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Kultur Jahrhunderte alte jüdische Rolle entpuppt sich als Schatz
Nachrichten Kultur Jahrhunderte alte jüdische Rolle entpuppt sich als Schatz
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00:15 24.02.2013
Von Simon Benne
Wertvolle Entdeckung: Diese Schriftrolle lag Jahrhunderte lang unbeachtet in der Leibniz-Bibliothek. Jetzt hat sie sich als wahrer Schatz entpuppt.
Wertvolle Entdeckung: Diese Schriftrolle lag Jahrhunderte lang unbeachtet in der Leibniz-Bibliothek. Jetzt hat sie sich als wahrer Schatz entpuppt. Quelle: Surrey
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Hannover

Langsam schwingt die zentnerschwere Stahltür auf. Sie gibt den Blick frei in das Allerheiligste der hannoverschen Leibniz-Bibliothek: Hier, im begehbaren Tresor, mehrfach gesichert, lagern kostbare Handschriften aus dem Mittelalter oder aus der Leibniz-Zeit. „Der Raum ist klimatisiert, wir haben hier ständig 50 Prozent Luftfeuchtigkeit und 19 Grad Celsius“, sagt Martin Brederecke, der Chefrestaurator des Hauses. „Pergament ist empfindlich. Schwankt die Luftfeuchtigkeit, kann es schnell brechen.“

Gleichwohl wird einer der kostbarsten Schätze diesen Raum jetzt für ein paar Stunden verlassen: Die 1746 aus Kalbspergament gefertigte „Esther-Rolle“ wird am Sonntag einem handverlesenen Kreis von Gästen präsentiert - in einem Saal, der mit einer eigens herangeschafften Anlage seit Tagen vorklimatisiert wird.

Über Jahrhunderte lag eine jüdische Schriftrolle fast unbeachtet in der Leibniz-Bibliothek. Jetzt wurde sie untersucht - und entpuppt sich als wahrer Schatz.

Die fragile, etwa 6,50 Meter lange Schriftrolle, deren Text das biblische Buch Esther erzählt, lag über Jahrzehnte fast unbeachtet in der Bibliothek - ganz ähnlich wie der auf Goldblech verfasste „Goldene Brief“ eines birmanischen Herrschers von 1756, dessen Bedeutung erst vor zwei Jahren erkannt wurde. „Die Rolle war lange unerforscht, wir wussten kaum etwas über sie“, sagt Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt. Jetzt hat der Düsseldorfer Historiker Falk Wiesemann sie untersucht. In jahrelanger detektivischer Kleinarbeit hat er die Schriftrolle unter die Lupe genommen, mit ähnlichen Stücken in der halben Welt verglichen - und einen einzigartigen Schatz neu entdeckt. Das Prunkstück muss als herausragendes Zeugnis jüdischer Kultur in Deutschland gelten: „Es gibt einige wichtige Esther-Rollen aus dem 18. Jahrhundert“, sagt der Historiker, „aber keine ist so üppig illustriert wie diese.“

Tatsächlich zieren Dutzende farbenprächtige Bilder die 14 aneinandergeklebten Pergamentblätter - darunter springende Hirsche oder Musikanten in Narrenkostümen. Das passt zu der teils schelmischen Geschichte, die die Rolle in 26 Textspalten, sogenannten „Kolumnen“, erzählt: Der Perserkönig Ahasverus heiratet darin die schöne Jüdin Esther. Diese hilft mit viel Cleverness, ein Mordkomplott gegen die Juden zu vereiteln. Am Ende werden die Feinde der Juden vernichtet. An diese (historisch nicht verbürgte) Begebenheit erinnern Juden bis heute beim Purim-Fest, das oft von Maskenumzügen oder Gelagen flankiert wird. Wenn der Text in der Synagoge verlesen wird, schlagen Kinder immer dann mit speziellen Rasseln Krach, wenn der Name des Schurken Hamann erklingt.

