeugend, wie sie die Schwierigkeiten der Deutschen mit der Erinnerung an die deutschen Gräueltaten auffächert und das Dilemma unserer Gedenkkultur beschreibt. Dieses Buch ist preiswürdig.

Donnerstag, 19 Uhr, erhält die Autorin den Preis der LiteraTour Nord in der hannoverschen VGH-Versicherung, Haus D, Eingang Warmbüchenkamp. Die Laudatio hält FAZ-Redakteur Andreas Platthaus. Der Eintritt ist frei.

Iris Hanika: „Das Eigentliche“. Droschl. 175 Seiten, 19 Euro.