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Kultur Jörg Widmann ist an der Musikhochschule Hannover zu Gast
Nachrichten Kultur Jörg Widmann ist an der Musikhochschule Hannover zu Gast
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00:15 16.12.2012
Von Stefan Arndt
Begeistert von Hannovers Musikstudenten: Jörg Widmann. Akpaba
Begeistert von Hannovers Musikstudenten: Jörg Widmann. Quelle: Emine Akbaba
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Hannover

Ein Jahr vor seinem 40. Geburtstag ist der Komponist Jörg Widmann auf der Höhe seines Ruhms. Als seine Oper „Babylon“ im Oktober zur Spielzeiteröffnung an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt wurde, blickte die ganze Musikwelt nach München. 2012 hat sich endgültig herumgesprochen, dass hier ein Ausnahmemusiker am Werk ist, Widmann wird nun regelmäßig mit Henze, Rihm und anderen Größen der älteren Generation in eine Reihe gestellt: Ein Komponist hat sich etabliert.

Umso erstaunlicher, dass Widmann selbst nun einen auf den ersten Blick unspektakulären Auftritt in Hannover als herausragendes Ereignis des Jahres erlebt hat. An der Musikhochschule hat er mit Studenten der Kammermusikklassen einige seiner Werke erarbeitet - und war begeistert von der Qualität und Offenheit der jungen Musiker. „Der Kurs gehört zum Schönsten, was ich 2012 musikalisch erlebt habe“, sagte er beim Abschlusskonzert im Beethovensaal.

Das Konzert ist das Ergebnis einer besonderen Kooperation: Erstmals hat sich die Kammermusikgemeinde Hannover mit der Hochschule zusammengetan und ein außergewöhnliches Doppelkonzert organisiert. Zunächst spielten die Studenten Widmanns Werke, dann bewies der Komponist, dass er nicht nur einer der weltbesten Klarinettisten, sondern auch ein hervorragender Kammermusiker ist. Gemeinsam mit seiner Schwester, der Geigerin Carolin Widmann, und dem Pianisten Oliver Triendl gestaltete er das 948. Konzert der Gemeinde.

Dass das in der Erinnerung der Zuhörer wohl mehr als eine Nummer in der langen Reihe der Veranstaltungen bleiben wird, hat viele Gründe. Allein die sieben Notenständer, die Carolin Widmann braucht, um drei Solostücke ihres Bruders zu spielen, wären ja bemerkenswert genug. Vor allem aber gab es eine Konzentration an ungewöhnlicher Musik und intensiven Interpretationen, wie man sie nur sehr selten an einem einzigen Abend erleben kann.

Der beginnt mit Widmanns Kompositionen. Seine „Fieberphantasie“ ist eine Verbeugung vor Robert Schumann, der später im Konzert die zentrale Rolle spielen wird. In dem Stück für Klavierquintett und Klarinette übersetzt Widmann in seine eigene Sprache, was er bei Schumann „Fieberkurvenmelodik“ nennt: expressive, plötzlich ausbrechende Stimmungsexplosionen, die ebenso jäh wieder abreißen. Musikalische Extremzustände, die, wie Widmann in seiner Einführung einräumt, die Musiker wegen der technischen Schwierigkeiten zunächst oft verzweifeln lassen. Sind aber die ersten Hürden überwunden, mache es Spaß, das Stück zu spielen, so der Komponist.

„Spaß“, das ist eine durchaus exotische Wortwahl für einen Avantgardemusiker, doch sie trifft hier zu. Widmanns Musik ist zwar komplex und streng durchdacht, zugleich tönt sie aber auch wunderbar plastisch und leicht, oft sogar lustig. Im „Jagdquartett“ von 2003 schlagen die vier Streicher zunächst tatendurstig mit ihren Bögen in die Luft, es folgen rustikale Schlachtrufe und eine fröhliche Fanfare. Im Laufe des Stückes aber kippt die Stimmung: Die munteren Jäger werden selbst zu Gejagten. In die Musik schleicht sich das Grauen ein, und am Ende glaubt man fast, den Tod eines Cellisten beklagen zu müssen. Das Quartetto Fauves, das als Ensemble an der Hochschule studiert, spielt all das so präzise und unaufgeregt, dass die Begeisterung im Saal am Ende riesig ist.

Bei vielen seiner Kollegen klingt es wie eine Drohung, wenn sie ankündigen, in ihren Stücken neue klangliche Möglichkeiten zu erkunden. Bei Widmann aber wirkt es wie selbstverständlich, wenn eine Sängerin mit einer Papprolle ins Klavier singt oder eine Geigerin ihr Instrument abklopft. So ungewöhnlich sie auch produziert sein mögen: Es sind immer natürliche, schöne Klänge, die nicht nur konzipiert sind, sondern auch zu den Herzen der Zuhörer sprechen.

Diese direkte Ansprache gelingt Widmann auch als Klarinettist. Schon in der Suite aus Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ für Geige, Klarinette und Klavier und später in Bartóks „Kontrasten“ gibt es hier ein kleines Glissando, dort einen unakademischen Akzent, was die Musik lebendiger erscheinen lässt, als man es gewohnt ist. Das Trio spielt extrem genau und sorgfältig, ohne sich von der Perfektion lähmen zu lassen: Die Kunst muss immer Spaß machen.

Ernster geht es bei Schumann zu. Jörg Widmann spielt die „Fantasiestücke“ so schlicht, wie es diese gesangliche Musik verlangt - und doch viel intensiver als es mit der puren Wiedergabe des Notentextes möglich scheint. Es ist, als höre man die Essenz der Komposition. Seine Schwester und Pianist Triendl stehen dem in der a-Moll-Violinsonate um nichts nach. So wirken die beiden Akkorde am Ende des ersten Satzes wie eine Zusammenfassung ihrer Interpretation. Die Geigerin (und Intendantin der Musiktage in Hitzacker) spielt sie anders, als bei solchen Schlusswendungen üblich, kurz, schroff und ohne jede Verzögerung. Es ist die einfachste Art, diese Noten zu spielen: Wer viel zu erzählen hat, braucht keine überflüssigen Worte.

Das gilt offenbar auch am Ende des fast vierstündigen Doppelkonzertes. Trotz der anhaltenden Begeisterung im recht gut besuchten Saal gibt es keine Zugabe.

Mehr Kammermusik ist morgen um 19.30 Uhr in der Hochschule zu hören: Bei der „Begegnung in New York“ treffen Streicherensembles auf Popmusiker und Schauspieler. Am 11. Februar kommt die Starsopranistin Annette Dasch ins Sparkassen-Forum. Karten: (0511) 323581.

Stefan Arndt 15.12.2012
Rainer Wagner 15.12.2012