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Kultur Islamfeindschaft und Antisemitismus – vom Sinn der sogenannten „Vergleiche“
Nachrichten Kultur Islamfeindschaft und Antisemitismus – vom Sinn der sogenannten „Vergleiche“
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20:38 12.02.2010
Von Karl-Ludwig Baader
Drohkulisse – die Vorurteile gegen das als fremd Empfundene ähneln sich. Quelle: afp
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Umgekehrt gilt folglich auch: Vergleichen lässt sich nur, was man nicht gleichsetzen kann. Das Vergleichen besteht ja darin, mal größere, mal kleinere, mal mehr, mal weniger Unterschiede und Parallelen zu ermitteln. Ein kritischer Vergleich ist dann sinnvoll und aussagekräftig, wenn zwei ähnliche Phänomene (oder Dinge, Personen, Ereignisse) möglichst genau unterschieden, also voneinander abgegrenzt werden, um sie so jeweils beide präziser und besser beschreiben zu können – ein Vorgang, der im Fachdeutsch „definieren“ heißt.

So ist das, wenn man in der Wissenschaft oder überhaupt mit erkenntnisfördernder Absicht zwei Phänomene in Beziehung setzt. Die „Vergleiche“ aber, die in den politischen oder kulturellen Grabenkämpfen der medialen Öffentlichkeit gezogen werden, dienen selten der kritischen gedanklichen Unterscheidung. Im Gegenteil: Sie wollen besonders starke Übereinstimmungen zweier Phänomene suggerieren, wenn nicht gar – immer in der Absicht, ein Thema oder eine politische Position zu skandalisieren – Gleichsetzungen vornehmen, die der moralischen Be- und vor allem Verurteilung, zumindest der Verdächtigung dienen.

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So gehört der Nazivergleich – „Der Politiker, Journalist X handelt, redet oder schreibt wie Goebbels“ – zur Grundausstattung des deutschen Durchschnittspolemikers. Das zeigt: Die Nazis und ihr mörderisches Treiben stehen für das absolut Böse. Wer ein politisch oder religiös motiviertes Verbrechen besonders scharf anklagen will, der „vergleicht“ es deshalb mit dem Holocaust – meist gedankenlos, gelegentlich auch in perfider Absicht, wenn die israelische Besatzungspolitik in die Nähe zum Massenmord an den europäischen Juden gerückt wird.

In letzter Zeit wird in Integrationsdebatten, zuweilen auch von konservativen Muslimen, auf Parallelen der Islamfeindschaft (beziehungsweise der sogenannten „Islamophobie“) und des klassischen Antisemitismus hingewiesen – aber auch in der Wissenschaft tauchen, wie bei dem Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer, beide zusammen mit Rassismus oder Homophobie unter dem gemeinsamen Oberbegriff „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ auf.

Dabei zeigt sich, dass es bei den Methoden von Islamgegnern und Antisemiten tatsächlich sehr viele Gemeinsamkeiten gibt – ein historischer Vergleich von heutigen antiislamischen Klischees und klassischen antisemitischen Stereotypen fördert überraschende Ähnlichkeiten zutage. Die Methoden, mit denen Feindbilder konstruiert und plausibel gemacht, mit denen Gruppen stigmatisiert und ausgegrenzt werden, kennt man aus der Vorurteilsforschung.

So wird vom Einzelfall immer auf die Gruppe geschlossen, jeder terroristische Akt wird dem Ursprungsmilieu des Täters zugerechnet, das geschieht heute mit der islamischen Gemeinschaft wie es im 19. Jahrhundert mit den Juden geschah. In langen Listen, auch dies eine Parallele, werden Einzelfälle zusammengetragen, die nichts miteinander zu tun haben bis auf die Tatsache, dass der jeweilige Schurke Muslim oder eben Jude ist. Die religiösen Schriften werden nach anstößigen Stellen durchforstet, Antisemiten wurden in der Thora genauso fündig wie heute die Islamgegner im Koran. Islam und Judentum werden als Fremdkörper in der Kultur bezeichnet, die sich nicht integrieren, sondern Parallelgesellschaften (im Fall der Juden hieß es einen „Staat im Staate“) bilden wollen. Sie werden zur Bedrohung der Mehrheitsbevölkerung hochstilisiert: Sie wollen die Herrschaft kraft der hohen Geburten­raten übernehmen – ein Vorwurf, der im 19. Jahrhundert auch von Protestanten gegenüber einwandernden Katholiken in Norddeutschland oder den USA erhoben wurde. „Der“ Islam und „das“ Judentum werden jeweils als monolithischer Block gezeichnet – die halten zusammen, während „wir“ wegen den Verrätern und Feiglingen in unseren Reihen wehrlos sind. Unterschiedliche Strömungen (im Fall des Islam: tolerante Positionen), die ein Verdammungsurteil stören oder relativieren könnten, werden ignoriert, kleingeschrieben oder als Täuschungsmanöver verstanden.

