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08:27 16.07.2013
Muss jetzt  wahrscheinlich mehrmals aufgelegt werden: „The Cuckoo's Calling“ von Robert Galbraith aka J. K. Rowling. Quelle: dpa
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London

Eine honigfarbene viktorianische Häuserfront, eine altmodische Straßenlaterne, die geduckte Silhouette eines mysteriösen Mannes mit wehendem schwarzem Mantel: Das Cover des Krimis „The Cuckoo’s Calling“ (Der Ruf des Kuckucks) trifft genau die unheilvolle Atmosphäre des Romans. Der Name des Autors allerdings sagt einem erst mal nichts. Robert Galbraith. Wer soll das sein? Seit dem Wochenende ist klar, dass Robert Galbraith ein Pseudonym ist – und dass die Bestsellerautorin J. K. Rowling den Roman geschrieben hat. Nach der Enthüllung kletterte der Titel auf der Amazon-Verkaufsliste um 5000 Plätze nach oben und gehört jetzt zu den Bestsellern. Zuvor war der im April in der britischen Verlagsgruppe Little Brown Book veröffentlichte Krimi nur 1500-mal über den Ladentisch gegangen. Der Name der Harry-Potter-Erfinderin zieht offenbar noch immer – auch wenn ihr mit Spannung erwartetes Nach-Hogwarts-Debüt „Ein plötzlicher Todesfall“ im September 2012 eher kritisch beurteilt wurde.
Der hohe Erwartungsdruck vor jeder Veröffentlichung mag Rowling veranlasst haben, es jetzt mit einem Pseudonym zu versuchen. Vor ihr haben schon Autoren wie Stephen King erprobt, wie ihre Romane, veröffentlicht unter einem anderen Autorennamen, bei den Lesern ankommen.

Wikipedia verzeichnet bei der Suche nach Robert Galbraith einen US-Soldaten, der mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet wurde und 1949 starb. Im Klappentext des Rowling-Romans wird dem Autor von „The Cuckoo’s Calling“ ebenfalls eine Militärkarriere angedichtet. 2003 soll er in die private Sicherheitsindustrie gewechselt sein und seine Erfahrungen bei der Rückkehr ins zivile Leben literarisch verarbeitet haben. Diese fiktive Biografie ähnelt der von Rowlings Protagonisten, der den Namen Cormoran Strike trägt.

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Rowlings Privatermittler ist eine Mischung aus dem Afghanistan-Veteranen Dr. Watson aus den Sherlock-Holmes-Verfilmungen des britischen Senders BBC und dem melancholischen Ermittler Kurt Wallander aus der Feder von Henning Mankell. Dazu kommt die physische Erscheinung: Strike beeindruckt mit schierer Körpermasse, hat aber mit einer Beinprothese zu kämpfen. Rowling beschreibt ihn wenig vorteilhaft, aber mit Sympathie für ihren gebrochenen Helden: „Strike hatte die hohe, hervortretende Stirn, die breite Nase und dicken Brauen eines Beethovens, der mit dem Boxen angefangen hatte“, heißt es. An einer anderen Stelle wird der Privatermittler wegen seiner „Größe, seiner allgemeinen Haarigkeit und seinem leicht herausstehenden Bauch“ mit einem Grizzlybären verglichen. Er ernährt sich von Tütensuppen, weil die am ehesten dem entsprechen, was er als Soldat gegessen hat.

Gleich bei seinem ersten Auftritt im Buch rempelt er beim Versuch, seine Ex-Freundin am Gehen zu hindern, seine neue Aushilfssekretärin und baldige Recherchepartnerin Robin an und fasst ihr auch noch ungeschickt an den Busen. Ein Ermittler, der in privaten Angelegenheiten allzu oft daneben greift und sich am Rande des finanziellen Ruins bewegt: als wenn die literarische Welt noch einen Privatdetektiv mit privaten Problemen gebraucht hätte.

Es ist aber durchaus lohnenswert, dem Ruf des Kuckucks zu folgen. Denn Rowling entfaltet ihr altbekanntes Erzähltalent, das viele Potter-Fans in „Ein plötzlicher Todesfall“ vermissten: Für das neue Buch opfert der Leser gerne eine Nacht. Strike wird vom Bruder des Supermodels Lula Landry beauftragt, den vermeintlichen Selbstmord seiner Schwester zu überprüfen. Rowling zeichnet ein überzeugendes Bild der glamourösen Halbwelt mit ihren Reichen und Schönen. Paparazzi lauern an jeder Straßenecke.
London bietet die ideale Kulisse für diese Geschichte. Die Anonymität der Stadt spendet Strike Trost: „Siebeneinhalb Millionen Herzen schlugen in seiner unmittelbaren Nähe, und viele von ihnen schmerzten sicher mehr als seins.“
Alles in allem handelt es sich um einen lesenswerten Krimi, das sagten auch schon die ersten Rezensionen unmittelbar nach Erscheinen, als noch Robert Galbraith als Autor galt. Dennoch setzte der Rummel erst ein, als der Name Rowling ins Spiel kam. Die „Enthüllung“ dürfte also eine inszenierte Marketing-Masche sein.

Der Krimi um den Rowling-Krimi zeigt auch, wie eingefahren und undurchlässig die literarische Welt ist: Wer einmal an der Spitze steht, verweilt dort. Und wer ein gepriesenes Krimidebüt verfasst, muss deshalb nicht gleich eine steile Karriere hinlegen.
Ein zweiter Fall für Strike soll bereits in Planung sein, wann eine deutschsprachige Buchfassung erscheint, ist bislang nicht bekannt. Der Carlsen-Verlag, der Rowlings bisherige Romane hierzulande verbreitete, zeigte sich gestern von der Enthüllung überrumpelt.

Es war übrigens ein ganz besonderes Talent Rowlings, das Rezensenten auf ihre Fährte gelockt hatte: Ein Literaturkritiker der BBC wunderte sich über die Gabe Galbraiths, Frauenkleidung bis ins Detail zu beschreiben.

Nina May

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