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Kultur Israelischer Künstler modelliert Plastik von hirntotem Ariel Scharon
Nachrichten Kultur Israelischer Künstler modelliert Plastik von hirntotem Ariel Scharon
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19:57 21.10.2010
Von Johanna Di Blasi
Ariel Scharon als lebensgroße Plastik des israelischen Künstlers Noam Braslavsky in der Kishon Art Gallery in Tel Aviv. Quelle: afp
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Eine Plastikpuppe sorgt derzeit in Israel für Aufregung – und weltweit für makabre Schlagzeilen wie „Koma-Puppe“ oder „Denkmal für Hirntoten“. Es handelt sich um das Werk des in Berlin lebenden israelischen Künstlers Noam Braslavsky. Dieser hat den seit fast fünf Jahren im Dauerkoma vegetierenden, durch einen schweren Schlaganfall jählings aus seiner Rolle als Israels Ministerpräsident gerissenen Ariel Scharon lebensgroß und lebensecht wirkend (wenn man das von einem Hirntoten behaupten kann) nachgebildet.

Das vom Künstler „Installation“ genannte Komakunstwerk atmet sogar. Der Brustkorb der in einer Galerie in Tel Aviv samt Krankenbett und Infusionsapparat ausgestellten Scharon-Nachbildung hebt und senkt sich. Dazu ertönt ein leise rasselndes Atemgeräusch. ­Augenzeugen berichten, die Installation sei eindrucksvoll, so als stünde man tatsächlich in Scharons Krankenzimmer. Man kann sich nun freilich fragen, ob man es mit Komakunst zu tun hat oder ob hier die Kunst im Koma liegt. Ob ein schlechter Scherz mit einem Menschen getrieben wird, der sich nicht wehren kann, oder eine ernsthafte Auseinandersetzung angeregt werden soll.

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Mit Ariel Scharon ist eine Person des öffentlichen Lebens in die Bewusstlosigkeit gefallen, mit der die israelische Gesellschaft längst nicht fertig war. Die einen sahen in ihm einen Helden – er gehört zu den Veteranen des Unabhängigkeitskrieges von 1948, die anderen einen Kriegsverbrecher. Eine von der israelischen Regierung eingesetzte Kommis­sion hat ausdrücklich eine „persönliche Verantwortung“ Scharons für die Massaker von Sabra und Schatila festgestellt, gleichwohl wurde er 2001 Ministerpräsident, bis er 2006 ins Koma fiel.

Die Auseinandersetzung mit dem umstrittenen Politiker, der wegen seiner aggressiven Politik „Bulldozer“ genannt wurde, ist mit Scharons hoffnungslos scheinender Erkrankung ihrerseits in eine Art komatösen Zustand gefallen. Und so geistert der ehemalige Staatslenker durchs Land – als einer, der weder tot noch lebendig ist, der nicht leben und nicht sterben kann, der untot ist wie die unerlösten Gestalten des cineastischen und literarischen Horrorgenres.

Genau hier setzt Noam Braslavsky an, wenn er jetzt dem in der Versenkung Verschwundenen wieder ein Gesicht gibt. In Israel sei das Thema Scharon in den zurückliegenden Jahren regelrecht tabu gewesen, erklärt der Künstler. „Da war keine Möglichkeit für Trauer, für ein Ritual, wie normalerweise, wenn eine so große Person geht. Denn er ist einfach nicht gegangen. Er ist noch da.“ Mit der Installation wolle er Raum für Emotionen schaffen, die sonst aufgestaut blieben, schließlich habe Scharon polarisiert wie kein anderer, erklärt der Künstler. Jede politische Parteinahme oder Wertung hingegen liege ihm fern.

Selbstverständlich blieben negative Reaktionen nicht aus. Zwei politische Freunde Scharons aus der Knesset sprachen nach einer Vorbesichtigung der gerade erst eröffneten Ausstellung von „widerlichem Voyeurismus“. Raanan Gissin, ein früherer Scharon-Berater, meinte über seinen Freund: „Sein Leben lang war er aktiv und dynamisch, und weder ich noch seine Familie wollen ihn so in Erinnerung halten.“ Die Galeristin Renana Kishon, die Tochter des Satirikers Ephraim Kishon, verteidigte Braslavsky: „Die Kunst sollte immer mit dem wirklichen Leben zu tun haben.“

Wenn man Scharon so daliegen sieht, auf Abbildungen des Abbildes, fühlt man sich an eine andere lebensecht erscheinende Politikerplastik erinnert: Wladimir Iljitsch Lenin im Moskauer Lenin-Mausoleum. Allerdings fallen gleich auch die Unterschiede auf. Lenin ist mit Anzug und Krawatte auf Kissen gebettet, ein echter Leichnam, zu dem Menschen pilgern. Der Plastik-Scharon im himmelblauen Schlafanzug dürfte indes kaum „Heiligen“-Verehrung anregen.

Mit der Puppe, die zu atmen scheint, hat der bislang kaum bekannte Künstler Braslavsky ein wirklich unheimliches Bild geschaffen. In seiner Abhandlung über „Das Unheimliche“ hat Sigmund Freud als Paradebeispiel für das Schaurige eine lebendig wirkende Puppe genannt. Noch beunruhigender aber als eine atmende Puppe ist ein im Puppenstadium festgehaltenes Leben wie jenes des wirklichen Scharon in dem echten Krankenzimmer in Tel Aviv. Die Söhne des 82-Jährigen kämpfen seit Jahren darum, ihren Vater mit nach Hause auf die Familienfarm nehmen zu dürfen – doch es blieb ihnen bislang verwehrt.