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Kultur Król bringt seinem Publikum Camus bewegend nahe 
Nachrichten Kultur Król bringt seinem Publikum Camus bewegend nahe 
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00:17 12.01.2018
Berührender Auftritt: Joachim Król und das Orchestre du Soleil im Schauspielhaus. Quelle: Foto: Kutter
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Hannover

 Bald blickt er ins Buch, bald über den Brillenrand ins Publikum, er gestikuliert mit den Armen, moduliert die Stimme, lässt darin Heiterkeit, Trauer, Einsamkeit aufscheinen. So variantenreich, so kunst- und spannungsvoll  weiß Joachim Król vorzutragen – und oft wird der Schauspieler dabei für das Publikum geradezu zum Alter Ego von Jacques Cormery, der wiederum das Alter Ego von Albert Camus ist. 

Denn Cormery ist die Hauptfigur von Camus‘ Roman „Der erste Mensch“. Doch was heißt hier Roman? Das Buch ist das erst 1994, 30 Jahre nach dem Unfalltod des Schriftstellers, veröffentlichte Manuskript eines deutlich autobiografischen Werks. Darin schildert der durchaus gegen seinen Willen gern als existenzialistisch etikettierte und 1957 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Camus vor allem seine schwere Kindheit. Wie seine Figur Cormery ist auch Camus 1913 geboren, der Vater stirbt 1914 als Weltkriegssoldat, die Mutter, Analphabetin und nahezu taub, überlässt der schroffen Großmutter die Erziehung im engen Milieu der ärmeren Algerienfranzosen in der damaligen Kolonialhauptstadt Algier

Last der Verhältnisse

Król lässt diese Last der Verhältnisse auf der Bühne des ausverkauften Schauspielhauses spüren, zeigt Cormery mal leidend, mal wütend, mal freudig sinnend. Der Schauspieler, zuerst als Darsteller in Komödien, später als „Tatort“-Kommissar bekannt geworden, stellt mit dieser Lesung erneut unter Beweis, dass er auch ganz anders kann.  Dass er vom leichten ins ernste, geradezu getragene Fach zu wechseln vermag – was schon bei seinem mit Maria Schrader  eingespielten Hörbuch rund um den US-Außenseiterliteraten Richard Yates deutlich geworden ist. 

Unterstützt wird der mittlerweile 60-Jährige von dem die Lesung – irgendwo zwischen gefällig und gefühlig – begleitenden Quintett Orchestre du Soleil. Dessen Mischung aus arabischem Rai und französischer Musette passt gleichwohl gut zu der algerienfranzösischen historischen Folie, schon allein, weil darin neben Gitarre und Akkordeon, Schlagzeug und Klarinette auch die arabische Oud-Laute ertönt. Doch wichtiger als solche atmosphärischen Klänge oder die auf den Vorhang projizierten Silhouetten von südlicher Sonne, Palmen oder dem nächtlichen Algier sind  die Imaginationen, die Król in den Köpfen hervorzurufen vermag: Der Schauspieler lässt durch seinen Vortrag ein ganzes Figurenensemble vor  dem geistigen Auge der Zuschauer erstehen – und demonstriert  dabei  überdies, dass man auch auf einem Barhocker sitzend geradezu tänzerisch beweglich sein kann.

Bildung als  Ausweg 

So scheinen  die sanfte Mutter, der Onkel Etienne und der Jugendfreund Pierre die Bühne zu bevölkern. Und eben der Lehrer Germain, der für Camus’ Alter Ego  besonders wichtig ist. Denn er überredet die Großmutter, den Jungen aufs Lycee, aufs Gymnasium also, zu schicken, was auch dem jungen Albert Camus den Ausweg aus Armut und Unwissenheit bahnt. „So wurde ich aus der unschuldigen  Welt der Armen herauskatapultiert“, zitiert Król den Schriftsteller schon vor der Pause,  deren Licht manchen im Publikum mit vor  Rührung feuchten Augen zeigt. 

Völlig  unsentimental hat Albert Camus am Lycee beobachtet, dass er, anders als die wohlhabenderen Mitschüler, auf keinerlei familiäre Anknüpfungspunkte zurückgreifen kann, dass er sich „ganz auf meine Kosten allein erziehen muss“, dass er sich damit aber auch gleichsam selbst erschaffen  kann –  als „der  erste Mensch“ eben. Es  geht also um Emanzipation durch Bildung, aber auch um den damit einhergehenden Verlust naiver Unschuld. Ein Rollenwechsel, den Król gleichfalls überzeugend verkörpert. Das Publikum spendet ihm dafür am Ende dieses knapp zweieinhalbstündigen Abends Bravorufe und erhebt sich zu minutenlangem Applaus.  

Joachim Król: „Der erste Mensch“ von Albert Camus. Weitere Auftritte mit diesem Lesungsprogramm gibt es am 10. Januar in Bremen, am 14. in Oldenburg, am 25. in Wolfsburg und am 26. Januar in Kiel

Von Daniel Alexander Schacht

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