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Kultur Jack Whites Erweckungsgottesdienst
Nachrichten Kultur Jack Whites Erweckungsgottesdienst
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20:56 27.06.2012
Von Marina Kormbaki
Laut, schnell, virtuos: Jack White. Quelle: dpa
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Berlin

Er ist jetzt in der blauen Periode seines Schaffens angelangt. Die rot-weiß-beschränkte Optik aus den Tagen der inzwischen aufgelösten The White Stripes ist längst verblasst, Jack White taucht den Bluesrock nun in schattiges Blau.

Blassbläulich schimmert die Telecaster, der White an diesem Abend im Berliner Tempodrom, bei der Vorstellung seines Solodebüts „Blunderbuss“, unerhörte Quietsch- und Quengellaute entlocken wird. Eisigblau leuchten die Schulterklappen auf seinem schwarzen Hemd, so als hätte ihn jemand für seinen Dienst am Rock’n’Roll mit den höchsten Rangabzeichen versehen. Und fahlblau ist das Scheinwerferlicht, das dem blassen White eine Gesichtsfarbe verleiht, die unter anderen Umständen Anlass zur Sorge wäre.

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Aber die Umstände an diesem ersten von drei ausverkauften Deutschland-Konzerten sind laut und schnell und von einer solch brachialen Virtuosität, dass Zweifel am Wohlbefinden des Mannes auf der Bühne ganz und gar unangebracht wären. Jack White strotzt vor Energie. Davon hat er mehr, als ein Mensch braucht, also gibt er gern etwas ab: Der 36-Jährige aus Nashville, Tennessee, gilt als Wiederbeleber des Bluesrock, und so geistreich und kraftvoll, wie er an diesem Abend aufspielt, beschert er auch seinen rund 4000 Fans in der kathedralenähnlichen Halle ein quasireligiöses Erweckungserlebnis. „God bless you“, wird er am Ende des Abends seinem Publikum zurufen. Schon passiert.

In den zurückliegenden 15 Jahren hat sich White ein großes Songrepertoire erarbeitet, mit wechselnder Begleitung. Seiner Exfrau Meg brachte er ein paar Trommelschläge bei, gemeinsam waren sie das Duo The White Stripes und bespielten sechs Alben mit dilettantisch-genialem Rumpelrock. Mit dem US-Sänger und Gitarristen Brendan Benson gründete White die Südstaaten-Rocker The Raconteurs; mit Hut, Weste und Westernklavier. Mit Alicia Keys hat White den James-Bond-Titelsong „Another Way To Die“ eingespielt. Und Alison Mosshart, eigentlich Sängerin der Kills, tat sich mit White zu The Dead Weather zusammen. Die beiden ringen selbst dem rauesten, trockensten Riff ein Quantum Lebenslust ab.

Whites Musikerfreunde mögen noch so unterschiedlich sein, sobald sie mit ihm ins Studio gehen, entstehen Songs, die unverkennbar nach White klingen. Bei keinem anderen Gitarristen fiepen die Soli so, als würde ein Matrose in Seenot allerletzte Morsezeichen aussenden. Und nur wenige legen Wert auf einen perkussiven Saitenanschlag, der jede Trommelsektion mühelos ersetzen könnte.

White Stripes, Raconteurs, Dead Weather - das ist Jack White, alles seins, wie auch die Setlist seiner Solotour zeigt. Darunter finden sich eine Menge White-Stripes-Songs, „Black Math“ zum Beispiel und auch „The Hardest Button To Button“. Jetzt aber, da White die kantigen Stücke mit einer richtigen Band spielt - mit Bass, Keyboard und einem professionellen Schlagzeuger - wirken die White-Stripes-Aufnahmen im Nachhinein wie bloße Skizzen. Viel Weißraum war da, der nun mit dickem Strich ausgefüllt wird.

Und natürlich fragt sich jeder in der Halle: Spielt er’s oder spielt er’s nicht? Jenes fanfarengleiche Stück, das in der Grölvariante aus keinem Stadion mehr wegzudenken ist: „Seven Nation Army“. Man würde es White nicht verdenken, wenn er drauf verzichten würde. Der Song hat sich längst als Fußballklischee verselbstständigt. Und doch ist man White dankbar, als er - sehr tief, arg verzerrt und ganz zum Schluss - das martialische Riff anstimmt: Das Sieben-Länder-Heer stampft grollend heran, angeführt von Feldmarschall White. Und der erobert sich seine Hymne zurück.

Ein Triumph.

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