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Kultur James Blunt verzückt 10.000 Fans in Hannover
Nachrichten Kultur James Blunt verzückt 10.000 Fans in Hannover
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19:31 27.03.2011
Von Uwe Janssen
Einer zum Anfassen: James Blunt bahnt sich zu Beginn der Show seinen Weg durchs Publikum.
Einer zum Anfassen: James Blunt bahnt sich zu Beginn der Show seinen Weg durchs Publikum. Quelle: Martin Steiner
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„Oh“, sagt James Blunt und blickt in den Saal, „alle sitzen!“ Dann hebt der Popstar zu einer kleinen Witzelei über das Altern an, und dass es ja viel gemütlicher sei zu sitzen, er werde nun vier Stunden Balladen spielen, und irgendwann so gegen zwei Uhr nachts werde er dann mit schnellen Liedern beginnen, damit es doch noch ein richtiges Rockkonzert wird.

Was will uns der Künstler damit sagen?

Man weiß es nicht genau. In der mit 10.000 Menschen gefüllten TUI Arena herrscht jedenfalls ein wenig Irritation ob dieser Ansage nach einer guten Viertelstunde des Konzertes. Macht sich der Brite über sich selbst lustig? Oder über seine Kritiker, die ihn einen Schnulzenheini schimpfen? Oder bedauert er in solchen Momenten vielleicht doch, kein Rocker zu sein, der mit schneidenden Gitarrenriffs dicht gedrängte Reihen von schwitzenden Körpern in Ekstase versetzt? Manche Zuschauerinnen – die Frauenquote ist hoch, die meisten Männer sehen im doppelten Sinne mitgenommen aus – verstehen die Ansage als Aufforderung aufzustehen. Und setzen sich ziemlich bald wieder hin. Denn wie zur Bestätigung seiner Kritiker spielt Blunt „Carry you home“, bei dem einem zur Not ein Stuhl am Hintern wachsen würde.

Vielleicht war es ja einfach nur ein missratener Witz und eigentlich nett gemeint. Aber er muss sich sowieso nicht für irgendetwas entschuldigen. Blunt ist nun einmal der Balladenmann. Dafür lieben sie ihn. Für die Fähigkeit, seinen Zuhörern mit ganz einfachen Worten und ganz einfachen Akkorden das Herz wärmen oder auch Tränen in die Augen treiben zu können. Den Beweis liefert T-Shirt-Träger Blunt nach einer guten halben Stunde. Da setzt er sich ans Klavier und spielt ohne seine Band und von nur einem Scheinwerfer beleuchtet „Goodbye my Lover“. Seine hohe, heiser-kratzige Stimme passt perfekt in diese Gefühlsseligkeit, sie schluchzt, manchmal kippt sie und macht das Lied zu einem intimen Dreiminutendrama, dessen überwältigender Wirkung man sich bis in den obersten Hallenwinkel kaum entziehen kann. Da ist man plötzlich ganz nah beieinander in der kühlen Architektur der Mehrzweckhalle. Wie konsequent, dass Blunt den Song von einem vieltausendfachen Zuschauerinnenchor zu Ende bringen lässt.

Doch die Sache mit dem Rockstar lässt ihn nicht los: Schon zu Beginn war er durch das Publikum auf die Bühne gestürmt. Abgeklatscht hatten sie ihn wie einen Basketballer vor dem Spiel. Später dreht er noch eine Runde durch den Saal, und zwischendurch fordert er seine Fans auf, sich doch einfach auszuziehen. In Berlin, sagt er, hätten das alle gemacht. Berlin, ja, das sei das beste Konzert seiner Karriere gewesen. So ein Spruch ist aber nicht besonders nett in Hannover, und deshalb zieht sich auch keiner aus.

Musikalisch unternimmt Blunt an diesem Abend nur wenige Ausflüge in den Rock ’n’ Roll. Ausgiebig stellt er sein neues Album „Some Kind of Trouble“ vor, das sich, wenn man es so sehen will, bestens in das bisherige Repertoire des Künstlers einfügt. Hits wie „Wisemen“, „High“, „Stay the Night“ und natürlich „You’re beautiful“ sind übers Programm verstreut, aber für das Publikum in der Halle ist ohnehin jeder Song ein Treffer. Showeffekte gibt es bis auf bunte Videoprojektionen nicht, und die scheint hier auch niemand zu vermissen. Man hängt dem Mann an den Lippen, und weil Blunt ja nicht nur einer zum Zuhören, sondern auch zum Angucken ist, helfen die Großbildleinwände links und rechts der Bühne auch den Fans auf der anderen Hallenseite, ihm tief in die strahlenden ­Augen blicken zu können.

Als Blunt und seine unauffällige, aber solide Begleitband die Bühne erstmals verlassen, sind nicht einmal anderthalb Stunden vergangen. Für einen Zugabenblock kommt der Bejubelte noch einmal zurück. Am Ende spielt er „1973“, auch einer dieser so harmlos daherkommenden, dann aber doch hartnäckigen Ohrwürmer. Wie bei allen seinen Konzerten klettert er mitten im Song auf sein Klavier, breitet die Arme aus und gibt dem Publikum noch mal Feuer. Dann ist Schluss, nicht um drei Uhr nachts, sondern nach gut anderthalb Stunden. Aber jetzt hat er, was er will: Alle stehen und tanzen. Und das mit den nackten Berlinern, das war doch eh gelogen.

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