Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Jelinek bringt Fukushima auf die Bühne
Nachrichten Kultur Jelinek bringt Fukushima auf die Bühne
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:01 30.09.2011
Foto: Ein halbes Jahr nach Fukushima legt Elfriede Jelinek das Theaterstück zur Katastrophe vor.
Ein halbes Jahr nach Fukushima legt Elfriede Jelinek das Theaterstück zur Katastrophe vor. Quelle: dpa
Anzeige
Köln

Das Kölner Schauspiel, zuletzt zweimal in Folge „Theater des Jahres“, bleibt sich treu: Wieder bringt es ein Elfriede-Jelinek-Stück unter der Regie von Karin Beier (45), und wieder müssen die Schauspieler am Ende zum Verbeugen mit Gummistiefeln auf die Bühne. In der letzten Spielzeit watete das Ensemble durchs Wasser, diesmal durch rutschigen Schlamm - die Szenerie: Japan nach der Atomkatastrophe.

Fukushima ist nun wirklich ein Thema, von dem man erwarten konnte, dass Jelinek es aufgreifen würde. Ihre große Stärke ist das Sezieren der Sprache, sie zerlegt verhüllende oder achtlos verwendete Formulierungen, und dafür bietet sich der Reaktor-Wortschatz geradezu an. Die österreichische Nobelpreisträgerin spottet über „Elemente, mit denen wir für die Kunst brennen, kurz Brennelemente“. „Du solltest mal an deiner Ausstrahlung arbeiten“, sagt jemand. Und: „Wir fischen im Trüben, nein, im Trübsinn.“ Die Grenze zum Kalauer ist - wie immer bei Jelinek - fließend.

Beier - die „The Guardian“ als die derzeit „begehrteste deutsche Theatermacherin“ bezeichnet - versteht es, eine Atmosphäre völliger Trostlosigkeit und Beklemmung zu schaffen. Insgesamt kann „Kein Licht“ aber nicht überzeugen. Es ist ein Schwall von Texten, die meist in keinem erkennbaren Zusammenhang stehen. Schon klar, dass man von Jelinek kein Drama mit einem richtigen Anfang und Ende erwarten darf, schon gar nicht angesichts einer Katastrophe, deren Dimensionen sich gar nicht in Worte fassen lassen.

Ein Stück über Fukushima muss verstören. Aber irgendeine Grundidee, irgendeinen roten Faden darf sich der Zuschauer wohl wünschen. Bei Jelinek verliert sich die Anklage im Diffusen und Absurden - konkret attackiert werden lediglich die Medien, die mit dem Leid der Menschen Umsatz und Auflage machen.

Außerdem ist das Stück mit noch nicht mal einer Stunde merkwürdig kurz geraten, und das bei Jelinek, die doch für ihre nicht enden wollende Sprachfolter bekannt ist. Der ausgerollte Textteppich ist diesmal nur ein Bettvorleger.

Besser ist das Stück, das vor der Pause läuft. „Ein komisches, abgründiges Spiel vom Fragen über Potenziale und Gefährdungen der westlichen Demokratie“, wie Beier schreibt. Es trägt den Titel „Demokratie in Abendstunden“ und ist eine Collage aller möglichen Texte, von Rainer Maria Rilke bis Al-Kaida, die Beier mit anderen zusammengestellt hat. Das Stück zu Stuttgart 21, könnte man sagen - jedenfalls wimmelt es von Wutbürgern und frustrierten Egomanen, die sich ständig beklagen und schimpfen.

Vor allem im ersten Teil werden die Texte sehr interessant und unterhaltsam in die Rahmenhandlung einer Orchesterprobe eingebettet. Hier darf man die Musiker wohl als das Volk und den Dirigenten als die politische Klasse begreifen. Die Musiker proben den Aufstand. Später zerfasert das Ganze und gleitet ins Chaos ab - hier gibt es deutliche Längen. Aber am Ende gehen die Musiker wie nach einer gelungenen Probe wieder nach Hause: Alles war doch nicht richtig ernst gemeint.

Beier gelingen einige eindringliche apokalyptische Bilder: Einmal fegt ein Sturm über die Bühne und bläst zahllose Papierbögen vor sich her, dann laufen Ströme schwarzer Farbe die Bühnenwände hinunter. Alles in allem ein Theaterabend, der niemanden kalt lassen wird. Beier und ihr strapazierfähiges Ensemble wurden vom Premierenpublikum heftig beklatscht.

dpa