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Kultur Jack White veröffentlicht neues Album „Lazaretto“
Nachrichten Kultur Jack White veröffentlicht neues Album „Lazaretto“
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08:38 07.06.2014
Von Uwe Janssen
Es macht ihm richtig Spaß:  Jack White bei der Arbeit.
Es macht ihm richtig Spaß:  Jack White bei der Arbeit. Quelle: dpa
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Hannover

Was war das? Jack White hört auf? Jetzt? In der Blüte des Rockstarlebens? Doch kurz bevor der Gedanke Fahrt aufnimmt, was ihn bewegen könnte und ob so ein Paukenschlag sogar zu ihm passt – Entwarnung. Jack White, der aufhört, ist nicht die Hoffnung des Rock ‘n’ Roll, sondern der Schlagerproduzent mit dem Blendamed-Gebiss, der eigentlich Horst Nussbaum heißt, 1974 „Fußball ist unser Leben“ geschrieben hat und kürzlich bei Florian Silbereisen verkündete, dass er in Rente geht. Aufatmen. Doppelt.

Der andere Jack White, der auch wirklich so heißt, hat auch mal eine Fußballhymne geschrieben. Eher ungewollt mit den White Stripes, aber „Seven Nation Army“ wird im Gegensatz zu „Fußball ist unser Leben“ auch in den brasilianischen WM-Stadien garantiert wieder gesungen. Dieser Jack White jedenfalls denkt gar nicht ans Aufhören. Wäre auch ein blöder Zeitpunkt. Gerade hat er sein neues Album „Lazaretto“ fertig, und auch sonst sprüht er vor Ideen. Beispiel: Für Vinylfreunde, die ihm seit jeher am Herzen liegen, hat er eine Schallplatte von „Lazaretto“ anfertigen lassen, die er „Ultra LP“ nennt und die mehrere Gimmicks enthält. Eine Seite ist quasi falsch herum, die Nadel wird innen aufgesetzt und läuft dann nach außen, wo sie in eine musikalischen Endlosschleife mündet. Selbst wenn man die Nadel aufs Label in der Plattenmitte setzt – ansonsten ein sicherer Materialkiller –, ertönt Musik. Und aus einem bestimmten Winkel betrachtet, erheben sich aus dem schwarzen Vinyl beim Abspielen Hologramme von Engeln.

Das hat sonst keiner, und Jack White ist sehr stolz auf diese Marktführerschaft. Es ist ein bisschen Spielerei, aber dieser Spieltrieb ist ziemlich authentisch – und er feiert das Neue am Alten, das Moderne in der Tradition. Genau so handhabt er es auch mit der Musik selbst. Das beste Beispiel wird geboten, wenn man die „Ultra LP“ oder ihre handelsübliche Tonträgerverwandtschaft anhört.

Bluesrock? Ja. Folkrock? Ja. Classic Rock? Ja. Ich-weiß-wie-Led-Zeppelin-heute-klingen-würde-Musik? Ja. Manchmal fragt man sich, ob diese Mischung dem Zufall entspringt oder ob er dann einfach mit „Just One Drink“ mal kurz ein Stück macht, das die Stones auf „Beggar’s Banquet“ vergessen haben könnten. Es muss ihm richtig Spaß machen, die Hörer mit dem Titelstück „Lazaretto“ schön aufs Led-Zep-Gleis zu setzen, das dann schon beim nächsten Song „Temporary Ground“ endet. Die Countryhymne ist dem US-Musikwissenschaftler Mack McCormick gewidmet, mit dem White den Forschergeist teilt.

White kreist elf Songs lang über dem weiten Feld des Rock‘n’Roll und taucht hier und da mal ab. Das kann bisweilen ganz schwelgerisch-fröhlich sein mit Schusterterzgesang auf einer kleinen Piano-Melodie wie in „Alone in my Home“. In „Entitlement“ winselt gar die Pedalsteel-Gitarre. Aber es wäre kaum Jack White, wenn er nicht zwischendurch Störfeuer einbauen würde. Und kaum hat es sich ausgewimmert, kreischen Computervögel oder so etwas herum, und dann poltert „That Black Bat Licorice“ heran, White überschlägt sich beim Singen fast, aufgekratzte Gitarre und oktaviertes Klavier kämpfen um die beste Melodie, und für ein eckiges Solo ist am Ende auch noch Platz.

Es ist viel drin in diesem Album, man will es nochmal hören. Und nochmal. Und nochmal. Dass ein Jack-White-Album nicht mehr innovativ ist, ist seine eigene Schuld, er hat sich die Messlatte mit all seinen Projekten ziemlich hoch gelegt, fast jedes Feld beackert und bewiesen, dass er auf all diesen Feldern was zu bestellen hat. Und die Zahl der ihm Nacheifernden steigt.

Kürzlich hat er mal wieder den hassgeliebten Kollegen von den Black Keys (die auch gerade ein  neues Album namens „Turn Blue“ veröffentlicht haben) eine verpasst: „Ich höre Musik in der Werbung und denke, das klingt wie meins. Manchmal denke ich, das bin ich. Meistens sind es dann die Black Keys.“ Auch Adele oder Lana Del Ray bekommen ihr Fett weg, wenn White in Pöbellaune ist. Dass er gerade im großen Stil zurückgerudert ist und sich auf seiner Homepage entschuldigt hat, und zwar bei allen, die er je beleidigt hat, für alles, was er ihnen je an den Kopf geschleudert hat – das glaubt ihm sowieso keiner. Und wenn, dann nur so lange, bis er wieder mal in Black-Keys-Stimmung ist.

Wer gut ist, gibt Orientierung. Und fördert Nachahmer. Nur den anderen, den Rentner Jack White muss dieser nicht mehr fürchten.
Jack White: „Lazaretto“ (XI Beggars Group/Indiego).

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