„Für die Synagoge kann die Rolle der Leibniz-Bibliothek aber kaum gedient haben“, sagt Forscher Wiesemann. Sie ist nämlich seltsamerweise nicht auf Hebräisch verfasst, sondern auf Deutsch. Wenn die Rolle aber keine rituelle Funktion hatte - wozu war sie dann bestimmt?

Auf welchem Wege der Schatz vor Jahrhunderten in die Bibliothek kam, liegt im Dunkeln: Ein ungarischer Gelehrter notierte 1752, er habe in Hannover die Esther-Geschichte „auf einer ungefähr drei Klafter langen Pergamentrolle“ gesehen: „Diese hat der König um 100 Taler von einem Juden gekauft.“ Im Bibliothekskatalog von 1867 fand Wiesemann eine weitere Notiz: Die Rolle, heißt es dort, „ward im Jahre 1746 von Wolf Cohn zu Hildesheim gekauft für 60 Thaler“. Tatsächlich findet sich in der Rolle der Vermerk „W.C.J. a Hildesheim 1746“. Doch wie Wiesemann herausfand, hatte sich dort nicht der Händler verewigt - sondern der Hersteller.

Der Historiker hat Handschriften verglichen, Archive durchforstet - und schließlich als Urheber der Rolle den Hildesheimer Kalligraphen und Thorarollenschreiber Wolf Leib Katz Poppers ausgemacht. Von diesem sind verschiedene Gebetbücher in einem ganz ähnlichen Stil überliefert. Poppers - sein Name „Katz“ ist eine Variante des jüdischen „Cohn“ - stammte ursprünglich aus Teplitz in Böhmen und gehörte einer Gruppe jüdischer Künstler an, die damals eine Renaissance illustrierter Handschriften initiierten. Gerne nahmen sie sich dabei das Buch Esther vor. Anders als bei Thorarollen sind die rabbinischen Bestimmungen für dessen Illustration nicht so streng: Beim Buch Esther, in dessen Text das Wort Gott nicht ein einziges Mal auftaucht, sind üppige Dekorationen erlaubt.

Für einige Abbildungen stand ein 1709 erschienenes „Narrenbuch“ Pate, als dessen Verfasser der berühmte Wiener Hofprediger Abraham a Sancta Clara gilt. Den deutschen Text für die Rolle übernahm der Schreiber kurzerhand aus einer 1723 in Lüneburg erschienenen Luther-Bibel. Die so entstandene Rolle ist gewissermaßen der Versuch eines interreligiösen Brückenschlages: „Sie wurde wohl für Adressaten geschaffen, die selbst keine Juden waren“, sagt Wiesemann.

Einen weiten Bogen schlägt die Esther-Rolle auch über die Jahrtausende: Die biblischen Figuren in den Bildern tragen Kleider des 18. Jahrhunderts. Königin Esther erinnert verdächtig an Kaiserin Maria Theresia, und ihre Hofleute muten teils an wie österreichische Militärs.

Maria Theresia hatte um 1744 die Ausweisung der Juden aus Prag und Schlesien angeordnet. Allerdings gingen damals in vielen Palästen „Hofjuden“ ein und aus, die den Mächtigen teils als Geldbeschaffer dienten und gewisse Privilegien genossen. Womöglich, vermutet Wiesemann, wollten Wiener Hofjuden ihren bedrängten Glaubensbrüdern beistehen und den Hof mit einer prächtigen Gabe gnädig stimmen: „Es ist durchaus plausibel, dass sie die Rolle als Geschenk bei Poppers in Auftrag gaben“, sagt er. Eine kostbare Schrift also, die christlich-jüdische Gemeinsamkeiten betont - und davon erzählt, wie Feinde der Juden ein böses Ende nehmen. So gesehen hätte diese Esther-Rolle eine subtile politische Botschaft gehabt. Doch ganz sicher ist das nicht: „Diese Rolle“, sagt Bibliotheksdirektor Ruppelt, „birgt noch manches Geheimnis.“

Daniel Alexander Schacht 20.02.2013