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Kultur „Ich fühlte mich wie ein Montagsmodell“
Nachrichten Kultur „Ich fühlte mich wie ein Montagsmodell“
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20:14 26.01.2014
Foto: Anfang Februar erscheint das Soloalbum „Ein leichtes Schwert“ von Judith Holofernes.
 Anfang Februar erscheint das Soloalbum „Ein leichtes Schwert“ von Judith Holofernes. Quelle: Four Music
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Judith Holofernes hat sich wie alle Mitglieder von Wir sind Helden einen Künstlernamen zugelegt und heißt bürgerlich Judith Holfelder-Roy. Die Band, die sich auf unbestimmte Zeit getrennt hat, gewann allein zwischen 2004 und 2006 fünf „Echo“-Preise. Das Soloalbum der 37-jährigen Berlinerin, bei dem Ehemann und Helden-Bandkollege Pola Roy Schlagzeug spielt, ist das zweite. 1999 nahm sie die EP „Kamikazefliege“ auf. Einige Songs erschienen später auf „Helden“-Alben. Die praktizierende Buddhistin ist Mutter eines siebenjährigen Sohnes und einer vierjährigen Tochter.

Man könnte fast den Eindruck gewinnen, Sie hätten sich in der Zeit nach der Trennung von Wir sind Helden gelangweilt?
Ich würde eher sagen, dass ich gemerkt habe, dass ich das Schreiben und das Musikmachen als ständigen Bestandteil meines Lebens brauche, um glücklich zu sein. Ich kann das nicht nur in diesen kurzen Momenten machen, in denen man dann alles raushaut, anschließend geht man anderthalb Jahre damit Gassi und dann darf man sich erst wieder dem Kern zuwenden und eine neue Platte machen.

Haben Sie die Idee, ein Soloalbum zu machen, schon länger mit sich herumgetragen?
Das ist eher so passiert. Als wir mit Wir sind Helden aufgehört haben, da dachte ich eher, dass ich einen Roman schreiben würde. Ich habe mir absichtlich die Zeit gegeben, allen möglichen Quatsch auszuprobieren. Ich habe zwei Buchprojekte angefangen und Tiergedichte geschrieben. Mein Hauptimpuls war, lustbetont und aus dem Bauch heraus meinen eigenen Sachen nachzugehen.

Und so sind auch die Songs entstanden – aus dem Bauch heraus?
Genau. Bis ich aus dem Studio wieder rausgekommen bin und dachte: Ich habe zwar keine Ahnung, wie das jetzt passiert ist, aber es hört sich genau richtig für mich an. Auf keinen Fall bin ich aus Wir sind Helden stepptanzend rausgegangen und habe gerufen „Frei, Frei!“. Aber in einer Band mit vier Köpfen kannst du eben nicht alles, was du an Ideen hast, nach Hause reiten.

Hatten Sie keine Lust mehr auf Kompromisse mit der Band?
Nein, das war es nicht. Für mich hatte das eher etwas damit zu tun, dass ich der Rolle müde war und es sich schwer anfühlte, das Ganze am Laufen zu halten, und ständig im Tourbus durch die Welt zu wuchten.

Handelt der Song „Havarie“ von dieser Zeit?
Das spielte da schon mit rein. Wobei die Idee für den Text schon älter ist und damit zu tun hat, dass ich mich mein Leben lang immer als eine Art Montagsmodell gefühlt habe. Ich war viel krank als Kind. Teilweise hatte das immer einen Anstrich von nicht ganz lebensfähig sein. Die letzten Jahre haben diese Gefühle dann wieder wachgerufen.

In Songs wie „Nichtsnutz“ hört man viel von der alten jugendlichen Trotzigkeit und Verweigerungshaltung, die man von Wir sind Helden kannte.
Stimmt. Ich bin zwar ein sehr freundliches Wesen, aber ich habe dieses Grundgefühl in mir, dass mich die Regeln der anderen Leute nicht unbedingt etwas angehen müssen. Das hat mit Sicherheit viel mit meinem familiären Hintergrund zu tun, ich bin bei einer lesbischen Mutter aufgewachsen, die auch noch alleinerziehend war. Das liegt bei mir also irgendwie in den Genen und kommt mir als Künstlerin entgegen. Und ich interessiere mich sehr für das Thema Freiheit. Und Freiheit liegt zum Beispiel auch im Nichtstun. Und wenn man das weiterdenkt, dann liegt im Nichtstun die ultimative Kapitalismusverweigerung, was ich sehr lustig finde.

Sie sind jetzt 37 Jahre alt. Zeit um erwachsen zu werden?
Das Thema hat mich im letzten Jahr tatsächlich öfter beschäftigt. Ich denke Erwachsenwerden macht einen weder spießiger noch bodenständiger. Man muss nicht mal sehr vernünftig sein, um als erwachsen zu gelten. Ich denke nur, dass wenn man bis 37 noch keine Eier hatte, sollte man sich spätestens dann welche zulegen. Ich finde, Erwachsenwerden bedeutet, Verantwortung für das eigene Wohlergehen zu übernehmen und eine gewisse Kompromisslosigkeit an den Tag legen zu. Ein bisschen Wumms.

Sie gehen demnächst auch auf Tour und werden ohne Ihre alte Band auf der Bühne stehen. Wie fühlt sich das an?
Neulich bei der „1-Live-Krone“, wo wir unheimlich oft als Band aufgetreten sind, da habe ich mich tatsächlich kurzzeitig verloren und komisch gefühlt. Aber ich habe eine so tolle Band gefunden, die mich begleiten wird, dass ich mich wirklich unanständig auf die Tour freue.

Wird es alte Wir-sind-Heldeln-Songs geben?
Ich habe wirklich länger darüber nachgedacht, aber ich kann das nicht machen. Ich kann mir nicht vorstellen, in einer anderen Besetzung als mit meiner Herzensband „Von hier an blind“ oder „Denkmal“zu spielen. Das Komische ist, dass Hardcore-Fans das immer mal wieder fragen. Und ich dann denke, dem muss doch klar sein, dass diese Lieder auch für immer mit dieser Band verbunden sind.

Sie sind mittlerweile zweifache Mutter und haben vor Kurzem mit dem Klischee aufgeräumt, Mutter zu sein, sei das pure Glück. Warum war Ihnen das ein Anliegen?
Weil ich bei mir und meinen Freundinnen beobachtet habe, wie stark der Druck ist, ein bestimmtes Bild zu erfüllen.

Was für ein Bild?
Den Frauen wird einfach wahnsinnig viel Verantwortung auferlegt. Die Presse ist voll davon, dass die Mutter am besten fünf Stunden am Tag Yoga machen sollte, weil das Kind sonst Depressionen kriegt. Natürlich ist es total beglückend, Kinder zu haben. Aber man muss auch mal mit dem Vorschlaghammer auf diese ganzen Mythen losgehen. Schließlich ist Kinderkriegen einer der realsten Vorgänge die es im Leben so gibt, wo die Realität sich in all ihrer Schönheit und in all ihrer Grausamkeit zeigt.

Interview: Nora Lysk

Judith Holofernes’ Album  „Ein leichtes Schwert“ erscheint am 7. Februar. Am 4. April ist sie mit neuer Band im Capitol Hannover zu Gast. Karten in allen HAZ-Ticketshops.

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