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Kultur Jan Lieske gewinnt VGH-Fotopreis 2010
Nachrichten Kultur Jan Lieske gewinnt VGH-Fotopreis 2010
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09:26 21.10.2010
Von Uwe Janssen
Ein Elektroherd in einer Behausung ohne Strom - die Arbeiter, die in dieser Baracke wohnen, kochen auf einer offenen Feuerstelle vor der Tür. Quelle: Jan Lieske
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Der Lichtkegel kommt von oben rechts, und er beleuchtet einen dreckigen Herd in einem dreckigen Zimmer. Nein, er beleuchtet ihn nicht, er setzt das verschandelte Küchenmöbel in Szene wie einen Popstar. Der Herd als Held in seltsam erhabener Trostlosigkeit. Ein nutzloser Held zudem: Es gibt in dieser Baracke keinen Strom.

Der hannoversche Fotograf Jan Lieske hat diese Stimmung eingefangen. Sie ist Sinnbild für die bedrückenden Lebensumstände afrikanischer Erntehelfer, die Anfang 2010 in die internationalen Schlagzeilen gerieten, weil sie aus rassistischen Gründen aus der Kleinstadt Rosarno vertrieben wurden. Viele von den insgesamt 2000 Wanderarbeitern sind inzwischen zurückgekehrt, weil sie woanders keine Perspektive haben, und hausen nun in der vagen Hoffnung auf kleine Tagesjobs bei der Orangenernte an den Ausfallstraßen der Stadt. Lieske zeigt in seiner Reportage „Wir leiden hier – ohne Zukunft in Rosarno“ den schwierigen Alltag dieser Männer. Ohne Strom, ohne sauberes Wasser, ohne medizinische Versorgung.

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Für seine berührende Bilderserie wird der Student der Studienrichtung Fotografie an der Fachhochschule Hannover mit dem diesjährigen VGH-Fotopreis ausgezeichnet. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis, bis vor zwei Jahren offen für Profis und Amateure, wird mittlerweile jährlich gezielt an den professionellen Fotografennachwuchs von der Fachhochschule vergeben. Im vergangenen Jahr gewann Lieskes Kommilitone Lucas Wahl mit einer Reportage über Kathmandu, zuvor Patrice Kunte mit einer Serie über das DDR-Kultmoped Simson.

Lieske, der seit 2007 in Hannover studiert, reiste mit einem schreibenden Kollegen nach Süditalien, nachdem er von den Übergriffen und der Vertreibung der Afrikaner gehört hatte. Zunächst seien die Arbeiter misstrauisch gegenüber den Deutschen gewesen, aber schließlich hätten sie erkannt, „dass wir es ernst meinen“.

Lieske, Jahrgang 1976, hat bereits einige Sozialreportagen fotografiert und eine gewisse Erfahrung, aber „es ist doch ein Schock, wenn man es dann sieht“. Zumal sich die Situation in wenigen Jahren drastisch geändert habe. „Früher haben nach der Ernte alle Beteiligten an einem Tisch gesessen und ein großes Fest gefeiert.“ Heute verjagt eine 15.000-Einwohner-Stadt ihre billigen Arbeitskräfte unter fremdenfeindlichen Vorzeichen.

Ein Teil des Preisgeldes will Lieske an einen Helfer vor Ort schicken, der die Arbeiter in Rosarno mit dem Nötigsten versorgt und auf Spenden angewiesen ist. Mit dem Rest der Summe will er neue Fotoprojekte angehen. Er weiß auch schon, wo: Ab Januar macht Lieske ein sechsmonatiges Fotopraktikum bei einer Zeitung in Moskau. „Da ist finanziell erst mal der Druck weg.“

Jan Lieskes ausgezeichnete Bilder der Wanderarbeiter in Kalabrien sind vom 11.  November an in der VGH-Galerie am hannoverschen Schiffgraben zu sehen. An diesem Tag wird auch der Preis verliehen.

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