Schließlich wird dem zum Feind bestimmten Islam (wie einst auch dem antisemitisch verzeichneten „ewigen Juden“) jede Entwicklungschance abgesprochen – in diesem kollektivpsychologischen Sinn müssten wir Deutschen als unbelehrbare, militaristisch gesinnte, mit Untertanenseelen ausgestattete Herrenmenschen auf alle Zeit die Welt unsicher machen.

Die historische Erfahrung mit anderen Einwanderungsgeschichten (die alle von vergleichbaren Konflikten begleitet waren) spricht dafür, dass es von der realen, der sozialen Integration der muslimischen Migranten abhängt, welche Rolle ein demokratiekompatibler Euro-Islam spielen wird. Es wird sich zeigen, ob es so lange dauert wie bei der katholischen Kirche, die bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil brauchte, um die Menschenrechte anzuerkennen. (Nur zur Erinnerung: Die Französische Revolution fand bereits 1789 statt.)

Die Gemeinsamkeiten betreffen Argumentationsfiguren und Agitationsformen – aber die zentrale ideologische Bedeutung, die der Antisemitismus für die europäische Entwicklung und gerade auch für die Bildung von Nationalstaaten hatte, kommt der Islamfeindschaft nicht zu. Zudem hat die Judenfeindschaft viel tiefere Wurzeln in der europäischen Kultur, schon seit der frühchristlichen Epoche. Ein markanter Unterschied: Der Antisemitismus ist ein antimodernes Phänomen. Die Juden wurden für alle Verwerfungen des sozialen und ökonomischen Modernisierungsprozesses verantwortlich gemacht: sei es für die wachsende Rolle des Geldes, die Auflösung ständischer Strukturen oder die Entwicklung der großstädtischen Zivilisation. Die Islamfeindschaft argumentiert dagegen vom Standpunkt der Moderne, gelegentlich aus säkularistischer Perspektive und verurteilt die islamische Religion als archaisch.

Die Juden wurden im modernen Antisemitismus nicht allein als feindliche Religion, sondern als Zersetzer aller Tradition und Kultur angeklagt, zumal es keine jüdische Staatsnation gab – was in der Zeit des Nationalismus einen besonders intensiven Verdacht erregte. Während die ­Islamfeindschaft aus der hohen Warte des kulturell Überlegenen und Fortgeschrittenen argumentiert, imaginierten sich die Antisemiten die Juden als allmächtige Weltverschwörer, die perfiderweise zugleich in der Maske der Bolschewisten wie in der des Finanzkapitalisten agierten. Heraus kam das Wahngebilde eines „Untermenschen“, vor dessen überlegener Schlauheit man sich in Acht nehmen musste. Das Judentum wurde so als allgegenwärtiger Menschheitsfeind gebrandmarkt, der letztlich vernichtet werden müsse. Auch dem Staat Israel ist, etwa von der Hamas, die Auslöschung angekündigt worden, während keinem muslimischen Gemeinwesen dergleichen droht.

Im Übrigen ist es historisch falsch, den arabischen Antisemitismus als gleichsam logische Folge der Existenz des Staates Israel zu verstehen. Der hat seine Wurzeln eher im arabischen Nationalismus. Die Zusammenarbeit des Jerusalemer Mufti Amin el-Husseini mit den Nationalsozialisten ist gerade in letzter Zeit untersucht worden. Auch dieser historische Zusammenhang erhöht nicht gerade die Plausibilität der Gleichsetzung von ­Islamfeindschaft und Antisemitismus.

Vergleiche, deren Ziel nicht die präzise Unterscheidung ist, können nicht zum rationalen Verstehen beitragen, wohl aber moralische Urteile transportieren. Es ist dabei zweitrangig, ob diese Art von Vergleich stimmig ist oder nicht: Sie soll ja Stimmung machen. Ein ständiges Ärgernis in unserer Debattenkultur.

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