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Kultur Johannes Oerding: "Boxer"
Nachrichten Kultur Johannes Oerding: "Boxer"
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08:00 29.01.2011
Von Uwe Janssen
Am 25. März ist Johannes Oerding im Capitol Hannover.
Am 25. März ist Johannes Oerding im Capitol Hannover. Quelle: Handout
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Johannes Oerding? Ein Name, mit dem man noch nicht einmal im Telefonbuch auffällt. Als Fußballer vielleicht, da schaffen es ja auch heute noch Müller, Meier und Schulz. Aber für das Popgeschäft taugt der Name Johannes Oerding nun gar nicht – oder wenn, dann nur im Zusammenhang „... der mit bürgerlichem Namen Johannes Oerding heißt“. Da glitzert nichts, das ist viel zu normal für einen Popstar, wenn man mal von der Grundannahme ausgeht, dass Popstars zu glitzern haben.

Aber an Johannes Oerding glitzert nun mal nichts. Weder der Name noch der Typ. Sieht gut aus, trägt aber normale Klamotten, spielt Gitarre und singt. Das machen viele. Aber er hat es bis in die Charts geschafft. Und nun sogar bis in die Klatschspalten, wenn auch dort nur als „16 Jahre jüngerer Sänger“. Der, wie jetzt Boulevardzeitungen meldeten, von einer Entertainerin geliebt wird, die es mit einem ebenso gewöhnlichen Namen mittlerweile zu einem der größten Darlings in der deutschen Unterhaltungsszene gebracht hat: Ina Müller. Die 45-Jährige holte Oerding erst in ihre preisgekrönte Kneipenshow „Inas Nacht“, nun ist er auch noch als junger Lover in den Schlagzeilen und bietet Anlass, mal wieder über Beziehungen junger Männer mit deutlich älteren Frauen zu sinnieren.

Das könnte man alles für eine gut getimte Marketingkampagne halten, schließlich erscheinte am 29. Januar „Boxer“, das zweite Album des 29-jährigen Songschreibers. Doch der Rheinländer Oerding hätte diesen zusätzlichen Scheinwerfer vermutlich gar nicht gebraucht. Erstens ist die Zeit gerade gut für deutschen Befindlichkeitspop. Und zweitens ist seine Stimme im Gegensatz zu seinem Namen außergewöhnlich: weich und soulig variabel zwar, aber mit leichtem Soulschorf, der seinen Gitarrenpopsongs eine gute Portion Authentizität verleiht.

Sein Debütalbum „Erste Wahl“ gefiel der Sony so gut, dass sie den Künstler unter Vertrag nahm und das Album erneut veröffentlichte. Zudem verhalfen ihm viele Livekonzerte zum Geheimtippstatus – und darüber hinaus. Kein Wunder: Oerding ist einer dieser Typen, die sich eine Gitarre umhängen und zu einer Einmannband werden, der man Aufmerksamkeit schenkt. Egal, ob im Konzert, in der Kneipe oder in der Fußgängerzone. Und das zunächst mal unabhängig davon, um was es in den Liedern geht. Aber um was geht es eigentlich?

Es geht um das Übliche. Du und ich und die Liebe und die Gefühle. Das ist Mainstream, das ist Radiofutter. „Halt mich fest, vergiss den Rest“, singt Oerding oder „Wenn du mich brauchst, dann komm ich zu dir“. Nicht die Krone der Sprachschöpfung, aber es ist eben Soul, und da kommt es weniger auf die Wahl der Worte an als auf ihren Klang, darauf, wie man sie mit der Stimme malt. Bei deutschen Texten sind wir da wesentlich strenger als bei englischen. Oerdings Soulhelden wie Marvin Gaye, Otis Redding oder Stevie Wonder waren keine Lyriker, sie waren Klangmaler. Ihr deutscher Bewunderer schafft es – gelegentlich hoch oben am schon fast brüchigen Rand seiner stimmlichen Kapazität –, seinen meist einfach arrangierten Songs kraft seiner Stimme und mittels einfacher Worte ein Gesicht zu geben.

Man wird den Mann noch häufiger im Radio hören in den nächsten Monaten. Und es werden noch mehr Leute zu seinen Konzerten kommen. Das in Hannover am 25. März ist gerade vom Musikzentrum ins dreimal so große Capitol verlegt worden. Nicht schlecht für einen, der Johannes Oerding heißt.

Konzert: 25. März im Capitol Hannover.

Johannes Oerding: „Boxer“ (Sony)

29.01.2011
29.01.2011