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Nachrichten Kultur Jetzt soll „Captain America“ das Vaterland retten
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01:12 19.08.2011
Von Stefan Stosch
Im Zeichen des Sternenbanners: Captain America zieht noch einmal in den Zweiten Weltkrieg. Quelle: Paramount
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Auffällig ist das schon: Je mehr der amerikanischen Politik Strahlkraft und Handlungsfähigkeit abhanden kommen, desto mehr Superhelden schickt Hollywood ins Kino. Als Barack Obama ins Weiße Haus einzog, wurde er selbst noch als Heilsbringer im Gummikostüm karikiert. Diese kraftprotzerischen Zeiten sind vorbei. Inzwischen hat Obama die 50 erreicht, sein Haupthaar wird langsam grau. Der Präsident muss schon froh sein, wenn er seinen Laden noch einigermaßen in Schwung halten kann.

Doch mag die USA auch ihren Status als Supermacht bedroht sehen, es gibt noch Hoffnung in dem von Wirtschafts- und Schuldenkrise gebeutelten Land. Und zwar im Kino: Zumindest auf der Leinwand würde ein Rating amerikanischer Helden die Höchstnote erhalten. Die schier unbezwingbaren Protagonisten heißen X-Men, Spider-Man, Thor oder auch Hulk, stammen aus Comics und sind allesamt Typen, die nicht danach fragen, was Amerika für sie tun kann, sondern danach, was sie für ihr Land tun können.

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Am kommenden Donnerstag tritt nun auch noch „Captain America“ aus der Marvel-Dynastie zur Rettung des Vaterlandes an. Mit dem war nicht unbedingt zu rechnen – auch wenn er in diesem Jahr seinen 70. Comic-Geburtstag feiert. Captain America wurde als draufgängerischer Patriot kurz vor dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor in die Comic-Welt hineingeboren.

Ein von der Musterungskommission abgelehnter Hänfling namens Steve Rogers verwandelt sich dank eines Superserums in einen Supersoldaten und räumt fortan mit Nazis und Kollaborateuren auf. Auf dem von Joe Simon und Jack Kirby gezeichneten ersten Heft schwingt der Captain die Faust gegen Adolf Hitler persönlich. Bekleidet ist er mit einem rot-weiß-blauen Dress – den Farben des Sternenbanners, der amerikanischen Flagge. Sein Kampfauftrag lautet: Propaganda in US-Diensten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet der Superheld erst einmal in Vergessenheit. Kurzzeitig gab es keine rechte Verwendung mehr für einen Propagandisten wie ihn. In den Sechzigern fand Captain America als Kommunistenjäger im Kalten Krieg eine neue Mission, musste allerdings zunächst einmal aufgetaut werden: Er lag schockgefroren in einem eisigen Grab in arktischen Gefilden. Sein Leben hatte er fürs Vaterland gelassen. Darauf spielt auch der Film in einer Rahmenhandlung an.

Regisseur Joe Johnston („Jurassic Park III“, „Wolfman“) weiß natürlich, dass im Kino des 21. Jahrhunderts kein Platz mehr für solch einen Hurra-Patrioten ist. Er müht sich redlich, den ideologischen Ballast der Vorlage abzuwerfen. Einfach ist das nicht: Sein Film spielt beinahe komplett im Zweiten Weltkrieg. Johnston lässt seinen Superhelden allerdings nicht direkt auf die Nazis los. Eine von Hitler abgefallene Geheimorganisation namens Hydra will die freie Welt zerstören.

So bleibt die große Politik schon mal außen vor. Außerdem klingt der Ruf „Heil Hydra!“ auch viel besser als „Heil Hitler!“. Und bevor Steve Rogers (Chris Evans) in einem metallenen Käfig seine Injektionen verpasst bekommt, um sodann als Muskelmann mit Zahnpasta­lächeln wieder hervorzutreten, wird ihm noch schnell sein Auftrag eingeimpft: „Du sollst kein perfekter Soldat sein, sondern ein guter Mensch.“ Dagegen kann niemand etwas haben.

Später in seiner Karriere hat sich Captain America tatsächlich auch zu universellen und nicht nur zu amerikanischen Werten bekannt. In der Watergate-Affäre beispielsweise ließ er sich kritische Worte über die eigene Regierung entlocken, und er war sogar zu sozialkritischen Tönen fähig – Freunde außerhalb Amerikas fand er trotzdem nicht. Nach der politischen Wende 1989 wurde es ruhig um den Helden, eindeutig identifizierbare Gegner fehlten plötzlich. Erst die Anschläge vom 11. September bescherten dem patriotischsten aller Comic-Patrioten noch einmal eine neue Aufgabe: Captain America bekämpfte arabische Terroristen.

Vor vier Jahren hat er in einem Hinterhalt sein Comic-Leben ausgehaucht. Auf der Leinwand kehrt er nun zurück und entspricht damit dem Trend: Sieht die Wirklichkeit düster aus, sind unkaputtbare Helden im Kino umso mehr gefragt. Wenn aber einer wie „Captain America“ reanimiert wird, klingt das beinahe nach letztem Aufgebot. Es muss schlimm stehen um Amerika.

Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist in diesem Film kein Problem: Angeführt werden die Schurken von Red Skull (Hugo Weaving), dem Lieblingsgegner des Captains schon in den Comics. Ihm muss das Handwerk gelegt werden. Der blutrote Totenkopfschädel hat Waffenarsenale überall in Europa angelegt, die einen seltsam futuristischen Schick in die Weltkriegswelt bringen. Die hier präsentierten Raketen und Düsenjets könnten auch dem technikbegeisterten James Bond aus der Ära des Kalten Krieges gefallen.

Derweil sucht der Kinozuschauer verzweifelt nach Anzeichen von Selbstironie oder gar Selbstzweifeln, aber da sind nur Pathos und Ernsthaftigkeit. Kann es wirklich sein, dass Hollywood einen so unreflektierten Kämpfer mobil macht?

Am Ende findet sich ein verwirrter Captain America auf dem New Yorker Times Square und in unserer Gegenwart wieder. Der Zeitsprung deutet darauf hin, dass der Captain noch auf Dienstschluss warten muss: Im Mai 2012 ist der nächste Blockbuster mit ihm geplant – dies hier ist quasi ein Appetitanreger.

In „The Avengers“, die Rächer, so der Titel des nächsten Blockbusters, soll Captain America einen ganzen Trupp von Superhelden anführen. Der Rot-Weiß-Blau-Gewandete tut sich zusammen mit Thor, Hulk, Iron Man und wohl noch ein paar anderen – so wie in den Comics der sechziger Jahre auch. Hollywood kommt die Teamarbeit gelegen, denn nun werben die Superhelden gemeinsam für alle weiteren Filme aus dem unerschöpflichen Comic-Universum. Und doch wirkt das geballte Auftreten der Kämpfer so, als sei die Verzweiflung gewaltig: Ein Superheld allein wäre womöglich überfordert damit, Amerika aus dem Schlamassel herauszuboxen.

Kinostart: 18. August.

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