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Kultur Italienische Dichter wirkten in Celle
Nachrichten Kultur Italienische Dichter wirkten in Celle
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00:17 08.02.2015
Von Simon Benne
„Un viale del campo di Celle“, gezeichnet von dem Kriegsgefangenen Francesco Nonni. Quelle: zu Klampen
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Celle

Auf der Landkarte der italienischen Literatur hat das niedersächsische Dorf Scheuen einen festen Platz. Auch, wenn das weder in Italien noch im nördlich von Celle gelegenen Scheuen sonderlich bekannt ist. Der Zufall wollte es, dass sich 1918 gleich mehrere italienische Kriegsgefangene im „Celle-Lager“ begegneten, die später gefeierte Literaten wurden – darunter der Schriftsteller Carlo Emilio Gadda, der Germanist Bonaventura Tecchi und der Dramatiker Ugo Betti. Ihre Freundschaft und die Liebe zur Literatur halfen ihnen, die Lagerhaft durchzustehen, die Tecchi als „Gefühl von bitterer Einsamkeit, von grenzenloser Angst“ erlebte.

Gadda, damals 23-jähriger Oberleutnant, beschrieb in seinem Lagertagebuch Hunger, Tuberkuloseepidemien und Repressalien, eine „Ödnis aus Sand und Heidekraut“, und fast prophetisch konstatierte er eine Unmenschlichkeit der Bewacher „gegenüber allem, was nicht deutsch ist“. Andererseits gab es in dem Lager auch Konzerte, Deutschunterricht, und die Gefangenen durften Spaziergänge durch die Heide unternehmen – gegen das Ehrenwort, nicht die Flucht zu ergreifen. Als Seelsorger besuchte Nuntius Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., seine italienischen Landsleute.

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In „Die Baracke der Dichter“ hat Oskar Ansull jetzt autobiografische Texte der Schriftsteller über ihre Gefangenschaft zusammengestellt. Die Edition leidet darunter, dass diverse Quellen und Anmerkungen verschiedener Autoren unübersichtlich aufeinanderfolgen. Dennoch erschließen die teils zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlichten Dokumente ein vergessenes Kapitel niedersächsischer Geschichte. Und sie zeigen, wie differenziert die italienischen Literaten den Krieg 1918 sahen. „Keines der unzähligen Geschosse“, bedauert Gadda an einer Stelle, „war so großzügig, mir ein Dokument des Soldatenlebens zu hinterlassen.“ Zugleich jedoch beschreibt er die Härten und die vermeidbaren Leiden des Krieges. Da bewegt er sich irgendwo auf halber Strecke zwischen Ernst Jünger und Erich Maria Remarque.

Weitere Informationen zu „Die Baracke der Dichter“

„Die Baracke der Dichter“. Herausgegeben von Oskar Ansull. Zu Klampen. 293 Seiten, 24 Euro. Die Leibniz-Bibliothek stellt das Buch am Dienstag, 10. Februar, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Hannover, Sophienstraße 2, vor. Anmeldung unter (05 11) 1 26 73 03.

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