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Kultur Jean-Michel Jarre und 2500 Nostalgiker in der TUI Arena
Nachrichten Kultur Jean-Michel Jarre und 2500 Nostalgiker in der TUI Arena
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10:56 02.11.2011
Von Uwe Janssen
Führte 2500 Fans durch ein Stück Musikgeschichte: Jean-Michel Jarre. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Willkommen im Musikmaschinenmuseum TUI Arena! In der heutigen Sonderschau sehen Sie elektronische Geräte, die die Musik verändert haben! Große und alte Geräte, deren Geschichte bis ins Jahr 1920 zurückreicht! Musikinstrumente, deren Erfinder nicht Musiker waren, sondern Physiker! Kommen Sie, sehen, hören und staunen Sie über eine Vorführung, wie sie heute nur noch selten zu erleben ist!

Ein ganzer Park von analogen Synthesizern steht da auf der ansonsten schmucklosen Bühne. Es sind Klangerzeugungsmaschinen, denen man zunächst Töne entlockte, weil es ging, und später, weil es Zukunftsmusik war. Heute ist diese Zukunftsmusik Vergangenheit. Und da kommt auch schon der Mann, der die gerade einmal 2500 Museumsbesucher in einer zweistündigen Führung durch diese Vergangenheit begleiten wird. Jean-Michel Jarre, Franzose, 63, Sohn des Filmkomponisten Maurice Jarre und einer der Pioniere vollelektronischer Popmusik.

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Jarre ist Spieler, Bewahrer, Pfleger und Präsentator seines eigenen Schaffens. All das, was damals die Massen verzückte, diese ungehörten, glasklaren, klinischen Tonfolgen und Klangkaskaden, könnte man heute aus einem digitalen Arbeitsplatz mit wenig Tastatur und viel Rechnerleistung holen. Doch der Franzose mit der Rockgitarristenfrisur will zeigen, wie es damals war. Also schart er Tastaturen um sich, hinter denen er wie in einem großen Soundcockpit den Zeremonienmeister gibt. Seine Mitspieler arbeiten im hinteren Bühnenbereich an Geräten, die nicht to go sind, sondern teils wie Spielautomaten oder Haushaltsgeräte aussehen und mit Unmengen von Kabeln verbunden sind.

Jarre selbst hüpft hinter seinen Keyboards wie ein Flumi auf und ab, schüttelt die Mähne, animiert die Fans, hebt immer wieder den Arm und schlägt mit der flachen Hand auf Schlagzeugbecken, die dann elektronisch „pschsch“ oder „pudui“ machen. Dann hastet er zum nächsten Ausstellungsobjekt, um dessen tönende Eigenheiten zu demonstrieren. Das Publikum sitzt und lauscht, klatscht angeregt nach den Stücken, aber ein Funke will während der Lieder so recht nicht überspringen, nicht mal ein elektronischer. Einer ruft: „Hau rein!“ Na, immerhin.

Ist aber auch schwer: Niemand singt da vorne, und alle sitzen oder stehen hinter ihren Instrumenten. Man sieht nicht viel von dem, was sie tun, ein ewiges Problem von Synthiepopbands.

Dabei sind die Melodien durchaus vertraut: Jarre spielt unter anderem Auszüge aus seinen beiden Alben „Oxygène“ (1976) und „Equinoxe“ (1978), die Jahre vor Depeche Mode und Co. in jedem gut sortierten Plattenschrank neben Alan Parsons und Kraftwerk standen. Dazu zeigt die Leinwand Projektionen und gelegentlich auch die Spundlaboranten bei der Arbeit. Laserstrahlen ziehen sich über die Köpfe der Besucher, malen geometrische, tanzende Figuren in die Luft oder unters Dach, soweit es der Videowürfel an der Decke zulässt. Auch dieser optische Zirkus hat sein Innovationspotenzial schon vor Jahrzehnten erschöpft. Heute gibt’s Laserbespaßung in jeder Disko und für unter 100 Euro bei Elektro-Conrad am Steintor. Doch zu Jarres Museumsführung gehört auch das dazu.

Nur das mit dem Mitklatschen will nicht so recht funktionieren – obwohl Jarre immer wieder den Animateur macht. Das ist der Unterschied zwischen cool und kühl.

Als der Altmeister dann an die Laserharfe tritt, kommt aber doch Begeisterung auf. Ein Fächer grüner Strahlen verbindet Bühnenboden mit Hallendecke, wenn Jarre sie mit einem speziellen Handschuh unterbricht, kommen Töne. Das Spektakel des Abends. Ganz ohne Berührung kommt das Theremin aus, ein vor 90 Jahren in Russland konstruiertes Instrument, das gespielt wird, in dem man mit den Händen ein elektromagnetisches Feld zwischen zwei Antennen beeinflusst. Das heulende Geräusch kennt man aus alten Science-Fiction-Filmen, wenn die Ufos kamen. Jarre lässt es noch einmal wimmern, und er wirkt wie ein Magier, wenn er seine Hände beschwörend über das Gerät hält.

Nach zwei Stunden geht die Führung umjubelt zu Ende. Man hat Musikgeschichte erlebt – und nebenbei noch etwas Gutes getan. Jedenfalls ein kleines bisschen. Ein Cent pro Ticket spendet Jarre an die Unesco. Das macht an diesem Abend satte 25 Euro. Ungefähr ein Drittel einer Konzertkarte.